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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

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© 2013 jiffy stories im Residenz Verlag

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

ISBN ePub:

Wiener Weltuntergang: Frühling der Toten

von John Aysa

Inhalt

Folge 1: Vorspiel mit Panik

Folge 2: Tod und Wiedergeburt

Folge 3: Die Domina

Folge 4: Sonnengott – Tentakelgott

Folge 5: Anarchie und Anziehung

Folge 6: Leguanlederstiefel

Folge 7: Sterben im Prater

Folge 8: Irrungen, Wirrungen, Beziehungen

Folge 9: Das Chaos beginnt

Folge 10: Das Chaos gewinnt

Folge 11: Unschöne neue Welt

Folge 12: Schweinereien und Lichtblicke

Folge 13: Enthüllungen

Folge 14: Himmelhunde auf Höllenpfaden

Folge 15: Knastschwestern

Folge 16: Sterne und Müll

Folge 17: Fremde Welt – Fremde Zivilisation

Folge 18: Das Herz der Finsternis

Folge 19: Kampf der Kulturen

Folge 20: Es ist voller Sterne

Über den Autor

Folge 1: Vorspiel mit Panik

Hell is only a word … the reality is much, much worse
Event Horizon. [Philip Eisner]

Das erste Vorspiel:
Gegenwart

Blut wird fließen.

Helmut sitzt im Café Ritter, gleich links am Fenster, wenn man bei der Türe hineinkommt. Von seinem Platz auf der abgewetzten Sitzbank aus kann er zur Kreuzung Mariahilferstraße sehen. Der Regen prasselt gegen die schmutzigen Scheiben, spielt ein Concerto de Aranjuez für schwere Tropfen.

Vor ihm eine Melange, dazu ein Stück Apfelstrudel. Die Luft ist dick, verraucht und abgestanden. Er atmet Kaffeehausluft, und selbst für ihn, einen passionierten Nichtraucher, sollte die wirklich originale Luft der Kaffeehäuser eine Note Zigarettenrauch beinhalten. Das gehört zum Kulturgut und den erhaltenswerten Eigenheiten der Stadt. Die klinische und abstoßende Atmosphäre eines Starbucks kann man überall auf der Welt bekommen.

Auch die Kellner hier sind Traditionalisten, sie schwanken zwischen leutseliger Redseligkeit und suboptimaler Freundlichkeit und exportieren dabei sprachliche Grobheiten. Wiener Originale, wie es sein soll.

Tradition ist eine höfliche, von oben herab tröpfelnde Beleidigung mit mürrischem k&k Charme.

Heute sind nur wenige Wagemutige oder von Notwendigkeit Getriebene unterwegs. Helmut hadert mit seinem Schicksal, das ihn ausgerechnet an diesem Tag durch die Stadt hierher gejagt hat. Er mag den Apfelstrudel, ihm schmeckt der Kaffee, aber er steht dem bevorstehenden Treffen mit misstrauisch schizophrener Erwartung gegenüber.

Ein Seelenverkäufer ist zwar etwas ganz anderes, aber dieses Wort stellt eine passende Metapher für die Leute dar. Sei immer höflich, sei immer nett, das Messer kommt verdeckt. So schätzt er seine Gesprächspartner ein. Er kennt sie noch nicht, aber es geht mehr um die Art und das, was diese Leute repräsentieren: das residierende Böse.

Draußen im Regen überqueren zwei Fußgänger den Zebrastreifen. Den Schirm vorwärtsgerichtet, die Gesichter dahinter verborgen, laufen sie aufeinander zu. Helmut imaginiert das Geräusch, den Aufprall bekommt er geliefert.

Beide fallen zu Boden, auf den nassen Straßenbelag. Die Schräge der Amerlingstraße leitet jede Menge Wasser in die Kleidung, ehe es den Verunfallten gelingt, sich voneinander zu befreien und wieder auf die Beine zu kommen. Autos hupen in melancholisch anmutendem Zorn ihren Ärger über diese Störung im Verkehrsstrom heraus.

Was die beiden einander zu sagen haben, lässt sich nicht hören, aber als geübter Wiener fällt es gar nicht so schwer, die Mundbewegungen in Gedanken mit den passenden Worten zu verbinden und so den Dialog mitzuverfolgen.

[Passant 1]:

Können S‘ nicht aufpassen?

[Passant 2]:

Machen S‘ halt selber auch a bissl die Augen auf, Depperter!

[Passant 1]:

Halten S‘ Ihre Pappn und schaun S‘, dass weiterkommen.

[Passant 2]:

Geh scheißen, Oaschloch.

Mit ihren kaputten Schirmen und der bis zur Haut vorgedrungenen Nässe hadernd, humpeln die Gestalten aus seinem Blickfeld, um im Trott des Alltags unterzutauchen. Die Anekdote ist spurlos im Strom der Zeit verschwunden, im Augenblick ihrer Geburt dem Tode geweiht.

Der Regen hat sogar die seit Ewigkeiten hier heimischen Punks mit ihren verdammten, scheußlichen Hunden vertrieben. Alle müffeln nach nassem Hund, trinken billiges Dosenbier, schnorren vorbeihastende Passanten an und sind sich nicht bewusst, dass sie nichts weiter als eine jämmerliche Parodie dessen darstellen, was einmal eine eigene Kultur war. Punk war einmal, diese witzlosen Gestalten – ihm fällt kein Wort für die Penner ein, das nicht beleidigend wäre.

Trotzdem ist ihre Abwesenheit bedauerlich. Sie hätten das Geschehen mit Johlen und dummen Zurufen begleitet und bei dem einen oder anderen Passanten verärgerte Irritation hervorgerufen. Das kann durchaus witzig zu beobachten sein.

Auch die musikalische Untermalung durch das Didgeridoo fehlt, das hier in regelmäßigen Abständen gespielt wird. Einzig der Klang von Regen und Autohupen bildet den Soundtrack der Stadt, flüchtige Intermezzi in der immerwährenden Kakophonie des städtischen Lebens, das seiner langsamen Mutation zu einer neuen Form der Existenz entgegenstrebt.

Helmut kümmert das Ganze herzlich wenig. Seine Gedanken bewegen sich derzeit in anderen Sphären und verursachen ihm ein unangenehmes Gefühl im Magen. Raupen, die sich durch die Wände seines Gedärms mampfen, Löcher, durch die sich Magensäure in das Innere des Körpers verabschiedet. Es juckt, sticht und brennt unter seiner Haut. Könnte er sie nur abstreifen, um sich ordentlich zu kratzen.

Die Kaffeehausluft hat sich wie ein Schmierfilm über Haut und Kleider gelegt. Über das grau gewordene Gespinst aus Spinnweben, die den Rest seines Haupthaars bilden. Das Gefühl weckt in ihm den Wunsch nach einem ausgiebigen Bad. Schmieriges Unbehagen bestimmt seine momentane Befindlichkeit.

