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Silvester 2098. Die Megacity Path wird von einem Serienmörder heimgesucht. Genau um Mitternacht als die Raketen losgehen, findet er ein neues Opfer. Es ist der Besitzer des angesagtesten Lokals im Second Level. Detective Angela Cold übernimmt die Ermittlungen und stößt bereits nach kurzer Zeit auf einen Verdächtigen - einen ihrer Kollegen. Währenddessen wird der Reliktesammler Greg Singer auf eine geheimnisvolle Mission geschickt. Die Ereignisse überschlagen sich, denn dem Mörder wurde bereits sein nächster Auftrag zugeflüstert. Er ist in seinem Wahn zu allem fähig. Für Greg und Angela beginnt ein Kampf ums Überleben.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ADHELION – Kalte Sonne

von

Raiko Oldenettel

"Für Christian und Anke - Leser der ersten Stunde"

Inhaltsverzeichnis

Kapitel eins - 180 Millisievert

Kapitel zwei - Schaukampf

Kapitel drei - Fallout

Kapitel vier - Ödnis

Kapitel fünf - 650 Millisievert

Kapitel sechs - Vor den Toren dieser Stadt

Kapitel sieben - Kernschmelze

Kapitel acht - Endlos

Kapitel eins – 180 Millisievert

Ich habe nicht immer getötet.

Das ist die einzige Erinnerung, die ich an mein früheres Leben habe: Ich habe nicht immer getötet. Hatte ich Freunde? Ich will es lieber nicht wissen. Hatte ich Familie? Dann sollte ich mir auf der Stelle meine Pulsadern aufschneiden. Habe ich geliebt? Ich erinnere mich nicht an das, was vor meiner ersten Vision war. Aber das ist eine der wenigen Gnaden, die ich erfahren habe. Nichts von dem, was ich jetzt tue, wird jemals Schande über mein bisheriges Vermächtnis bringen. Denn ich bin ohne Vergangenheit. Der Engel hat mir meine Erinnerung genommen und mich in seinen Dienst gestellt.

Wenn ich zu ihm bete, dann greife ich nach der Leere in meinem Schädel und halte sie in den Himmel hinauf, als wäre sie die Schale eines Bettlers. Tagelang kann ich so schweigend sitzen. Es macht mir nichts aus zu hungern und keinen Schlaf zu bekommen. Solange irgendwann das erste Wort, die erste Silbe vom Himmel hinabschwebt und sich die Schale füllt. Mit der Zeit wurde ich geduldiger, denn ihn zu verstehen war nicht leicht. Mit der Zeit wurde ich kräftiger, denn wenn er mir meine Aufgabe mitgeteilt hatte, dann war die Schale so schwer, dass kein anderer Mensch dieses Gewicht hätte tragen können.

Heute bete ich am Altar. Ein einfacher Tisch, an einer Wand. Sieben Kerzen brennen - so viele habe ich bereits getötet. Der Duft von brennendem Wachs zieht mir in die Nase und ich schaue auf das flackernde Licht. Ich habe mir kein Bildnis vom Engel gemacht und werde das Versprechen halten, mich nicht an sein Gesicht zu erinnern. Trotzdem ertappte ich mich dabei, wie ich ohne Absicht in sein Lächeln sah. „Gut gemacht“, flüsterte er dabei. Ist es nicht viel schöner, sich an diese Worte zu erinnern, als an die eigene Vergangenheit?

Ich sitze und halte die Schale hinauf, bettle und flehe um die ersten Worte. Wann darf ich wieder dieses Zimmer verlassen? Wohin wird er mich schicken? Es kratzt an der Decke und über dem Boden. Gleich beginnt es. Meine Haare richten sich auf, lassen mich die kalte Luft des Zimmers spüren, als hauchte der Engel mir in den Nacken.

Er nennt mir einen Namen und ich nicke.

Aufschreiben darf ich den Namen nicht. Was mir Zeit erspart. Momente, in denen ich den Klang seiner Stimme in mich aufnehme und hoffe, dass das Echo gefangen bleibt. Wird er mir irgendwann meinen eigenen Namen verraten?

Der Engel zeigt mir Bilder von dem Ort, an den ich gehen soll. Wieder und wieder, denn er weiß, dass ich zu träge bin, um es mir beim ersten Mal zu merken. Auch das ist eine Gnade, worüber ich mir in diesem Augenblick bewusst werde. Der Engel ist großmütig und verzeiht mir alle Makel, ohne sie zu nennen.

