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Neukölln trifft auf Wedding. Das neue Zukunftsprojekt von Herrn Werning und Frau Paul ist der Besuch des Yogakurses in Berlin Mitte, doch eines Tages verschwindet die Yoga-Lehrerin Vasaa. Was war geschehen? Ist die Weddinger Untergrund Fraktion an diesem mysteriösen Verschwinden beteiligt? Und was soll eine Hipsterfreie Zone sein?
Auf amüsante, ironische und spannende Weise verstricken sich zwei junge Berliner, auf der Suche nach der richtigen Lebensform, ihrer Yogalehrerin und Antworten in immer neue Abenteuer und Kneipentouren.
Der Nord-Süd-Konflikt neu gedacht: ein ultimativer Lesespaß!

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Hipsterfreie Zone

von

Tobias Kunow

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1:Frau Paul, Herr Wernig und die Rätselfreunde

Kapitel 2:Frau Paul hinter schwedischen Gardinen

Kapitel 3:Frau Paul, Herr Wernig und das Vorzimmer zur Hölle

Kapitel 4:Herr Wernig und die Hipsterfreie Zone

Kapitel 5:Warten auf Herrn Wernig

Kapitel 6:Frau Paul und Herr Wernig haben eine Spur

Kapitel 7:Frau Paul und Herr Wernig lassen Haare

Kapitel 8:Frau Paul, Herr Wernig und die Yoga Verschwörung

Kapitel 9:Frau Paul und Herr Wernig frühstücken

Kapitel 10:Frau Paul, Herr Wernig und ein Tretboot in Seenot

Kapitel 1: Frau Paul, Herr Wernig und die Rätselfreunde

Der Hipster (nach unbestätigter Quelle angeblich von lat. Hipsterus – dem Hüftler abstammend) ist laut einschlägiger Seiten im Internet ein gefährlicher Virus, verbreitet unter Studenten und Leuten, die irgendwas mit Medien machen. Sich selbst halten sie für cool und individuell, alle anderen sind einfach nur genervt von ihnen. Sie sind die konsumbewussten Kinder ihrer reichen Eltern und lieben Apple-Produkte, Bio-Lebensmittel, werden aber als Vorboten der Gentrifizierung gefürchtet. Parasitär annektieren sie Lebensräume von Künstlern und Kreativen, zerstören deren Lebensgrundlage, indem sie qua Masse und Sorglosigkeit die Mietpreise nach oben treiben, und geben deren Produkte und Errungenschaften für ihre eigenen aus. Sobald die Hipster einen Stadtteil befallen haben, ist dieser noch lange nicht tot, aber oft ist es für ihn dann zu spät. Verbreitungsgebiet: Städte der westlichen Welt. Hauptstadt der Hipster-Bewegung: momentan Berlin, demnächst vielleicht Istanbul, Tel Aviv, Reykjavík oder Bottrop, wer weiß das schon. In seinem Erscheinungsbild liebt der Hipster Uniformität. Laut Internet sind Skinny-Jeans, Chucks, Brille mit schwarzem Gestell und ein Jutebeutel fester Bestandteil des Hipster-Outfits. Weibliche Hipster tragen dazu gerne einen Dutt.

Der Berlin-Hipster wechselt ähnlich wie die Heuschrecke seinen Lebensraum schnell. In nie da gewesener Dichte lassen sich Hipster-Weibchen und Hipster-Männchen zurzeit im Berliner Stadtteil Neukölln beobachten. Aufgrund der dortigen besonderen soziodemografischen Situation hat der Hipster auch wegen seiner monetären Überlegenheit meist keine natürlichen Feinde. Doch die Idylle täuscht. Die größte Bedrohung: das Establishment und das eigene Alter. Größte Angst: Irgendwann so zu sein wie die am Prenzlauer Berg. Noch größere Angst: Irgendwann so zu sein wie die eigenen Eltern. Noch feiern sie. Noch sind sie unbefangen cool. Doch bald schon wird sie das Establishment und das Alter eingeholt haben. Es bleibt als letzter Zufluchtsort: Pankow, Treptow, Köpenick oder … Wedding.

Ganz Wedding ist in drei Teile geteilt. Der eine Teil, das Szene-Wedding, ist potenzielles Einfallstor für junges, urbanes Leben und Arbeiten. Zentrum ist der Pankekiez, das Areal grenzt im Osten an den Prenzlauer Berg und im Süden an Alt-Mitte. Hier schießen, so will es der Mythos, in abgelegenen Hinterhöfen und verlassenen Fabrikhallen Startups, Bars und Kunstprojekte wie Pilze aus dem Boden. Prenzl-Wedding grenzt nicht, wie der Name vermuten lässt, an den Prenzlauer Berg. Vielmehr hat die Bezeichnung mit der soziodemografischen Struktur der Prenzlweddinger Kieze zu tun, die sich am Nordufer entlangschlängeln und nach Moabit hin immer bürgerlicher werden. Im Dorftheater „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ distanziert sich der Prenzl-Weddinger vom dekadenten Prenzlwichser und feiert seine Einzigartigkeit. Man wählt Grün, listig beäugt von der Sozialdemokratie, die aber immer noch die Mehrheit hat, baut genfreies Gemüse im Blumenkasten auf dem Balkon unter der Anti-Atomkraft-Flagge an. Hinter der Seestraße beginnt Wedding-Land. Dort, wo 1918 noch die Stadt aufhörte, entstanden in der Weimarer Republik endlose Wohnsiedlungen der Berliner Moderne. Teilweise sind diese heute Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes. Hier reiht sich Wohnsiedlung an Wohnsiedlung. Endlos. Durchbrochen nur von noch endloseren Kleingärtnerkolonien. Seitlich begrenzt durch die Rehberge auf der einen und die Schillerhöhe auf der anderen Seite. Zeugnisse urbanen Lebens: Einkaufsmöglichkeiten, Kultureinrichtungen und Kneipen sucht man hier vergebens. Der Altersdurchschnitt: jedenfalls alt. Trotzdem verbindet all diese unterschiedlichen Menschen – die Alten, die Jungen, die Internationalen, die Deutschen, die Coolen und die Ewiggestrigen, die Grünen und die Sozialdemokraten, die Studenten und die Arbeitslosen – ein Lebensgefühl: Irgendetwas gefunden zu haben, das so wie es ist gut ist. Von dem man eigentlich gar nicht will, dass es sich verändert. Und das man bereit ist zu verteidigen gegen eine unbekannte Bedrohung von außen.