Um sich abzulenken, grübelt er über die Frage, woraus die seine Lungen kitzelnde Melange namens Luft besteht. Aus vielfältigen Küchengerüchen, dem Duft der in der Vitrine ausgestellten Kuchen und Torten, vermengt mit den Dämpfen der Kaffeemaschinen und dem Apparat zum Schäumen der Milch. Graublaue Spuren von Zigarettendunst, frisch entzündet der gemächlich qualmende Tschick, frisch ausgedämpft die erkaltete Asche im Aschenbecher. Zu einer Komposition mit den anderen Bestandteilen vermengt, ergibt sich daraus eine höchst eigene Mischung, die jedem Kaffeehaus seine eigene Duftnote beschert. Ein wesentlicher Faktor der Einzigartigkeit sind auch die maßgeblich beteiligten Personen.

Das Personal, morgens frisch nach Rasierwasser und Deo duftend, am Ende der Schicht nach Schweiß und schlechter Laune stinkend. Die Gäste, von Bezirk zu Bezirk unterschiedlich, nach Parfüm stinkend, nach Einsamkeit müffelnd, das dick aufgetragene Odeur der Bobo-Coolness, lächerlich blasierte Vornehmheit der alten Schule oder den authentischen Geruch eines Stammgastes verbreitend.

Fällt es auf, wenn man, getränkt vom Duft der einen Lokalität, in einem anderen Kaffeehaus vorübergehend Quartier bezieht und dort ausdünstet, was man anderswo aufgesogen hat? Reicht diese persönliche Übertragung von Gerüchen zur Mutation der Ursprungsluft oder wird der Fremdgeruch nur assimiliert, gar abgeschoben als nicht kompatibel mit der einheimischen Luft? Quasi eine Entsatzung des Menschen, um ihn neu zu besetzen.

Kann man Gedanken wie diese beim Patentamt anmelden und lohnt es sich, diese Gedanken außerhalb Österreichs schützen zu lassen? Oder wäre hier ein neues Geschäftsfeld eröffnet, europaweit, weltweit? Ist ein Unternehmensgegenstand wie jener Gedankengang dazu in der Lage, seinem Besitzer genügend Geld einzubringen, damit dieser davon seinen Lebensunterhalt fristen kann?

Sind sinnlose Gedanken ein geeignetes Mittel, um jene Lebenszeit hinter sich zu bringen, die man mit Warten auf Mitmenschen unwiederbringlich verschwendet? Ist Warten eine Verschwendung eigener Zeit? Kann man diese Zeit irgendwo zurückfordern – und wenn ja, in welcher Form wird sie gutgeschrieben? Löst man die Gutschrift in diesem Leben ein, ohne davon zu wissen, oder verlängert sich, so existent, automatisch das Leben danach?

Meine Güte, was für gequirlte Kacke.

Sinnierend wendet Helmut seinen Blick vom Fenster ab, unterbricht die Beobachtung silberner, vom Himmel fallender Diamantsplitter, die sich beim Aufprall auf einer festen Oberfläche als Regentropfen entpuppen, und erschrickt still. Er hat es immer schon verstanden, seine Gefühle zu unterdrücken und sich keine Regung anmerken zu lassen – so auch jetzt.

Direkt neben ihm stehen zwei Personen. Tropfnass, reglos. Er hat sie bis zu dem Moment nicht bemerkt, ein schneller Blick sagt ihm jedoch, dass sie gerade eben eingetroffen sind. Der Boden um ihre Schuhe herum ist bis auf die ersten vom Gewand fallenden Tropfen noch trocken. Es sind der Optik nach teure Schuhe, sicher Nobelmarken, aber da kennt er sich nicht aus. Er weiß zwar, was Manolo Blahnik bedeutet, würde das Schuhwerk allerdings nicht einmal erkennen, wenn ihm ein entsprechender Stiletto in den Hintern gerammt würde.

»Grüße Sie, Herr Ingenieur«, sagt die tropfende Erscheinung in männlicher Gestalt und streckt ihm ihre Hand entgegen. Helmut erhebt sich hastig, eine zugegeben altmodische Form von Höflichkeit (die zu Leuten mit streng gekämmter Perücke, Manschetten, Krawatte mit Nadel, Bügelfalten, dicken Ringen und einer unecht wirkenden Bräune gehört), aber in diesem Fall angemessen erscheinend, und schlägt ein.

»Guten Tag«, erwidert er.

»Zwilletitsch mein Name, wir haben telefoniert.«

Ja, genau, wer denn sonst? Das also ist der Karl Gustav, mit dem er den Termin vereinbart hat.

»Freut mich, Herr Doktor.«

Lasst die Titel regnen! Wir sind in der Hauptstadt der inflationär eingesetzten Titel ohne Bedeutung.

»Darf ich vorstellen? Das ist Emma Digit, die Europabeauftragte von HGT.«

Trotz des nassen und kalten Wetters, das sich außerhalb der heimeligen Atmosphäre des Café Ritter austobt, hat die Frau einen trockenen und warmen Händedruck. Ihre grauen Augen mustern das Gegenüber kurz, aber durchdringend. Dann rutscht sie an Zwilletitsch vorbei an den Fensterplatz, Helmut gegenüber.

»Warten Sie schon lange?«

»Nein, überhaupt nicht«, wehrt Helmut ab, während der leere Teller und das Kaffeehäferl ihn Lügen strafen. Aber so ist das nun einmal. Man wahrt Höflichkeit, auch wenn es schwerfällt, damit die eigenen Grundsätze zu missachten. Manchmal muss man sich der Notwendigkeit unterwerfen und an den verlogenen Riten und Spielen teilnehmen.

Ehrlichkeit funktioniert nicht immer.

Hier schon gar nicht.

Zwilletitsch übernimmt das Reden. Helmut steigt darauf ein, wohl wissend, dass die schweigende Frau diejenige ist, die Entscheidungen trifft. Sie hat die Macht und sie hält sein Schicksal in Händen. Das Gespräch überlässt sie ihrem Exekutor. Sie ist hier, um zu sehen, ob das Ergebnis der Vorauswahl dem entspricht, was sie sich erwartet. Natürlich hat sie ihre Erwartungen niemals kundgetan. Das ist eine Form der Machtspiele, die Helmut so sehr hasst und denen man immer wieder hilflos ausgeliefert ist. Richte dich nach Kriterien, die du gar nicht kennst. Leute schubsen dich in die eine oder andere Richtung und du kannst nichts dagegen tun.

Karl Gustav, der seinem klar erkennbaren, nicht aufdringlich ausgeprägten Akzent nach irgendwo aus dem Raum zwischen München und Köln stammt, erkundigt sich, ob Helmut eine Kleinigkeit zu essen empfehlen könnte, und bittet ihn, eine entsprechende Order, selbstverständlich auch für sich noch einmal, zu tätigen. Selbstverständlich auf Rechnung von HGT.

Emma Digit nimmt das Naturschnitzel mit Reis und gemischtem Salat, einmal Spinat mit Rösti für Zwilletitsch sowie Palatschinken mit Schokolade und einen Fiaker für Helmut.