Freudig zittern meine Finger, als ich zum letzten Mal stumm nicke und er mich zurücklässt. Allein, geradezu einsam und dennoch überglücklich. Ein zerreißendes Gefühl. Ich will jetzt zu ihm, nicht später. Möchte auf der Stelle spüren, wie meine Haut in seiner Gegenwart brennt. Wie mein Körper seiner Kraft nicht gewachsen ist.

Ich schüttle den Kopf.

Was für Gedanken ich manchmal habe! Als wäre das alles nur ein Spiel! Ich richte mich vor dem Altar auf und lösche die Kerzen. Die Schale ist voll und ich stehe an der Tür, die Finger ruhen am Codeschloss. Dann sehe ich die Zahlen vor mir aufflackern. Nie sind es die gleichen. Er will mich beschützen. Wovor, das müsste ich raten.

Vor meiner Vergangenheit?

Vor mir?

Oder sogar… vor Path selbst?

imge

31. Dezember 2098

Gerard Cruis hatte mit zwanzig sein erstes kleines Restaurant im Blue Complex. Zwei Jahre später war er einer der wenigen Köche im Second Level gewesen, die sich ihre Kundschaft aussuchen konnten. Er taufte seine persönliche Goldgrube Galapagos und wurde mit Kreationen berühmt, die irgendwo zwischen genetisch manipuliertem Gemüse und antiker Hausmannskost schwebten. Er war ein Mann mit einem Auftrag, zu dem keine Familie und keine Leidenschaft passten, außer der, zu kochen. Mit der Ausnahme sorgfältig arrangierter Liebschaften, die er an- und ausschalten konnte wie einen Ofen. Wurde es zu kompliziert, wurde es zu zeitaufwendig, dann war es auch zu teuer. Gerard verbrachte somit die meiste Zeit am Herd, brüllte seine Auszubildenden an, scheuchte die Kellner, verachtete die Qualität der angebotenen Zutaten, aus denen er gerade noch eine geniale Schöpfung kreieren konnte. Er brannte auch mit Anfang vierzig noch und feierte bereits vor allen anderen Meistern des Handwerks die Küche eines bald anbrechenden Jahrhunderts. Eben jene, die nur im Galapagos auf den Tisch kam.

Und davon musste heute alles perfekt sein.

„Es ist Silvester, meine Herrschaften!“ Gerard schlug mit dem Kochlöffel durch die Luft. „Nicht Tante Gertruds Geburtstag!“

„Sehr wohl, Gerard!“, tönte der Chor zurück, ohne ihn anzusehen. Die Männer und Frauen liefen hektisch durch die schmalen Gänge der Kochinseln. Schweißgebadet und hochkonzentriert schnitten sie Gemüse, Krabben, Insekten und künstliches Fleisch in Stücke, Streifen, Häufchen. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Die Choreografie hatte Gerard mit dem eisernen Kern seiner Belegschaft schon Dutzende Male durchgekaut. Im Grunde seines Herzens vertraute er diesen Leuten blind sein Lebenswerk an. Es ihnen zu sagen, würde jedoch niemandem helfen.

„Diese Soße ist kalt. Aufkochen. Neu abschmecken. Nicht mit der Zitrone sparen.“

„Sehr wohl.“

Sein Löffel rotierte. Der Commis de Cuisine brachte auf einem Silbertablett die Horsd’œuvre vorbei. Gerard probierte nur eines, er würde heute noch genug Essen verkosten. Eine Sauerteigschnitte, hauchdünn, darauf Foie gras an Wachteleischaum. Oben krönte ein Konfekt aus Kakao, Sahne, Chili und Trüffel. Es war einfach, aber die Aromen stimmig. Gerard nickte zufrieden vor sich hin. Dem Commis de Cuisine gab er nur ein nutzloses Schulterzucken mit auf den Weg. Sollte er ruhig denken, dass Gerard derart enttäuscht von der Art des Anrichtens war, dass er sich am liebsten im Keller aufhängen wollte.

„Die gehen jetzt raus. Service? Service, verdammte Scheiße! Wenn das so weitergeht, kürze ich euer Gehalt und kaufe mir Drohnen!“

Drei Stunden ging das so. Gerard schrie sich heiser und goss mit Portwein nach. Was beim Abschmecken der Nachspeise verhängnisvoll war, er aber billigend in Kauf nahm, denn beinahe alle Teller kamen leer zurück. Das Menü, dreizehn Stufen, davon eine am offenen Grill der Bar, war ein Erfolg auf ganzer Linie. Gerard bedankte sich bei seinen Gästen mit Händedruck, überließ sie nach einer kurzen Rede dem Jahreswechsel, löste den Knoten seiner Fliege, warf sein Jackett auf den Haken am Notausgang und flüchtete in die Gasse hinter dem Galapagos.