Frau Paul schnitt Karotten. Das hieß, Frau Paul kochte. Frau Paul ernährte sich bewusst, also gesund. Meistens zumindest. Sie putzte, schnitt und kochte die Karotten. Dazu servierte sie Salzkartoffeln, wegen der Kohlenhydrate. Frau Paul hatte eine Tofupfanne zubereitet, die, zugegeben, etwas wie Rührei aussah. Eine etwas trockene Angelegenheit. Frau Paul taufte das Gericht spontan „Leipziger Allerlei à la Paul“.

„Interessant“, meinte Herr Wernig … Damit hatte er nicht gerechnet. Hätte er aber können, schließlich war Frau Paul eine Virtuosin in der Küche und für ihre spontanen Mixgerichte bekannt. Herr Wernig, der zwar nach eigener Auffassung kochen konnte, aber aufgrund mangelnder Zeit selber kaum kochte, hatte seine Ernährungsgewohnheiten minutiös auf den ihn umgebenden Lebensraum abgestimmt. Da wären Döner de luxe im „Imbiss International“, Lasagne al Forno bei „Giovanni“ und schließlich Nummer 37a) im Thai-Imbiss mit dem unaussprechlichen Namen.

„Gegessen wird, was aufn Tisch kommt“, meinte Herr Wernig pragmatisch und sah die Chance für seine monatliche Dosis Vitamine gekommen. Das Attribut „Staubtrocken“ war trotzdem nicht gänzlich von der Hand zu weisen.

„Dazu müsste man jetzt Ketchup essen. Ich hab Senf“, schlug Frau Paul entgegenkommend vor.

„Tofupfanne mit gedünsteten Karotten auf Salzkartoffeln in Senf-Dip. Das klingt doch …“ Herr Wernig darauf wie immer diplomatisch.

„Was trinken?“

„Ein Bier?“

„Ich hab Leitungswasser und Saft.“

„Du hast doch immer Bier.“

„Nein, jetzt nicht mehr. Ich habe beschlossen: Ab jetzt nur noch Alkohol in der Kneipe und nicht mehr zu Hause, sonst trinken wir hier ständig.“

„Aber du hast doch hier überall Kneipen um dich rum, da ist es doch fast schon eg…“

„Nein, ist es nicht.“

„Aber zu Hause is’ billiger …“

„Aber man trinkt auch mehr, wenn’s billiger is’ … Saft oder Leitungswasser oder nix.“

Herr Wernig entschied sich für Saft, weil er vitaminmäßig heute schon so herrlich unterwegs war.

Frau Paul lebte in einer liebevoll selbst renovierten Altbauwohnung in Neukölln. Eine Oase der Ruhe inmitten eines alkoholischen Bermuda-Dreiecks zwischen den Szenekneipen „Bäh“, “Bier“ und „Rumpelstilzchen“. Als sie sich vor fünf Jahren berufsmäßig nach Berlin orientiert hatte, gab es keinen Zweifel, dass es Berlin-Kreuzkölln sein musste und sonst nix. Hier lebten bereits ihre Freunde aus Tübingen. Hier waren ihre Arbeit, ihre Kneipen, das herrliche Essen-aus-aller-Welt-rund-um-die-Uhr versammelt. Das Leben, der Lärm. Alles war künstlerisch, alternativ und anders. Es gab keinen Grund, woanders zu leben, und dezente Hinweise, man könnte woanders billiger und besser wohnen, ignorierte sie als störende Infiltrierungsversuche von inkompetenter Seite (Herr Wernig). Auf dem sich zuspitzenden Berliner Immobilienmarkt hatte sie bei Wohnungsbesichtigungen beharrlich in kilometerlangen Schlangen ausgeharrt, ihr Handy-Guthaben regelmäßig vergeblich investiert, um Vermieter anzurufen, die sie brüsk mit dem Hinweis, die Anzeige sei doch vom Morgen, wie könne man da am Nachmittag anrufen, abgewiesen hatten. Sie hatte Massenmails formuliert und Facebook-Gruppen gegründet. Sie hatte Vermieter mit Blumen und Schokolade bestochen und mit schmierigen Maklern geflirtet. Alles vergeblich, bis schließlich über einen Freund ihres Freundes von dessen Freund eine Wohnung unter der Hand und unter Ausschluss der Öffentlichkeit an sie vertickt wurde, die nie in einem Inserat stand und nie von einer Horde Wohnungssuchender besichtigt wurde. Frau Paul hatte zuweilen im Leben so etwas wie Glück.