»Sehr gern, danke!«, sagt der Ober. Sein Tonfall straft die Worte Lügen. Danach vergehen einige Augenblicke peinlichen Schweigens, die Helmut ganz bewusst nicht zu überbrücken versucht. Er vermutet nämlich, dass sogar die Stille Bestandteil dieses Gesprächs ist. Zwilletitsch ist ganz sicher in den nervtötenden amerikanischen Verhörmethoden des modernen Managements von Großkonzernen geschult und damit ...

»Ich habe jetzt drei Jahrzehnte hauptsächlich in Deutschland gearbeitet, aber dort, wo man geboren ist, fühlt man sich immer daheim. Darum musste ich diese einmalige Chance, die mir HGT und Frau Digit geboten haben, einfach ergreifen. So bin jetzt wieder in Wien zurück. Man kann noch so weltmännisch sein, zurück zu den Wurzeln zu finden ist ziemlich befriedigend.«

Ah. So ist das also mit dem Piefke. Er ist kein Import, er ist ein einheimisches Gfrast. Macht die Sache um nichts besser, aber gut zu wissen. Aber welche beknackten Wiener Eltern nennen ihr Kind Karl Gustav? Schwedenfans vielleicht, Jünger des heiligen Möbelhauses? Zwischen Billy und Björn auf Igby gezeugt. Zwilletitsch ist ungefähr so alt wie Helmut, soll heißen, seine Eltern könnten tatsächlich die eine oder andere merkwürdige Idee gehabt haben. Aber irgendwie ist die Sache mit Schweden nicht überzeugend. Er wünschte, er hätte jetzt ein Fleischbällchen und ein Stück Daimtorte vor sich.

»Kommen wir zur Sache«, sagt Zwilletitsch, wird aber vom Ober unterbrochen, der mit beiläufiger Leichtigkeit die Bestellung an den Tisch bringt und mit rustikaler Eleganz vor ihnen platziert.

»Mahlzeit, die Herrschaften«, näselt er noch, dann ist er auch schon davongeschlendert. Zwilletitsch blickt ihm begeistert nach.

»Genau so etwas habe ich in Deutschland vermisst. Sympathische Widerlichkeit. Gibt es nur hier. Dafür haben die in Köln genauso hübsche Frauen wie bei uns die Wiener Mädel legendär sind.«

»Die sterben langsam aus«, entfährt es Helmut und erschrickt über diese dümmliche Aussage. Inhaltlich sicher nicht verkehrt. Aber es ist Smalltalk, wie unangenehm.

»Ja, ich weiß. Die Zeit der Josefine neigt sich endgültig dem Ende zu. Der kulturelle Verlust ist nicht mehr aufzuhalten. Sehr bedauerlich«, seufzt Zwilletitsch. Die Zeit der Josefine? Helmut starrt ihn verblüfft an, ehe er einen misstrauischen Blick zu Emma Digit hinüberwirft. Die scheint in die Verstümmelung ihres Schnitzels vertieft und widmet dem Gespräch demonstrativ keinerlei Aufmerksamkeit.

Irgendwie scheint er es heute mit den Vorurteilen und üblen Klischees zu haben, aber bei Digit und ihrer Methode, das Essen noch mal zu töten, fällt ihm nur typisch britisch ein. Was auch immer das Eine mit dem Anderen zu tun hat.

»Aber zurück zum eigentlichen Thema. Worum es in groben Zügen geht, haben wir ja schon geklärt. HGT möchte in Wien seine Europazentrale für Forschung und Entwicklung errichten, ein pochendes Herz der geistigen Kreativität und der Prototypen. Mitten im Herzen Europas, den wilden Osten gleich vor der Haustüre. Von hier aus kann man wunderbar die Pioniere hinausschicken, so wie damals bei der Erschließung Nordamerikas. Eroberung von Neuland, Inbesitznahme. Sie sind unser Spitzenkandidat als Leiter der Niederlassung.« Bla, bla, bla.

Ist der Mann verrückt? Was ist das für ein merkwürdiges Gerede? Mitspielen, Helmut, spiel einfach mit! Theaterdonner, mehr nicht.

»Wenn ich fragen darf, warum ich? Von Biotechnologie verstehe ich nicht allzu viel. Der Schwerpunkt meiner Arbeit war bisher eher chemisch-technischer Natur.«

»Das macht nichts. Aber Sie waren Abteilungsleiter, Laborleiter, haben als Chemotechniker Erfahrung mit Grundlagenarbeit. Das alles ist in einer Führungsposition wertvoller als Spezialwissen. Dafür gibt es schließlich Spezialisten, von denen wir einige zur Verfügung haben. Spezialisten weisen viel zu oft einen gewissen Mangel auf, was die Fähigkeit der sozialen Interaktion anbelangt. Das haben Sie sicher selbst auch schon gelegentlich bemerkt. Sie hingegen wissen, wie man den Überblick behält. Sie können unter Druck arbeiten und werden nicht hektisch, sondern bleiben organisiert. Und auf genau dieses Können kommt es uns an.«

Na gut, diese Fakten kann man aus seinem Lebenslauf herauslesen. Aber die anderen Dinge saugt sich Zwilletitsch gerade aus den Fingern oder er hat Erkundigungen eingezogen. Helmut hasst diese Vernetzung der Welt. Alles und jeder steht mit einer Million Dinge in Verbindung, die im Grunde nichts miteinander zu tun haben, sich aber zu einem fatalen Gesamtbild verknüpfen lassen. Auch wenn derartige Verbindungen positive Eigenschaften aufweisen können, so überwiegt für den Einzelnen, der gar nicht die Möglichkeit des Zugriffs auf derart weitreichende Informationsketten hat, der Nachteil.

Noch schlimmer, die wenigsten Leute haben überhaupt keine Ahnung, wie gläsern sie sind und wie sehr sie dazu verführt werden, versteckt hinter nichtssagenden Erklärungen, frechen Lügen und erbitterter Ahnungslosigkeit, der zunehmenden Einschränkung ihrer Privatsphäre Schritt für Schritt zuzustimmen.

Die damit einhergehende Entmündigung von Erwachsenen regt Helmut jedes Mal auf. Aber das ist im Moment der falsche Zeitpunkt für derartige Abschweifungen. Und vor allem: die falsche Gesellschaft. Denn er ist im Begriff, sich diesem von ihm gehassten System unterzuordnen, in der Hoffnung, daraus einen Vorteil zu generieren, der es ihm in einigen Jahren ermöglichen soll, sich diesem Kreislauf wieder zu entziehen. Verrückt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

»Warum in Wien?«, möchte Helmut wirklich wissen. Mal sehen, ob er jetzt eine Antwort bekommt.

»Hauptsächlich, weil Toyfel Biotech sein Interesse kundgetan hat, sich hier anzusiedeln. Soweit wir wissen, wird bereits nach Büros gesucht. Wir werden den Teufel tun, verzeihen Sie das billige Wortspiel, und diesen Stümpern das Feld überlassen. Wir sind einen Schritt weiter.«

Ah, was denn sonst. Kampf der Titanen. Machtspiele.