„Jedes Jahr derselbe Mist …“, murmelte er müde und zog eine frische Schachtel noch verpackter Zigaretten aus der Hosentasche. Das notwendige Übel seiner Zunft, das er sich nur am Ende einer Schicht gönnte. An normalen Tagen arbeitete er regelrecht darauf hin. Seinen Angestellten verbot er es ganz, während der Arbeitszeit zu rauchen. Sie sollten sich ihren Geruchssinn nicht ruinieren. Was für Zeug sie sich anschließend einschmissen, wen sie in den umliegenden Clubs aufrissen, das war ihm egal. Solange sie pünktlich auf der Matte standen und seine Befehle entgegennahmen.

Gerard musste dabei irgendwie an seinen Vater denken, von dem er nur wenige Erinnerungen besaß. Er war von seinen Schichten spät in der Nacht zurückgekommen, hatte sich auf seinen Sessel fallen lassen und eine Zigarre angesteckt. Dabei kommandierte er seine Frau durch das gesamte Haus und rief seine Kinder aus dem Bett, um sich die Schulnoten zeigen zu lassen. Von seinen Mitschülern wusste Gerard, dass niemand sonst so erzogen worden war. Sein Vater, seine ganze Familie, schien aus einer anderen, ferngerückten Welt zu stammen und fügte sich so gar nicht in die neue Idee von Path.

Immerhin hatten sie nie Geldsorgen gehabt, erinnerte sich Gerard und zog an der Zigarette, das war ein Vorteil gewesen. Doch womit sein Vater die Familie versorgt hatte, blieb auch nach dem Tod seiner Eltern ein Geheimnis. In den wenigen Bildern, die von der strengen väterlichen Hand geblieben waren, hielt Gerard akribisch Ausschau nach Anhaltspunkten. Stattdessen stieß er nur auf Verhaltensmuster, die er unbewusst mit den Jahren übernahm.

Angewidert warf er die Zigarette auf den Boden und zertrat sie unter seinen Lackschuhen. Die Geste kam ihm jedoch einen Atemzug später dermaßen albern vor, dass er sich direkt wieder eine neue ansteckte und ins Nichts schaute.

Die neue Idee von Path, die Rettung der Menschheit. Die letzten Wochen war er in seinem Gourmettempel gefangen gewesen und nur hinausgekommen, um auf den Großmärkten einzukaufen. Ein Spaziergang auf den Außendecks, um sich mit Sonne und dem Ausblick auf das Land um die Millionenstadt zu versorgen, den würde er sich erst wieder im neuen Jahr gönnen. Ein Glück, dachte er anerkennend, dass Silvester eine der wenigen verbliebenen Traditionen war, die noch in Path gefeiert wurden.

Als hätte er es ausgesprochen, explodierte in der Ferne die erste verirrte Rakete. Ihr Licht blitzte durch das Metallgitter, das die Hauptstraße abschnitt und an dem sich schon die Müllbeutel stapelten. Die würden erst in zwei Tagen wieder abgeholt werden, aber sie stanken noch nicht schlimm genug, um gegen den Zigarettenqualm anzukommen.

„Gerard?“

„Was?“, brummte er über seine Schulter hinweg. Der Chef Tournant stand in der Tür und hielt ihm einen Kelch Champagner hin.

„Zum Anstoßen.“

Gerard nahm ihm das Glas ab und verschenkte ein mildes Lächeln. „Lief alles am Schnürchen dieses Jahr.“

„Das finde ich auch.“

„Danke, Tomas. Ich komme gleich wieder rein. Dann setzen wir die Einkaufslisten für die erste Woche fest.“

Ohne ein weiteres Wort zu verschwenden und den seltenen Moment der Ruhe zwischen den beiden zu ruinieren, zog sich Tomas zurück. Er hatte sicherlich nicht damit gerechnet, dass Gerard mit ihm anstoßen würde. Die Geste zählte.

Gerard seufzte zufrieden über ein weiteres Jahr, in dem er als Stern am Himmel der Kochkunst prangte. Ohne abzuwarten, ob sich irgendeine Nostalgie einstellte, leerte er den Kelch mit einem kräftigen Schluck und schaute nach oben. Es gab keinen Ausblick im Blue Complex, nur Etage für Etage, die sich mehr oder weniger regalartig einmal in der Höhe durch das Second Level zog. Eine projizierte Uhr ließ jeden auf der Straße wissen, dass es bald so weit war.

Noch eine Minute.

Dann nur noch dreißig Sekunden.

Hätte er mehr Calvados über die Langusten gießen sollen? Oder war es schon Verschwendung gewesen, eine der letzten Flaschen auf der Welt für dieses Gericht zu entbehren?