„Erst essen, dann spülen, wann treffen wir uns? Um acht? Dann bleibt noch etwas Zeit für ein Mittagsschläfchen.“

Wohlgemerkt, es war 18:45 Uhr, aber Frau Paul und Herr Wernig gingen gerne zusammen ins Bett. Um für zweiundzwanzig Minuten dem Powernapping zu frönen, einer Leidenschaft, die sie zusammen entwickelt hatten, als sie gemeinsam eine Arbeitsgruppe gebildet hatten. Herr Wernig schrieb seine Magisterarbeit und Frau Paul, die kurzzeitig einmal die Idee hatte, noch zu promovieren, bastelte an einem Forschungsantrag. Ziel der Arbeitsgruppe war es damals, den Büroalltag zu simulieren. Der Müdigkeit nach dem Mittagessen zwischen 12:30 und 13:30 Uhr sollte durch eine kurze und konzentrierte Schlafaktion entgegengewirkt werden. Dabei stand man in der Tradition großer Staatenlenker. So ist bei Konrad Adenauer der Mittagsschlaf überliefert, und Winston Churchill behauptete, der Mittagsschlaf würde aus einem Arbeitstag zwei machen und sei daher sehr produktiv. In schöner Erinnerung an diese gemeinsame Zeit pflegten Herr Wernig und Frau Paul jetzt ihren Mittagsschlaf bei fast jeder Gelegenheit und zu fast jeder Uhrzeit.

Und die Ruhe war vielleicht auch nötig, denn Wernig und Paul hatten heute Großes vor. Zusammen mit Holger, Susanne und Steffi bildeten sie das Team „Heiter bis wolkig“ beim Kiez-Jeopardy. Der Name des Teams entstand, weil Steffi Meteorologie studierte und das witzig fand und den anderen auch nichts Besseres einfiel. Eine wahre Blutfehde pflegte das Team gegen die Combo „Auch nüchtern sind wir noch betrunken“, mit der sie sich seit Wochen ein unerbittliches Duell um den Pokal lieferten. Was anfangs noch Spaß war, wurde schon bald zu bitterem Ernst und eine Frage der Ehre. Es ging ums Prinzip.

Herr Wernig und Frau Paul waren etwas früher da. Nach langer Durststrecke stand Herr Wernig endlich vor seinem ersten Bier. Das Barpersonal wirkte etwas überfordert. Herr Wernig bestellte zur Sicherheit gleich zwei Gläser. Das Kneipen-Jeopardy besteht aus zwei Raterunden und zwei Aktionsrunden, bei denen man Spiele spielt, die man das letzte Mal beim Kindergeburtstag ausprobiert hat, und zwar bei seinem eigenen vor zwanzig bis dreißig Jahren. Die Fragen oder besser die Antworten – denn beim Jeopardy werden die Fragen als Antworten und die Antworten als Fragen formuliert – für die Raterunden werden gemeinsam im Team gelöst, niedergeschrieben und anschließend von einer unbestechlichen Jury ausgewertet. Technische Hilfsmittel wie Smartphone oder Einen-Nobelpreisträger-imengeren-Familienkreis-Anrufen sind verboten. Am Ende der Runde werden die Antworten der Teams eingesammelt und ausgewertet. Bei Punktegleichheit gibt es am Ende ein Stechen. Jeder im Team hatte ein Spezialgebiet. Frau Paul war für Mode, Musik und Literatur zuständig. Herr Wernig für Geschichte, auch wenn ihm die Geschichtsfragen meistens nichts sagten. Holger wusste alles über Sport. Und Susanne kannte aufgrund zahlreicher Friseur- und Arzttermine die Klatschspalten auswendig. Steffi wusste viel über das Wetter und über Geografie. Während Paul und Wernig einen Tisch sicherten und misstrauisch die Gegner von „Auch nüchtern sind wir noch betrunken“ beäugten, tröpfelten allmählich die anderen ein.

Herr Wernig hatte Holger und Susanne während des Studiums beim Buchstaben „W“ im BAföG-Amt kennengelernt. Wo sonst haben ein Maschinenbauer, eine Biochemikerin und ein Historiker die Gelegenheit, sich ausgiebig zu unterhalten. Zwar verlief der Gesprächsauftakt eher zäh, aber nachdem sie das gleiche Sachbearbeiterlos teilten, fanden sie sich im Anschluss in einer nahe gelegenen Kneipe wieder und danach lief es flüssig. Zuerst erschien Holger mit seinem dichten Haar und dichten Bart und man tauschte Höflichkeiten aus.

„Wie geht’s dir?“, fragte Wernig.

„Also, willst du das wirklich wissen?“, meinte Holger.

„War doch nur ’ne Frage“, entgegnete Wernig.

„Also, es ist kompliziert …“

„Lass uns später darüber reden“, schloss Wernig.

Traditionell mit Verspätung – man hatte schon überlegt, ob man Susanne eine halbe Stunde früher bestellen sollte, weil sie ja eh zu spät kam – erschien Susanne. Jeder starrte sie fassungslos an, denn Susanne hatte einen hochroten Kopf, was aber wunderbar zu ihrem orangen Pullover passte.