»Und natürlich ist die Stadt sehr entgegenkommend.« Das kann sich Helmut lebhaft vorstellen. Die Stadt Wien mit all ihren eigenwilligen, verschrobenen und irritierenden Eigenheiten. Mit ihren Widersprüchen, Dummheiten und wirklich großartigen Einrichtungen. Diese Schizophrenie ist einer der Reize, hier zu leben.

Und was Toyfel anbelangt – diese Firma ist wirklich unheimlich. Sie ist kaum jemandem außerhalb der Branche bekannt und hat einen etwas dubiosen Ruf. Aber sie sind noch nie in die Schlagzeilen gekommen. Dieser Fakt an sich ist mehr als verdächtig. Vielleicht ist HGT das kleinere Übel, aber so genau kann das niemand sagen. Beides sind Konzerne und als solche mit überaus negativen Eigenschaften behaftet.

»Wo wollen Sie die Zentrale errichten?«, fragt er.

»Wir dachten erst an das Tech-Gate Vienna, aber dort ist zu wenig Platz. Wir wollen die Arbeiten an Forschung und Entwicklung auch gleich in Prototypen und Testreihen umsetzen, deshalb brauchen wir ganz spezielle Voraussetzungen, für die das Tech-Gate gar nicht gedacht ist. Und wir wollen eine wahrhaft spektakuläre Architektur. Wir haben einige spanische Architekten unter Vertrag – die Spanier sind verrückt und größenwahnsinnig, müssen Sie wissen. Man sehe sich Gaudi an. Oder Santiago Calatrava, großartig. Mit Calatrava stehen wir in Verbindung. Sie sehen, das Tech-Gate ist nicht tauglich für unsere Pläne. Statt dessen haben wir ein Areal am Stadtrand in Simmering erworben.«

»Aha. Wo genau, wenn ich fragen darf?«

»Das Gelände befindet sich zwischen Seeschlachtweg und Mitterweg. Simmeringer Haide.«

»Dort sind doch Glashäuser und Anlagen der Gärtnereien untergebracht, wenn ich mich nicht irre. Gemüse.«

»Nicht mehr lange. Genetik statt Gurken, Protonen statt Paradeiser, Zeitreisen statt Zwiebeln.« Zwilletitsch klingt höchst zufrieden. »Die Stadt war sehr kooperativ und ist natürlich daran interessiert, dass wir uns innerhalb ihrer Grenzen niederlassen. Im Rathaus ist man durchaus für vernünftige, langfristige Angebote offen.«

Sieh mal einer an, so kooperativ ist die Stadt also. Als hätte er den Gedanken gehört, nickt Zwilletitsch. »Ich habe im Vorfeld ganz andere Dinge gehört, aber Pragmatismus und Vernunft zahlen sich letztendlich immer wieder aus.«

»Sie waren, entschuldigen Sie bitte, zu lange aus Wien fort und haben vergessen, wie die Dinge hier laufen.«

»Ich weiß. Aber jetzt bin ich wieder da und voller Eifer dabei, mich in die Grabenkämpfe der Stadtpolitik, in die Niederungen der feinen Gesellschaft und das Nachtleben zu stürzen«, strahlt Zwilletitsch. »Wien ist großartig. Und Wien ist tatsächlich anders. Der Vergleich macht sicher, das können Sie mir glauben. Wenn Sie jemals um sieben in der Früh in Köln in einer sogenannten Wiener Bäckerei frisch gekochtes Sauerkraut gerochen haben, dann wissen Sie, was ich meine. Das wird mich mein Leben lang verfolgen. Traumatisch!«

Ob der Mann nur so tut oder tatsächlich so untypisch locker ist, wie es den Anschein hat, lässt sich schwer abschätzen. Der Ösi aus dem Exil ist zurück. Wenn sich bloß Emma Digit irgendwie am Gespräch beteiligen würde.

»Ich bin, ehrlich gesagt, nicht sonderlich diplomatisch und mag Sachen wie Firmenpolitik nicht. Und so eine Position erfordert aber genau solche Dinge.« Da ist sie wieder, die Ehrlichkeit, die nach hinten losgehen kann. Aber immer noch besser als die Alternative, findet Helmut.

Sich verbiegen bis man bricht ist keine Alternative. Um es simpel und ordinär zu sagen: Scheiß der Hund drauf. Entweder ihr fresst die Kröte oder ihr lasst es.

Diesmal scheint er damit richtigzuliegen.

»Oh, da machen Sie sich keine Sorgen. Ich bleibe Ihnen erhalten und werde den Stellvertreter geben. Diese lästigen Dinge können Sie ruhig mir überlassen. Ich mache solche Sachen wirklich gerne, da blühe ich richtiggehend auf. Ich liebe Spinnen, die Tiere meine ich, und diese Arbeit ist so ähnlich wie das, was Spinnen machen. An den Strippen ziehen, ein Netz weben, Kontakte knüpfen. Wenn alles so läuft, wie es soll, haben Sie vielleicht einmal, zweimal im Jahr einen kurzen Termin bei Ms. Digit. Sie ist Ihre unmittelbare Vorgesetzte, die einzige Person, der gegenüber Sie sich rechtfertigen müssen. Die hierarchischen Strukturen bei HGT sind für einen derart großen Konzern ziemlich flach gehalten.«

Bei der Erwähnung ihres Namens blickt Emma Digit kurz auf, lächelt flüchtig und kühl und widmet sich den letzten Blättern ihres Salats. Sie hat ein sehr attraktives Lächeln, kleine Fältchen umspielen dabei ihre Mundwinkel, aber die grauen Augen bleiben kalt und unberührt. Die schönste Raupe im Salat hätte wahrscheinlich keine Überlebenschance. Digit würde sie nehmen, zu Boden fallen lassen und mit ihren mörderischen Absätzen aufspießen.

Spinnen?

Helmut hat keine Idee, was er davon halten soll. Ist Digit sympathisch? Im Zweifelsfall nicht davon ausgehen. Ist Zwilletitsch bescheuert? Im Zweifelsfall davon ausgehen. Beide sind gefährlich, das ist klar. Und sie ist auf jeden Fall attraktiv. Und er ist ein typischer Vertreter des männlichen Geschlechts, derartigen Gedanken in einer so unpassenden Situation nachzuhängen.

Zwilletitsch greift nach seiner schmalen Ledertasche mit den eingenähten Initialen KGZ. Emuleder wahrscheinlich, sieht auf jeden Fall sündteuer und echt beschissen aus. Er holt ein mehrseitiges Dokument hervor, das er Helmut überreicht.