Zwanzig Sekunden.

Zehn.

Gerard drehte sich um und wollte hinein, bevor das große Feuerwerk auf den Straßen nervtötenden Radau machen würde. Er konnte sehr gut auf diesen Krach verzichten.

Neun.

Acht.

Im gleichen Moment, in dem er seinen Key in die Hand nahm und über das Schloss wischte, gefror das Blut in seinen Adern.

Jemand war in der Gasse. Und es war keiner seiner Gäste und keiner seiner Angestellten. Denn niemand sollte Zugang von außen haben, noch traute sich keiner seiner Jungs aus der Küche, bevor Gerard nicht persönlich den Feierabend einläutete.

Es war ein großer Kerl in einem schwarzen Mantel, der überlang über den Boden schlurfte. Unter der Kapuze blitzten zwei weiße Augäpfel im Licht der Gasse auf. Sie starrten wie besessen auf Gerard, der hörte, wie das Schloss aufsprang.

Sieben.

Sechs.

Gerard stand mit einer Hälfte seines Körpers schon in der Tür. Die Gerüche der Küche dampften ihm entgegen. Mit der sicheren Zuflucht und dem Schuss Champagner im Blut konnte er ruhig Mut beweisen, dachte er. „Du da. Mach, dass du hier wegkommst! Das ist Privatgelände. Ich hab den Schuppen voller Bullen, wenn du Ärger suchst …“

Fünf, vier, drei.

Der Himmel zerplatzte voller Farben und der Mann war verschwunden. Gerard traute seinen Augen kaum. Wo war er hin? Die Gasse war leer. Gerard zog die Stirn kraus. Dann war es nun mal so. Er wollte auch nicht länger hier stehen bleiben, um es zu verstehen. Wütend zog er die Tür auf, doch im gleichen Moment wurde sie wieder zugeschlagen.

Mit ihm dazwischen.

Der stählerne Rand der massiven Tür bohrte sich ihm der Länge nach in den Rücken. Sein Kinn schlug gegen die Wand, er biss sich heftig auf die Zunge. Die Luft in Gerards Lungen entwich, bevor er daraus einen Schrei formen konnte, der dem unglaublichen Schmerz gerecht geworden wäre.

Dann schwang die Tür wieder auf. Gerard wurde zurückgezogen und das Licht seiner Küche erlosch. Die Gasse pulsierte im Takt seines Herzens und überall tünchten die Raketen das Schwarz der Nacht in surreale Farben. Neon, Gold, Silber.

„Du bist Schmutz, Gerard Cruis. Der Engel verlangt, dass du sterben musst.“

Gerard wollte antworten, doch er bekam keinen Ton heraus. Blut lief über seine Zunge. Eine kalte, metallische Hand legte sich um seinen Hals und packte zu. Mit einer erschreckenden Leichtigkeit hob der Mann ihn vom Boden auf und drückte ihn gegen die Wand des Galapagos. Als sein Kehlkopf brach, versuchte Gerard zu verstehen, was gerade passierte. Es machte einfach keinen Sinn.

„Der Engel sei deiner Seele gnädig …“

Ein lautes Geräusch knirschte durch Gerards Innenohr, als sein Nacken brach. Er musste unweigerlich an frisch geknackten Hummer denken.

imge

Angela nippte an ihrem Wein und schmunzelte.

Sie hatte nicht gedacht, dass sie es doch noch schaffen würde, alle an einen Tisch zu bekommen und gemeinsam mit ihnen ihren Geburtstag zu feiern. An Silvester war es nicht selbstverständlich, dass man den Abend mit Leuten teilte, die man schon jeden Tag auf der Arbeit sah. Sicherlich war daher Angelas Geburtstag, aber zu einem großen Teil auch die Tatsache hilfreich, dass sie nicht einfach irgendwo feierte.

Sie feierte im Galapagos - genau dem piekfeinen Restaurant im Blue Complex, für das eine Sicherheitskraft zwei Monate sparen musste, um sich einen Tisch reservieren zu lassen. Und dabei war das Essen noch nicht einmal inbegriffen.

Die Geburtstagsfeier war eines der vielen Geschenke, mit denen Tabeta Strom Angela überschüttete. Seit sie im April versucht hatte, den Mörder von Tabetas Sohn zu finden, und Angela gemeinsam mit ihr eine Menge durchgemacht hatte, verband die beiden eine seltsame Freundschaft. Die meisten Geschenke der reichen Helos gab Angela schweigend zurück, sie wollte nicht beginnen im Luxus zu schwelgen. Doch zu diesem hier hätte sie einfach nicht Nein sagen können.