„Was ist mit dir los? Du glühst ja wie ein Feuerwehrauto.“

„Oh, ich komm grad vom Bikram Yoga. Da seh ich immer so aus. Das legt sich aber wieder.“

„Was fürn Yoga?“, wollte Frau Paul jetzt wissen.

„Bikram Yoga. Das ist Yoga bei 38 Grad. Also wie Sauna und Yoga zusammen. Ist voll anstrengend. Tut aber voll gut.“

„Sicher?“ Herr Wernig war skeptisch.

„Ja.“ Susanne war sich sicher.

„Sicher, dass das gesund sein soll?“ Herr Wernig hakte nach.

„Ja, das fördert die Durchblutung, macht die Gelenke geschmeidig und entgiftet.“ Susanne hatte recherchiert.

„Und macht ’nen hochroten Kopf.“ Holger hatte eine unnachahmliche Art, die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Zu mehr Unterhaltung kam es auch nicht, denn noch bevor Susanne die Raterunde mit Werbeflyern des Yoga-Studios versorgen konnte, mochten die Spiele beginnen. Es folgte das übliche Ritual. Unter Fanfaren wurde hereingetragen: Der Pokal. Der Heilige Gral. Das Füllhorn des Ruhms. Ein zwölf Jahre gelagerter, im Bourbon-Fass gereifter irischer Whisky der Marke Evergreen. Listenpreis: achtzig Euro. Allen war klar: Diesen Pott wollte man haben. Und dann ging es auch schon los. Der erste Fragenkomplex. Das Motto des Abends war „Roter Oktober“.

Themenkomplex I.: Roter Oktober und der Sport.

1. Dieser vierfache deutsche Fußballmeister hat seine Spielstätte auf einem Teufelsberg. Gesucht wird der Spitzname.

„Ha … das ist einfach“, meinte Holger.

„Nicht so laut, nicht so laut. Feind hört mit“, versuchte Frau Paul die Euphorie zu bremsen und sah sich bedächtig nach heimlichen Lauschern gegnerischer Teams um.

„Was sind die Roten Teufel?“, fasste Susanne zusammen.

2. Ein Ereignis des Breitensports in der DDR, das 1974 von Näherinnen des Erfurter Bekleidungswerkes gegründet wurde und sich bis heute großer Beliebtheit erfreut.

„Oh mein Gott …“ Steffi resignierte.

„Jemand aus Erfurt?“ Holger moderierte.

„Ich bin schon mal durchgefahren … aber … puh.“ Herr Wernig hatte jetzt auch mal was gesagt.

„Die Erfurter Burgenfahrt.“ Alle Blicke trafen Susanne …

„Was is’ …?“

„Warum weißtn du das?“ Steffi zweifelte.

„Ich bin da schon mal mitgefahren …“ Susanne überzeugte.

„Also dann …“ Susanne fasste zusammen.

Susannes Fahrradleidenschaft war bis dahin noch nicht bekannt. Es stellte sich an dieser Stelle die Frage, was sie wirklich voneinander wussten. Aber dafür blieb jetzt keine Zeit.

3. 195 Medaillen.

„Oh mein Gott.“ Steffi, wer sonst.

„Ein Land … die suchen ein Land!“ Frau Paul sprach aus, was jeder dachte.

„195 ist ganz schön viel. Jetzt in London haben die USA nur so um die 100 gewonnen.“ Holger glänzte mit Fachwissen.

„Also früher, als noch gedopt wurde, als es die Sowjetunion noch gab.“ Huch, Herr Wernig, also wirklich, Historiker halt.

„Würd ja auch zum Thema passen.“ Steffi fasste Vertrauen.

„Das muss 1980 gewesen sein, da war die SU konkurrenzlos, die USA haben da nicht mitgemacht“, präzisierte Holger.

„Gut, das klingt doch überzeugend.“ Und die letzten Worte gebührten wie immer Susanne.

„Also: Wie viele Medaillen gewann die SU bei den Olympischen Spielen 1980?“

4. Von 1953 bis 1961 war dieser Sportler neun Mal in Folge Sportler des Jahres in der DDR.

„Pffffffff“, sagte Steffi. Das wäre nicht schlimm.

„Ähhhhhhh“, meinte Susanne. Auch das würde noch gehen.

„Ja mei …“ Herr Wernig, der Historiker schwieg. Bedenklich.

„Raten?“ Frau Paul mit dem Mut der Verzweiflung.

„Mir fällt ehrlich gesagt überhaupt kein Sportler der DDR aus dieser Zeit ein.“ Das war jetzt Verzweiflung.

„Wer war der Schwimmer Roland Matthes?“, meinte Holger, damit was gemeint wurde.

5. In sozialistischen und postsozialistischen Ländern ein beliebtes Symbol für einen Fußball- oder Sportverein …

„Was ist der Rote Stern?“, schoss es aus Holgers Mund. Keiner erwiderte.

Damit war die erste Runde beendet. Die ersten Zettel wurden eingesammelt. Die konzentrierte Spannung im Lokal löste sich. Laute Gespräche und Gelächter. Zeit für eine Rauch- und Toilettenpause. Herr Wernig bestellte sein drittes und viertes Bier. Als das Plenum wieder zusammengetrommelt wurde, verkündete die Jury das Zwischenergebnis.