»Lesen Sie es, lassen Sie sich ruhig Zeit. Wenn alles passt, dann ist hier die Füllfeder für eine Unterschrift.«

Natürlich eine Montblanc, wo er schon aus rein praktischen Erwägungen einen simplen Bic-Kugelschreiber verwendet hätte. Genau solche Sachen wie der Kugelschreiber sind der Grund, warum Leute wie Zwilletitsch hochnäsig überteuerte Scheiß-Geräte mit angenagten Früchten als Logo haben, während er einfach Unix-Systeme benutzt. Mehr Sein durch Schein. Der Obsthändler und der Käufer. Eindruck schinden, etwas hermachen wollen, beeindrucken, Eigenwerbung. Politik und Intrigenspiel.

Helmut überfliegt den Vertrag. Scheint alles so weit in Ordnung zu sein. Alles lesen, jeden Punkt, jede Zeile des Kleingedruckten, das geht nicht. Das wäre ein Affront und ein Grund, ihm den Posten in letzter Sekunde vorzuenthalten.

Also liest er quer, springt über Absätze und Punkte, ohne auf eine Auffälligkeit zu stoßen, und setzt dann kurz entschlossen seine Unterschrift auf die punktierte Linie, um den Vertrag zurück an Zwilletitsch zu geben.

»Sehr schön.« Für wen, das ist die Frage.

Aber ein klein wenig Schleim zum Schluss kann nicht schaden. Bäh.

»Ich hoffe, ich werde den in mich gesetzten Erwartungen auch gerecht werden.«

»Daran habe ich keinen Zweifel.«

Die ersten Worte, die Emma Digit gesprochen hat, irritieren Helmut. Irgendwie war er der Meinung, sie sei Engländerin, aber das ist für ihn nicht erkennbar. Sie spricht akzentfreies Deutsch. Ihre Stimme hat eine sehr merkwürdige Note, nicht so, dass er sie kehlig benennen würde, aber etwas in diese Richtung. Zigarren und Whisky? Kaminfeuer und Bärenfell? Sehr angenehm auf jeden Fall. Das Zusammenspiel von Stimme und grauen Augen ist … interessant, um es vorsichtig zu formulieren. Aber zum Glück ist auf Zwilletitsch Verlass. Er unterbricht seine Gedanken.

»Nun, mein lieber Helmut, es hat mich sehr gefreut. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn wir uns duzen?«

»Nein, natürlich nicht.«

Rhetorische Frage, rhetorische Antwort. Die Spiele haben begonnen. Willkommen in meiner Welt.

»Es ist noch eine kleine Weile hin, bis das Gebäude fertig ist. Zeit genug, dich in das Unternehmen einzuführen, ein paar Seminare auszuwählen und einen groben Plan für die kommenden Jahre zu entwerfen. Wie sieht es bei dir, sagen wir, nächste Woche aus? Zeit für einen Trip nach London?«

»Selbstverständlich«, sagt Helmut. Er verabscheut derartig kurzfristige Arrangements von ganzem Herzen. Spontanität ist keine Eigenschaft, derer sich Helmut rühmen kann. Bisher hat das auch noch nie eine Rolle gespielt. Spontane Entscheidungen, so hat er immer wieder beobachtet, haben mehr Katastrophen und Fehler verursacht, als es bei wohlüberlegten Entscheidungen der Fall war. Aber das anzumerken wäre jetzt nicht klug.

Helmut wirft einen Blick durch das Fenster. Der Regen hat nachgelassen, über den Hausdächern zeigt sich der eine oder andere blaue Fleck Himmel. Scheint doch noch ein sonniges Ende zu nehmen, ach ja, Symbolismus, so plump wie nur möglich.

»Genau, daran habe ich auch gedacht«, sagt Zwilletitsch. »Es wird ein schöner Nachmittag. Hast du Zeit? Fein, wie sieht es denn mit einem kleinen Rundgang durch die Innenstadt aus? Meine Erinnerungen auffrischen und Emma endgültig davon überzeugen, dass sie mit Wien den richtigen Standort gewählt hat.«

Emma Digit lächelt.

Das Rad der Zeit dreht sich unaufhaltsam für alle Zeiten und so sprießt am Rande der Stadt ein Pickel aus den ehemaligen Gurkenfeldern und wächst sich zu einer glänzenden, spitzen Eiterbeule aus. Hunderte Millionen werden aufgewendet, um die Gurken durch undefinierbare, allwettertaugliche Hybridgewächse zu ersetzen, die Zufahrtswege, Rampen, Grünflächen, Parkplätze und nicht zuletzt das eine oder andere Nebengebäude umranken und zieren.

Gerüste und Kräne wachsen, schwenken, drehen, stapeln. Bagger schaufeln, graben, heben erstaunlich tiefe Gruben aus. Lastwagen bringen unzählige Tonnen Material, tausende Kilometer Kabel werden gezogen, hunderttausende Quadratmeter Spezialglas reist an.

Es wird gegossen, gebohrt, geschweißt, genagelt, gebogen, genietet, geschraubt, geklebt. Eine scheinbare Ewigkeit tut sich nicht viel, man sieht nur Fahrzeugkolonnen kommen und gehen und tausende Arbeiter gleich Ameisen überall herumklettern. Aber mehr ist anfangs nicht zu erkennen. Und dann, eines Morgens, sind die Gerüste geschrumpft und siehe da:

Im Zentrum des wohlorganisierten Chaos streckt sich ein Bauwerk gegen den Himmel, auf das Cheops selbst stolz gewesen wäre. Eine verstörend nach Science-Fiction aussehende, mächtige Pyramide, die eine ganze Wohnhausanlage – wie jene schlampig hingerotzte Siedlung mit den Wohnbrücken, ganz in unmittelbarer Nähe – in sich aufnehmen könnte.

Dunkles, spiegelndes Glas, nachtschwarzer Marmor, kühle LSD-LED-Beleuchtung, alles, was großkotziges Understatement und aktuelle Futurismusratgeber als schick bezeichnen, kommt zum Einsatz. Das schwarze Herz im Zentrum der distanzierten, strahlend weiß gehaltenen Architektur der Umgebung. Der Größenwahn kommunistischer Bauwerke paart sich mit eiskalter Hochtechnologie, eine mächtige Variation der Ciudad de las Artes y de las Ciencias in Valencia gebiert sich aus Beton, Stahl und Glas.

Natürlich muss es eine Eröffnungsfeier geben, zu der die honorigen Würdenträger der Stadt ebenso gern erscheinen wie ein Stapel angemieteter Promis, die gerne kommen, wenn sie wie ein gieriger Schwarm Wanderheuschrecken ein Buffet leeren können. Und sie alle lassen sich filmen und fotografieren, während sie das Konzerngelände durch die Wiener Variante des L’Umbracle queren und dabei versuchen, klug, weltoffen und modern zu sein, während man in den Gesichtern Verwirrung und Unverständnis liest. Diese Schizophrenie ist geradezu komisch.

Alles ist ein bissl sehr modern halt, ned mei Gschmack, oder sehr fesch, oba in Wean, i was net, oder geh, die Zukunft kummt eh so schnö, a bissl mehr Klassizismus wär halt schen gwesn, oder ollas so modern, wem’s gfallt, i finds an Schas, wie in Kameras und Mikrofone geraunzt wird.