„… damit kommen wir zu folgendem Zwischenstand: auf Platz drei die ‚Kiezpomeranzen‘. Auf Platz zwei ‚Heiter bis wolkig‘ und auf Platz eins die Titelverteidiger ‚Nüchtern sind wir immer noch betrunken‘.“

„Die wussten das mit dem DDR-Sportler? Unfassbar“, grunzte Herr Wernig. „Apropos … wie war denn jetzt die Lösung?“

„Täve Schur“, antwortete Holger trocken.

„Täve was?“

„Täve Schur – Radfahrer.“

Zeit für die erste Zwischenrunde. Im Topfschlagen konnte Susanne mit einer Spitzenzeit von drei Minuten und zwanzig Sekunden einen der vorderen Plätze belegen. Sie waren „Nüchtern sind wir immer noch betrunken“ haarscharf auf den Fersen.

Themenkomplex II.: Kultur und der Rote Oktober.

1. Sie managte von 1982 bis zur ihrer Auflösung 1985 die Gruppe „Ton, Steine, Scherben“.

„Claudia Roth“, meinte Holger.

„Einfach, weiter“, bestätigte Herr Wernig.

„Wer ist Claudia Roth?“ Susanne brachte das Gesagte noch in die richtige Form.

2. Rothaarige Widerstandskämpferin der Kinderliteratur in Kroatien. Nach ihr wurde in den Siebzigern eine Terrorzelle benannt.

„Rote Zora“, brach es aus Frau Paul hervor.

„Keine Ahnung.“ Steffis Kommentar half nicht wirklich weiter.

„Mangels Alternativen: Wer ist die Rote Zora?“ Susanne war zielstrebig.

3. Dieses Lied war 1986 nicht nur in Belgien Chartshit Nr. 1.

„Geht’s noch?“ Steffi war empört.

„Ja klar …“ Herr Wernig auch.

„Thema … Thema … was Rotes … oder was mit Oktober“, suchte Susanne den roten Faden.

„Das war bis jetzt nie was mit Oktober, das war immer was Rotes.“ Da hatte Steffi aber recht.

„Lady in Red?“ Frau Paul war das schon ein wenig peinlich, dass sie das jetzt wusste.

„Red Hot Chili Peppers, Simply Red …“Auch wenn es lieb gemeint war, Susannes Einwürfe führten nun wirklich in die falsche Richtung.

„Lady in Red!“ Frau Paul zum Zweiten.

„Was? … Das kann nicht ihr Ernst sein …“ Herr Wernig war auch noch da. Beruhigend. Mit „ihr Ernst“ meinte er übrigens weniger Frau Paul, als die Kneipenquiz-Betreiber, die offensichtlich keinen Musikgeschmack hatten.

„Schluss jetzt … das nehmen wir. Was ist Lady in Red?“ Holger sprach ein Machtwort.

4. Hermann Friedrich Waesemann baute dieses Bauwerk zwischen 1861 und 1869.

Holger in Richtung Herrn Wernig: „’ne Idee?“ Herr Wernig aus einem Sekundenschlaf erwachend: „Was? Äh … Rotes Rathaus.“

„Na, das klingt doch gut: Was ist das Rote Rathaus?“ So schnell konnte es gehen.

5. Kein Buch. Kein Film. Eine Süßwarenfabrik. Ein Metallurgiebetrieb.

„Häh?“ Steffi, Susanne und Frau Paul in etwa zeitgleich.

„Roter Oktober!“ Herr Wernig kam langsam in Fahrt.

„Aber es heißt doch: kein Buch, kein Film“, brachte Susanne zweifelnd ein.

„Der Film heißt ja auch ‚Jagd auf Roter Oktober‘“, bestätigte Holger, der den Lösungsvorschlag nicht ganz unsympathisch fand.

„Also, da isser, der Oktober“, musste auch Steffi anerkennen.

„Was ist Roter Oktober?“

Damit wäre auch die zweite Runde abgeschlossen und Holger trat zum Schokoküsse-Wettessen an. Müßig, die Stoppuhr zu bemühen, mit rasender Geschwindigkeit war das schokoladene Schaumteil vernichtet. Das Ergebnis war ein Unentschieden: „Nüchtern sind wir immer noch betrunken“ gleichauf mit „Heiter bis wolkig“. Es folgte ein Stechen. Für „Nüchtern sind wir immer noch betrunken“ trat der dicke Bruno an. Ein Wiki-Nerd, ein wandelndes Lexikon. Und für „Heiter bis wolkig“ fiel das Los auf Herrn Wernig, der gerade sein sechstes Bier geleert hatte.

„Seid ihr sicher, dass er das packt, er wirkt schon etwas betrunken“, warf Susanne kritisch ein. Aber Frau Paul meinte selbstsicher: „Ein echter Wernig-Moment. Das ist einer für die ganz wichtigen Punkte.“

Herr Bruno bekam die erste Antwort präsentiert:

„Klaus Maria Brandauer.“

Bruno zuckte. Sollte er gar die Antwort nicht wissen. Stille, warten. Dann:

„Wer spielte Dante in ‚Das Russlandhaus‘?“

„Leider nein, die richtige Antwort wäre gewesen: Wer sollte die Rolle des Marko Ramius in ‚Jagd auf Roter Oktober‘ zuerst spielen, bevor sie Sean Connery übernahm?“

Jetzt war Wernig an der Reihe:

„Entweder ein Berliner Stadtteil oder eine Biersorte oder beides.“ Das war die Antwort.

Plötzlich war alles um ihn herum still, und trotz all der Biere dachte Herr Wernig plötzlich klar. Seit acht Jahren – gefühlten zwölf – wohnte er nun im Berliner Arbeiterbezirk Wedding. Er war damals mit seiner Freundin in die Wohnung gezogen. Sie hatten sich dafür entschieden, weil für einen Trendbezirk das Geld nicht reichte, sie aber dennoch verkehrsgünstig wohnen wollten. Einkaufsmöglichkeiten und eine Handvoll ganz passabler Kneipen rundeten den Eindruck ab, dass es sich dort zwar nicht hip, aber ganz passabel leben ließe. Anfangs glaubten sie sogar, jetzt Teil einer Avantgarde, Vorläufer einer Bewegung zu sein, und beobachteten beglückt jeden in den Straßen, der etwas jünger, alternativer und anders aussah. 2006 sollte das Jahr des Wedding werden. Aufgrund der Stadionnähe und seiner internationalen Bevölkerung sollte der Wedding während der FIFA©-Fußball-Weltmeisterschaft das neue Kreuzberg sein. Doch der Fußball kam und ging, nur der Wedding blieb der alte. Irgendwann hatten Wernig und seine Freundin, nennen wir sie Katrin, sich nichts mehr zu sagen. Irgendwie hatten sie vielleicht sowieso nie zusammengepasst. Eines Tages hatte sie ihn mit Küchengegenständen beworfen, darunter eine frisch abgefüllte Ein-Liter-Flasche …

„Roter Wedding … die Lösung: Was ist Roter Wedding?“ Und das war die Antwort.

Der Rest war Jubel, Schulterklopfen und Umarmung, Geschrei und neidische, zornerfüllte Blicke von „Nüchtern sind wir immer noch betrunken“. Dann reckte Holger die Whisky-Flasche in die Höhe und es trieb sie hinaus in die klare, warme Nacht …

An jenem Abend, der so vieles ändern sollte, verabschiedete sich Frau Paul schon recht bald. Mit eiserner Disziplin kümmerte sie sich um ihren Schönheitsschlaf und fehlte meist immer dann, wenn der Abend interessant zu werden versprach. Das hieß aber nicht, dass man mit Frau Paul keine legendären Abende verbringen konnte. Holger, Steffi, Susanne und Herr Wernig saßen am Kanalufer und tranken aus Plastikbechern teuren Whisky, und mit jedem Glas, also mit jedem Becher war die Welt etwas verschwommener, aber ein durchaus schöner Ort. Und wie die Nacht vorbeiging und der Tag begann, daran erinnerte sich Herr Wernig nicht mehr. Er sollte später Fotos sehen, wie er und Holger im Morgengrauen an irgendeiner Bude am Hermannplatz Würstchen aßen. Daran erinnerte er sich nicht mehr. Wie er nach Hause kam, auch nicht. Alles, woran er sich erinnerte, war der Duft von abgestandenen Bierresten. Mit pochendem Schädel und schmerzenden Gliedern lag er so da in voller Montur zwischen seinen Pfandflaschen und seinem Altglas, das er Wochen, vielleicht Monate nicht weggebracht hatte. In einer Lache rutschte er aus und landete noch einmal hart. Dann, mit fokussiertem Blick an die Flurdecke, die dortigen Spinnweben beobachtend, begann er zu träumen. Er träumte von all dem, was er einmal werden wollte und nicht war. Ein Filmemacher. Ein Journalist. Ein Doktor. Ein Ehemann und ein Familienvater – ja, Herr Wernig hatte eine spießige Komponente. Und da beschloss er, dass das so nicht weitergehen konnte, dass er sein Leben ändern musste. Und die Lösung lag irgendwo in diesem Zimmer zwischen all den zerstreuten Bierflaschen. Er musste sie nur irgendwie finden …

Kapitel 2: Frau Paul hinter schwedischen Gardinen

2009 fand an der New School in Manhattan eine soziologische Tagung über das subkulturelle Phänomen des Hipsters statt. Diskutiert wurden die historischen Wurzeln, Definitionsvarianten und Erscheinungsformen. So geht der Begriff auf subkulturelle Strömungen der Vierziger- und Fünfzigerjahre zurück, geriet in Vergessenheit und wurde vor allem dann wieder in den Nullerjahren aufgegriffen, um einer coolen, neoliberal geprägten, inhaltsleeren Modeerscheinung einen Namen zu geben. Er lässt sich vor allem durch race und gender eingrenzen: junge weiße Männer mit Hang zum Narzissmus und Abgrenzungsbedürfnis. Betrachtete man im New York des Jahres 2009 den Hipster eher retrospektiv als „Nachruf auf ein subkulturelles Phänomen“ unter dem Motto „Was haben uns die Hipster-Jahre gebracht?“, sollte der globale Siegeszug des Hipsters gerade erst beginnen. Ist der Begriff zwar weiterhin negativ besetzt, so ist in Anlehnung an die Ursprünge der Hippie-Bewegung (ursprünglich von „kleiner Hipster“) auch eine positive Umdeutung in Zukunft nicht ausgeschlossen. Der Ausgang bleibt offen.