Welke Dekolletees und notdürftig gebändigte Wampen werden vor die Optiken gehalten und man gibt sich … keiner hat eine Ahnung, als was er sich gibt, die Narrenkappe ist ihnen über die Augen gerutscht. Ein heiteres Bezirksfest, das sich den Anschein von Hochkultur gibt.

Das Management von HGT lacht sich ins Fäustchen ob der gekonnten Inszenierung, das Vorhaben ist voll aufgegangen. Die Fassade lenkt vom Inneren ab. Die Leute ereifern sich über den Schas und das Glas, aber tiefer gehen die Gedanken nicht. Nicht hinein in den inneren Kern der Laborräume, nicht bis hinab in die mehrstöckigen Kellerebenen, von deren Existenz so gut wie niemand eine Ahnung hat. Schöne neue Welt, du funktionierst so wunderbar.

Helmut steht am Fenster.

Unter ihm breitet sich das weitläufige Gelände von HGT aus.

Er trauert um den Verlust seiner Seele.

Vor sich sieht er die Lichter der Stadt.

Er seufzt.

Das zweite Vorspiel
Gleich

Jahre voll Leben und Sterben sind vergangen. Leute sind aus ihren Wohnungen erst in die Altersheime und dann auf die Friedhöfe übersiedelt, Neugeborene wurden zu pubertierenden Idioten, randvoll mit Hormonen, Pickeln und Bildungslücken.

Die Wiener haben sich an ihre Pyramide gewöhnt und sie als ein Wahrzeichen der modernen Stadt akzeptiert. Dort am Stadtrand ist die Moderne gut aufgehoben. In Simmering und in Kagran, da wo der Intellekt … nicht … daheim ist, da darf Wien modern sein, da darf der moderne Schas herumstehen. Aber das Herz der Stadt bleibe biedermeierlich angestrichenes Mittelalter. So hat es zu sein und so soll es bleiben.

Man kennt in der Öffentlichkeit das nebulöse Wort Grundlagenforschung, mit dem sich viel umschreiben und nichts sagen lässt. Trotzdem hinterfragt niemand, an welchen Grundlagen HGT forscht. Millionenbeträge fließen in die Stadt, schweigen ist Gold. Die Zeiten sind hart. Spekulanten, Heuschrecken-Fonds und Rating-Agenturen haben die Welt in eine viele Jahre währende Krise getrieben, dumme Politiker haben diese Krise verschärft. Nur Island hat sich ausgeklinkt und ist den umgekehrten Weg gegangen, darum geht es dieser kleinen, geschützten Welt auch weit besser als dem Rest.

Europa kracht wie eine Kaisersemmel, die es nur mehr mit Lebensmittelmarken gibt, und da ist jeder Cent der Stadt herzlich willkommen. Man windet sich durch und drückt beide Augen zu, so lange unter dem Teppich bleibt, was unter den Teppich gehört.

Wer wirklich mehr wissen will, setzt diverse ACTA-2-Blocker in Betrieb und googelt sich in ein unentwirrbares Durcheinander an Informationen, das sich hervorragend zur gezielten Desinformation nutzen lässt. Konzerne spielen Politiker – sie erzählen viel und sagen nichts. Das staatliche Fernsehen, dessen Bildungsauftrag schon vor langer Zeit im schallenden Gelächter der parteilichen Interessen ersoffen ist und das die Welt mit dem gleichen Dreck wie die privaten Umweltverschmutzer verstrahlt, trägt seinen Teil zur sinnentleerten Reizüberflutung bei.

Die vereinzelten und gut im Nachtprogramm der letzten verbliebenen Kultursender versteckten, kritischen Berichte können keine wirklich handfesten Belege für irgendetwas bringen. Journalisten sind Freiwild und das Recht auf freie Meinungsäußerung ist eine ebenso hohle Phrase wie die Pressefreiheit.

Man berichtet lieber über die Last des Reichtums der Promis, produziert eine Unterschichtsendung nach der anderen, terrorisiert mit Gewinnspielen oder ereifert sich quotentauglich über abartige Perversionen wie die Kirche von Dagon, einem Kult, der in den letzten Jahren schleichend an Boden gewonnen hat. Man weiß nichts Genaues, aber rotzt jede Menge Vermutungen und Unwahrheiten auf die Zuschauer. Das kommt immer gut und bringt Quote. Sexorgien, Satanismus, Teufelskulte.

Fernsehen als Brot und Spiele, Futter für die Massen. Manipulation ohne Ende.

Für Konzerne wie HGT ist das alles wunderbar und sie fördern still und heimlich über externe Medienunternehmen diese Form von … nennen wir es Propagandakrieg oder Nebelwolke oder Kampagne zur Desinformation der Öffentlichkeit.

Öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzte Charity hilft immer. Eine Pressesprecherin mit wallender, blonder Mähne ist ebenfalls ein approbates Mittel. Vorne gibt es die Hochglanzfassade mit all den Handshakes und Banketten. Aber im Hinterhof, auf den wackeligen Stühlen in Luigis Pizzamampf, da hocken die wirklichen Drahtzieher bei Spaghetti carbonara und Pizza assassini, achten auf eine genehme Verteilung von Macht und Reichtum in ihre Richtung und stoßen mit einem guten Glas Schilcher auf lukrative Geschäfte an. Der Bürgermeister bekommt seine übliche Pizzaschnitte und alle sind glücklich.

All dieser Dinge ist sich Helmut nur zu bewusst. Wenn es sein muss, kann er HGT in Kontinentaleuropa repräsentieren. Er hat ein freundliches Auftreten und eine angenehme, ruhige Stimme. Er wirkt beinahe vertrauenswürdiger als seine Pressesprecherin. Sie ist jung und ehrgeizig. Sie ist perfekt, vielleicht eine Spur zu sehr, aber das wird schon werden.

Sie ist Eye Candy und genau darauf kommt es an. Das mag FeministInnen aufregen, aber der Punkt ist, Männer sind einfach weniger attraktiv und weniger tauglich für Ablenkungsmanöver. Wovon lässt sich Mensch am leichtesten irritieren? Vom Erscheinungsbild des Gegenübers. Vom Hetero bis zur Kampflesbe, vom Macho bis zum Homo, die meisten Menschen finden Gefallen an jenem im Grunde langweiligen Mittelmaß, dem nichtssagenden Durchschnitt, welchen die Natur schlauerweise als Schönheit verkauft. Das gehört zu den Dingen, die er weiß.

Aber es gibt auch viele Dinge, von denen er keine Ahnung hat. Glaubwürdige Dementi, für den Fall der Fälle.

Die Frau kreischte.

Laut und durchdringend.

Hätte sich in dem Raum ein Glas befunden, es wäre zersprungen. Die verspiegelten Einwegscheiben, die in Brusthöhe einmal komplett um den Raum liefen, blieben von dem Kreischen unbeeindruckt. Sie hielten weit härteren Belastungen stand. Ebenso wenig scherten sich die Männer im abgedunkelten Raum auf der anderen Seite um den Lärm. Die Lautsprecher dämpften ihre Schreie automatisch.