3254 Schweden sind in Berlin gemeldet. Das sind 448 mehr Schweden als Dänen. Und die müssen sich die Statistik auch noch mit den Färöer-Inseln teilen. Diese Zahlen überraschen insofern, als dass es vor allem die Dänen sind, denen man vorwirft, die ganzen Eigentumswohnungen am Prenzlauer Berg als Feriendomizil zu kaufen und damit die Preise in die Höhe zu treiben. Der Volkszorn gegen die Gentrifizierung trifft innerdeutsch die Schwaben und außerdeutsch die Dänen, während die Schweden eigentlich jeder ganz nett findet. Das liegt wohl an Kommissar Wallander, Abba, Astrid Lindgren und Ikea. Und bei den Dänen? Lars von Trier … und lange nichts. Na also. Es bewahrheitet sich wieder mal: Schein und Sein, Dichtung und Wahrheit sind eine Statistik voneinander entfernt. Für viele Schweden ist Berlin sehr attraktiv. Die Flüge nach Schweden sind billig, Steuern und Lebenshaltungskosten auch, und an jeder Ecke gibt es Alkohol. Viele schwedische Unternehmen haben daher ganze Betriebssparten ins Billiglohnland Deutschland outgesourct. In Berlin lässt es sich um ein Vielfaches billiger leben. Und fremdes Personal muss man auch nicht einstellen. Die schwedischen Mitarbeiter kommen einfach mit, die wollten eh alle schon mal irgendwo leben wo es im Sommer warm und im Winter heller ist. Die Frage, ob Berlin da die richtige Wahl … Wir kommen vom Thema ab.

Schräg gegenüber von Ikea Tempelhof am Südkreuz arbeitete Frau Paul im Customer Service einer schwedischen Onlineplattform für vegane und biologisch angebaute Tiernahrung. Frau Paul hatte auch mal vier Semester Skandinavistik studiert und auch mal drei Scheine gemacht. Dies alles qualifizierte sie, Mitglied eines super super und hauptsächlich aus Schweden bestehenden Teams zu sein. Frau Paul war so etwas wie die deutsche Seele des Unternehmens. Sie stellte als Workforce-Managerin den Betriebsablauf sicher, das heißt, sie übernahm Bestellung, Korrespondenz und Abwicklung mit Lieferanten von Bürozubehör, Handwerkern und deutschen Behörden. Man wollte die zarte schwedische Seele vor Kontakt mit dem gemeinen Berliner und dem deutschen Amtsschimmel schützen. Diesen Tanz zwischen den Kulturen managte Frau Paul mit Charme, einem Lächeln, viel Geduld, viel Kaffee und einem Dutzend Zimtschnecken am Tag.

Frau Paul saß am Fenster und beobachtete die erwachende und blühende Natur und den Tag beim Hellerwerden. Vor ihr stand eine perfekt geschäumte Latte macchiato aus der super super teuren, aber super super leckeren Büro-Kaffeemaschine. Wenn es um das Wohl und die Ability der Mitarbeiter ging, war der Firma nichts zu teuer. Mehr Gehalt gab es deswegen trotzdem nicht.

Frau Paul durchlebte einen kurzen Moment der Melancholie. Zwar schien ihr Leben perfekt geordnet: ein Job mit unbefristetem Arbeitsvertrag, eine schöne, schicke Wohnung im Trendbezirk und ein Haufen treuer, guter, wenn auch etwas versoffener Freunde. Frühlingshafte Aufbruchsstimmung und Unruhe beschlich sie. In Sachen Wohnort und Beruf war ihr eine gewisse Unstetigkeit eigen, alle zwei Jahre musste eine neue Herausforderung her. Frau Paul hatte in ihrem Leben etwas von einer Nomadin. Während sie gerade in Gedanken auf einem Kamel durch die Wüste ritt, warf sich Lasse, ihr schwedisches Pendant, vor Lachen vom Stuhl. Irgendwas im World Wide Web amüsierte ihn.

Mit Lasse, ihrem neuen Mitarbeiter, war es Sympathie auf den ersten Blick. Lasse war erst seit knapp zwei Wochen im Büro, und trotz einiger Erfahrung hatte Frau Paul noch nie jemanden gesehen, der seine neue Lebenssituation so generalstabsmäßig in den Griff bekommen hatte. Frau Paul kannte ihre Pappenheimer. Es wurde immer schwieriger, in Berlin eine Wohnung zu finden, oft waren sie aus der Betriebswohnung, die ihnen für die erste Zeit zur Verfügung stand, gar nicht mehr herauszubekommen. Dann drückten sie sich wochenlang vor dem Besuch beim bösen deutschen Bürgeramt. Und weil die Alte-Beziehung in Göteborg, Stockholm oder Malmö relativ schnell in Fernbeziehungsturbulenzen geriet, war eine Mischung aus Liebeskummer und Heimweh oftmals vorprogrammiert. Anders Lasse. Er kam nach Berlin mit der Einstellung eines blanken Papiers, das darauf brennt, beschrieben zu werden. Er war voller Energie und Tatendrang. Manchmal war er nervig, manchmal auch extrem ansteckend. Wie Gott in sechs Tagen, erschuf Lasse seine Berliner Welt in nur fünf. Am ersten Tag hatte er innerhalb der Berliner Schweden-Community sofort ein WG-Zimmer ergattert. Am zweiten Tag war er mit der sehr erstaunten Frau Paul beim Bürgeramt und hatte mit seinem Astrid-Lindgren-Charme und seiner super super guten Laune selbst den fiesen Drachen Frau Droste umgarnt, die plötzlich sogar ganze Sätze, die meisten mit „Bitte, Herr Svensson“ und „Danke, Herr Svensson“ endend, sagen konnte. In der Nacht von Tag drei auf Tag vier stand Lasse knutschend im „Rauchmelder“ und verkündete auf Arbeit „Vollzug“. Er hätte jetzt auch eine Freundin, Annika aus Schweden, immerhin. Am fünften Tag saß Lasse in der Arbeit und krempelte als Workflow-Improvement-Manager den Workflow um. Das hieß, Lasse betätigte sich als Innendekorateur. Eine Wand wurde mit beschreibbarer Folie zur „Wall of Creativity“ umfunktioniert, auf die jeder Mitarbeiter seine neuesten Ideen und Verbesserungsvorschläge kritzeln konnte. Dann wurden überall Sprücheposter ausgehängt, auf denen „I like your smile“, „You are so beautiful today“ und „Doubt and to be bored is your path to creativity“ oder „Your desk is a mirror of your soul“ stand. Dann wurde mit kleinen Topfpflanzen ein „Forest of Reflection“ errichtet, schließlich kam auch Buddha die Erkenntnis unter irgendwelchem Grünzeug. Mit Matratzen und Riesenkissen entstand noch ein „Pleasure Ground“ für Kissenschlacht, Lachyoga oder einfach nur zum Powernapping (Frau Paul). Und am sechsten Tag war das Werk vollbracht. Rekord.