Doktor Wenzel Häferl grinste, bleckte dabei gelbe Zähne voller Zahnstein und stieß hörbar eine Wolke schlechten Atems aus, während er vergnügt daran dachte, wie ihn die Szenerie vor seinen Augen an ein B-Movie der frühen 1980er-Jahre erinnerte, irgendwas mit William Shatner oder einem anderen zweitklassigen Darsteller. Shatner war Kult und ein genialer Selbstdarsteller. Mehr nicht.

Die übrigen Beobachter standen teils mit verschränkten Armen, teils auf ihre Hände gestützt da und sahen zu. Einigen von ihnen war eine gewisse Nervosität anzumerken, andere schienen geradezu kindlich aufgeregt zu sein.

Die oberhalb der Erde gelegenen Laboratorien sind die sogenannten sauberen Laboratorien. Sichere, abgeschirmte und für die Öffentlichkeitsarbeit taugliche Arbeitsräume. Großzügig ausgestattet, moderner als modern. Hier wird Feldforschung betrieben, Wald- und Wiesenforschung in verschiedene Richtungen, die man bei einem Konzern mit dem Namen HGT – Human Gen-Tech – nicht wirklich erwarten würde. Letztlich ist der Name ebenso eine Fassade wie die sauberen Laboratorien, die allerdings tatsächlich nützliche Arbeit leisten.

Die Hand des Toten streifte den nackten Rücken der Frau und die beinahe sachte Berührung entlockte ihr ein weiteres Kreischen, während sie ihr Kreuz durchbog und versuchte, dem Zugriff zu entkommen. Sie war mit ihren Nerven am Ende. Sie hatte keine Ahnung, wie sie hierhergekommen war und wo sie sich überhaupt befand. Warum sie nackt war, konnte sie sich gut vorstellen.

Wie es sein konnte, dass die Gestalt, die eindeutig tot war, hinter ihr her taumelte, tatsächlich existierte, verstand sie nicht und es kümmerte sie auch nicht. Sie war nur darauf bedacht, außer Reichweite zu bleiben, was mit zunehmender Ermüdung in der relativen Enge des Raumes immer schwieriger wurde.

Tränen hatte sie keine mehr, ihre Hysterie hatte sie schon vor einer kleinen Ewigkeit zurückgelassen, und langsam begann ihre Stimme dank all der Schreierei zu versagen. Die Gelenke taten ihr weh vom andauernden Ausweichen und Davonlaufen. Sie verfluchte sich für ihre schlechte Kondition. Ihr Verfolger hingegen hatte offensichtlich unendliche Ausdauer. Er war langsam und schwerfällig, aber er wurde niemals langsamer. Sie hatte versucht, ihn zu Fall zu bringen, aber das hatte ihr nichts genutzt. Im Gegenteil, er hätte sie fast überwältigt. Wäre der Beißkorb nicht gewesen, hätte er seine Zähne in sie geschlagen.

So viel war klar und so viel wusste sie über Zombies. Der Tote musste eine Kreatur wie aus einem Film sein, er roch übel und an einigen Stellen seines Körpers ging die Haut ab. Seine Augen waren trübe und er streckte die Arme immer wieder in ihre Richtung.

Dann gibt es die unterirdisch gelegenen Laboratorien. Helmut hat keine Ahnung, was dort unten geschieht. Diese Ebenen sind abgeschirmt und unterstehen auch nicht ihm. Er kümmert sich schon seit vielen Jahren nicht mehr darum, in Sachen Popkultur auf dem Laufenden zu bleiben, aber er hat trotzdem gegoogelt, um herauszufinden, was der geflüsterte Begriff Umbrella-Ebenen eigentlich bedeutet. Was er gefunden hat, ist ein wenig beunruhigend.

Es gibt sogar eine vage architektonische Ähnlichkeit mit der Anlage der Umbrella Corporation bei Racoon City. Mehr als eine Risszeichnung hat er zwar nicht zu Gesicht bekommen, aber immerhin. Was in Racoon City geschieht, ist ziemlich abstoßend. Gruselig und offensichtlich weit hergeholt. All diese Technologie gibt es doch in der Realität gar nicht. Die Realität kann nicht so schlimm sein. Allerdings …

Das wäre zu viel der Klischees.

Aber in den Filmen und Büchern war nie die Rede davon gewesen, dass die Toten auch geil waren. Und konnten. Sie fraßen immer nur, während der hier ficken wollte. Sicher auch fressen, aber zuerst ganz eindeutig ficken. Wer auch immer sie hierhergebracht hatte, wollte eindeutig, dass sie von einer beschissenen Leiche gefickt wurde.

Welche perversen Drecksäue dachten sich eine derartige Scheiße aus?

Sie hatte keine Waffe, musste sich vor seinen ständigen Zugriffen in Deckung bringen und … stolperte jetzt über die am Boden liegende Matratze. Seit wann benötigte eine Leiche eine Matratze? Sie stürzte, ihr fehlte es inzwischen an Kraft, um sich abzufangen. Sie rappelte sich auf die Knie und ein mörderischer Krampf fuhr durch ihre Wade. Mit einem erneuten Aufschrei fiel sich nach vorne, drehte sich herum und dann fiel der Zombie über sie, trieb ihr mit seinem Gewicht die Luft aus den Lungen.

Wie ein fauliger Fisch wand er sich über ihr und sie keuchte, flennte, kreischte, aber die Masse toten Fleisches war nicht mehr von ihrem Körper zu bekommen. Die Nähe dieser Kreatur und ihr unglaublich widerwärtiger Gestank nach faulem Fleisch verursachten ihr Übelkeit und sie erbrach sich, verschluckte sich beinahe an ihrem eigenen Auswurf, würgte, spuckte dem agilen Kadaver über ihr Erbrochenes ins Gesicht, besudelte sich selbst damit.

Wie eine Gruppe Wichser beugten sich die Männer hinter den Spiegeln so weit vor, bis ihre Nasen beinahe das Glas berührten. Sie starrten gebannt und mit weit aufgerissenen Augen auf die Vergewaltigung, versuchten jedes Detail wahrzunehmen. Kollektives Atemanhalten begleitete den Gewaltakt, bis der lebende Tote spastisch zuckte, laute Grunz- und Stöhnlaute von sich gab und dann versuchte, die Frau zu beißen.

»Er ist gekommen. Jetzt übernimmt wieder der Hunger die Kontrolle«, murmelte jemand, erklärte damit das Offensichtliche. Redundanz, auf die niemand reagierte – jeder der Anwesenden war damit beschäftigt, seine Befindlichkeit angesichts dieses Akts der Abartigkeit zu ergründen. Einige Personen kamen zu schockierenden Erkenntnissen, aber niemand zog daraus die Konsequenzen.

»Gut. Schafft ihn raus, bringt die Frau weg und schließt sie an«, befahl eine Stimme aus dem Hintergrund.

Helmut lächelt gerade, mit sich und der Welt zufrieden, in aufbauende und positive Gedanken versunken, als Zwilletitsch in sein Büro gestürzt kommt. Zum ersten Mal in all den Jahren, in denen die beiden Männer ausgezeichnet zusammengearbeitet haben, sieht sein Stellvertreter mehr als nur besorgt aus. Von seiner steten Gelassenheit ist nichts geblieben.

»Wir haben ein Problem!«

Das war eine gehörige Untertreibung.

Folge 2: Tod und Wiedergeburt

EINS
Demnächst, 2022

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1: Herz der Finsternis

Strahlend wie ein Tempel überragte die schwarze Pyramide ihre weißen Zubauten, ein Leuchtfeuer des Fortschritts in den Zeiten des Niedergangs, unberührt von den Niederungen der politischen Intrigen und der zunehmenden Verkommenheit der Welt.

HGT scherte die Isolation des Landes innerhalb der kläglichen Reste, die von der Europäischen Union geblieben waren, keinen Deut. Es kümmerte den Konzern nicht, dass Griechenland chinesisches Territorium war und Tsatsiki süß-sauer ein Exportschlager. Ein einstiges Weltreich, dessen Philosophen, Kriegsherren und Dichter maßgeblich die Geschichte der Menschheit mitgeprägt hatten, war zu einem Nichts zerfallen, zu einem landesweiten, einzigen Slum.

Zwei Drittel der Menschheit wurden vom skandinavischen Block mit Möbeln, Kleidung und Schwedenbomben versorgt. Der nach außen herzeigbare Individualismus war auf jene kleine Schicht von Leuten beschränkt, die sich diesen Luxus leisten konnten.

Schottland war ein von Highlandern regiertes, den Rest der Welt ignorierendes Land, das damit beschäftigt war, seine Gesetze und Regeln neu zu erfinden und mit alten Traditionen zu verknüpfen. Die Schotten waren bei Weitem weniger auf den Rest der Welt angewiesen, als diese nach Ausrufung der Selbstständigkeit erwartet hatte.

Während die Schotten ihren Weg gingen und ihre Angelegenheiten ordentlich regelten, regierten in Little Britain, dem kümmerlichen Rest des ehemaligen Commonwealth, Chaos und Anarchie. Trotz Millionen Überwachungskameras. Trotz extremer Beschneidung der persönlichen Rechte.

Trotz einer Queen Kate I., der man nachsagte, eine Bastardtochter von Vlad Tepes und Elizabeth Bathory zu sein. Das war natürlich absurd, aber die Berichte von Amateurfunkern und Hackern, die es schafften, die totale Abkoppelung der virtuellen Infrastruktur zu durchbrechen, waren besorgniserregend und unverständlich. Von einer Epidemie, von Kreaturen der Nacht und von der Rückkehr Totgeglaubter war die Rede, von Blutnächten und massenhaftem Verschwinden von Menschen.

HGT waren all diese Dinge vollkommen egal. Ob Schottland oder Little Britain, Griechenland oder die deutschen Mallorca-Inseln, sie hatten überall ihre Niederlassungen. Manche groß, manche kaum mehr als ein Büro mit zwei Angestellten, aber alle schwer bewaffnet und so autonom wie die Botschaften von Staaten.

Was kümmerten einen Konzern, der die Horrorberichte aus Little Britain keiner Beachtung wert fand, die Geschehnisse in Österreich? Ob die WSW, die WirSindWir-Partei, jetzt regierte oder J. W. Schiller die endgültige Allmacht als Sonnenkanzler anstrebte, HGT stand diesen lächerlichen Lokalstreitigkeiten mit vollkommener Gleichgültigkeit gegenüber.

Machthaber waren alle gleich. Ganz egal, ob sie nun ihren Faschismus mit dünner demokratischer Schminke zu tarnen versuchten oder offen den Diktator auslebten. Ein wenig Geld und vage Versprechungen reichten, um sie ruhig und willfährig zu halten.

HGT war wie Cyberdyne Systems oder Weyland-Yutani (WTC) ein Konzern, der durch die massiven Interessen und Besitze in Japan als Gaijin Keiretsu bezeichnet wurde, und eine Macht, der man es zutraute, die erste tatsächlich funktionierende Arkologie zu kreieren. Weder bestritt noch bestätigte der Konzern dieses Vorhaben, aber Insiderberichten zufolge galt es als gesichert, dass sie daran arbeiteten, diesbezügliche Pläne umzusetzen.

Was scherte sich der Konzern, der nichts und niemandem verantwortlich war, um das eine oder andere Leben, das er nahm, um an sein Ziel zu kommen. In Indien und China gab es genug Nachschub. Tausende, zehntausende Menschen konnten sie verheizen, ohne dass es jemanden kümmerte. Ein Menschenleben zählte nichts und hatte keinen Wert. Es gab Milliarden davon, viel zu viele. Noch zahlte kein Staat Prämien für eine wohldurchdachte Verringerung der Bevölkerung, aber dieser Tag war nicht mehr fern. Und HGT war eines jener Unternehmen, die passende Pläne in der Schublade liegen hatten.

Wie für Cyberdyne oder Weyland-Yutani gab es auch für HGT keine Grenzen des Wachstums und der Expansion. Diese Konzerne planten weit über die Welt hinaus, streckten ihre Krakenarme von den Orbitstationen in Richtung Mars, weiter bis über das Sonnensystem hinaus. Sie dachten in Zeiträumen, in denen die Evolution kreierte und zerstörte. HGT arbeitete an einer eigenen, einer von Menschen gesteuerten Evolution.

Steigende Meeresspiegel, zunehmend radikale Wetterextreme, wirtschaftliche Katastrophen, lokale Kriege mit globalem Potenzial, wöchentlich wechselnde Despoten in Dutzenden Staaten, der anstehende Peak Oil mit knapp hundert Megabarrel täglich, all diese Dinge juckten HGT nicht im Geringsten. Das waren von Menschen verursachte Banalitäten, Kleinkram im Vergleich zu dem, was man erreichen wollte, unbedeutend im Vergleich zu jenen Schritten, die man schon jetzt, ganz am Anfang eines langes Weges in eine grenzenlose Zukunft, gesetzt hatte.

Des Konzerns Satelliten spannten ein flächendeckendes, abgeschottetes Kommunikationsnetz um die Erde. Seine Ingenieure beschäftigten sich ebenso mit Raumfahrt wie mit Genetik. Seine eigenen Truppen, die vorgeblich nur zur internen Sicherheit existierten, überstiegen an Mannstärke so manches Heer eines Staates. Die Truppen von HGT hatten die Armee von Nestlé in Kolumbien außer Gefecht gesetzt und waren maßgeblich an der Zerschlagung dieses Konzerns beteiligt gewesen.

Den größten Brocken von Nestlé hatten sie sich selbst einverleibt, der Rest war zwischen Toyfel und Weyland-Yutani aufgeteilt worden. Ein paar Krümel waren dem ausgehungerten kolumbianischen Staat vor die Füße geworfen worden.