Heute saß Lasse mit einer roten Mütze auf dem Kopf etwas zerknautscht vor seiner liebevoll eingerichteten Arbeitsinsel mit Topfpflanze, Hochzeitsporträt der Kronprinzessin Victoria und einem Poster von Zlatan Ibrahimović. Er gluckste glücklich vor sich hin und rührte verträumt in seinem super super leckeren Extra-Latte-Coconut-Dream.

„Wasn mit dir heut’ los?“

„Warum?“

„Warum hastn du ’ne Mütze auf?

„Well … It’s not my hairday. You know.“

„Ach so.“

Lasse war sehr bemüht, in Rekordzeit sein Deutsch zu verbessern (sechs bis acht Tage). Das mit dem Verstehen klappte schon ganz gut, nur das mit dem Sprechen fiel ihm schwer, deswegen fielen seine Antworten manchmal bilingual aus.

„Lasse, Mensch, Mut zur Hässlichkeit.“

„There is no help. I can do what I want. No comb, no hairstyling product. Nothing helps. My hair is not in the mood to meet the world.“

Frau Paul war als Schuhfetischistin und Beauty-Expertin durchaus offen für Eitelkeiten aller Art. Männern gestand sie ähnliche Marotten zu, aus Gründen der Gleichberechtigung. Doch Lasse war extrem. Sie hatte ihn beobachtet. Er trug keinen Tag hintereinander die gleichen Schuhe und die gleiche Jacke. Das war noch nicht so schlimm, weil Lasse ja erst gefühlte zwei Wochen da war. Es war vielleicht noch kein Beweis, aber ein ganz klares Indiz. Frau Paul stellte sich einen Flur voller Schuhe vor und einen Schrank voller beiger Trenchcoats, und Frau Paul befiel eine Mischung aus Wärme und Neid. Lasse war wohl ein Hipster …

Nachdem Lasse jetzt mehrere YouTube-Tutorials studiert hatte, lief er zu Höchstform auf und präsentierte ihr die neue Mitarbeiter-Motivierungs-Strategie.

„Wir sind jetzt Fisch.“

„Lasse, alles klar?“ Frau Paul machte fischähnliche Mundbewegungen.

„Da haben amerikanische Wissenschaftler auf einem Fischmarkt die Fischverkäufer beobachtet und herausgefunden, warum die so erfolgreich und auch als Menschen so glücklich sind.“

„Ich hab nicht viel an der Uni gelernt. Aber mein Dozent hat immer gesagt: Vertrauen Sie niemals einem Satz, der mit ‚Amerikanische Wissenschaftler haben herausgefunden …‘ beginnt.“

„Es gibt vier Grundeinstellungen.“ Lasse ließ sich von Skeptizismus nicht beeindrucken.

„Erstens: Play. Die Fischhändler haben so viel Spaß, weil sie ihre Arbeit spielerisch sehen. Sie scherzen miteinander, bewerfen sich auch mal mit ihrer glitschigen Ware.“

„Aua.“ Frau Paul hatte Lasse gerade mit einer Zimtschnecke beworfen. Lasse konterte mit einem Stift.

„Zweitens: Make their day. Wenn du anderen eine Freude machst und sie sich freuen, dann freust du dich auch.“

Frau Paul sprintete um den Schreibtisch herum und riss Lasse die Mütze vom Kopf.

„Du hast die Haare schön, du hast die Haare schön, du hast, du hast die Haare schön.“ Frau Paul sang.

„Du nimmst mich nicht ernst.“

„Hey, make my day! Du hast mir gerade eine Freude gemacht, also sei glücklich.“

„Drittens: Sehr gute Überleitung – be present. Also, konzentriere dich auf deine Arbeit, auf nichts anderes, und geh vor allem deinen Mitarbeitern nicht auf die Nerven.“

„Ich finde, das ist ein Widerspruch zu Regel Nummer eins.“

„Viertens: Choose your attitude. Entscheide dich für eine Stimmung, die kann auch agro sein, aber gib dich niemals einem Strudel von Gefühlen hin. Das macht dich für deine Mitmenschen unberechenbar.“

„Misstraue deinen Gefühlen – Luke.“