Der Brief mit der Einladung ins Galapagos war am gleichen Tag unter ihrer Türschwelle durchgerutscht, an dem sie die Scheidungspapiere mit Charles’ Unterschrift zurückbekommen hatte. Als Zeichen dafür, über alles genauestens Bescheid zu wissen, hatte Tabeta Angela Goldfink statt Angela Cold auf den Umschlag schreiben lassen und damit den ersten lebendigen Beweis dafür geliefert, dass ein neuer Abschnitt beginnen würde.

Liebe Angela,

das neue Jahr bricht an und die Welt feiert zugleich deinen Geburtstag. Wie außergewöhnlich schön! Ich weiß, dass wir dieses Jahr nie vergessen werden, aber das sollen wir vielleicht auch nicht. Nimm meine Einladung daher an und feiere im Kreise deiner Liebsten im Galapagos. Gerard Cruis, der Besitzer, hält einen Tisch für deine Belegschaft bereit. Nutze die Stunden, um deinen Kopf zu befreien und mit frischer Kraft an die Arbeit für das Jahr 2099 zu gehen. Das wünsche ich dir!

Deine Tabeta Strom

PS: Wie du dir sicherlich denken kannst, werde ich das Adhelion nicht verlassen und somit nicht Teil deiner Gesellschaft sein. Im Geiste bin ich dennoch bei dir.“

Show stupste Angela mit dem Ellenbogen an und riss sie aus ihren Gedanken. Die Augen ihres Kollegen glänzten erheitert. Er wischte sich mit einer Hand über das schlecht rasierte kantige Kinn und griff zum Besteck.

„War die hier für den Salat?“, fragte er und hob eine Gabel mit runden Zinken hoch. „Oder für den Hauptgang?“

„Ich habe keine Ahnung“, erwiderte Angela lächelnd. „Aber ich glaube, die Bedienung hat schon längst herausgefunden, dass wir nicht so oft in besseren Kreisen verkehren.“

„Au contraire, meine Liebe!“ Plug hob sein Glas in das Licht des Lüsters und untersuchte die Farbe seines Weins. Angela hatte den Pathologen seit Wochen nicht außerhalb der Kellergewölbe ihrer Zentrale gesehen. Er war sicherlich froh, wieder einmal seinen Kittel gegen einen Anzug tauschen zu dürfen. Vor allen Dingen, da in letzter Zeit die schwierigen Fälle nicht abreißen wollten.

Plug zwinkerte ihr zu. „Du weißt ja nicht, was ich in meinen drei Stunden Freizeit zwischen den Schichten so mache.“

Lester beugte sich ein wenig über den Tisch und musste lachen. „Schlafen hoffentlich … wie wir alle.“

„Wir wollen jetzt nicht über die Arbeit reden“, mahnte Angela. Lester zuckte mit den Schultern und verstand sofort. Stumm krempelte er sich die Serviette so umständlich in den Kragen, dass er über sich selbst lachen musste. Angela hatte ihm bei einem Kaffee auf dem Außendeck das Versprechen abgenommen, keinen der Morde auf den Tisch zu bringen. Einfach kein Wort. Sie spürte, dass es ihm unter den Nägeln brannte, darüber zu reden. Doch nicht an ihrem Geburtstag.

Angela schaute nach links, wo der Tisch um die Ecke lief. Lynn Nerhus saß dort und spielte mit einem Wassertropfen an ihrem Glas. Lynn war die Sprecherin der Sicherheitskräfte und bekannt für ihre erklärenden Auftritte in den letzten Wochen. Den gesamten Abend über war sie verdächtig still gewesen und hatte sich nicht mit mehr als mit ihrem Sitznachbarn Ian Adam und den Strähnen ihres roten Haars beschäftigt, das ihr ständig in die Stirn fiel. Vielleicht war sie einfach müde, dachte Angela. Lynn hatte unheimliche Arbeit leisten müssen, gerade in Angelegenheiten um die neue Abteilung. Wie kommuniziert man die Ergebnisse einer Einheit, die nur die kompliziertesten Verbrechen aufdecken soll? Auf einer Seite natürlich gar nicht, denn keiner der Täter sollte wissen, auf welche Weise man sich mit ihnen befasst. Auf der anderen Seite war es wichtig, horrende Geldmittel mit Ergebnissen zu rechtfertigen. Angela war nur froh, dass Lynn in diesen Dingen eine geschickte Lügnerin war und sich nie verplapperte.

Ian Adams war ein stämmiger Kerl, nur drei Jahre jünger als Show. Er war mit einer sehr aussagekräftigen Bewerbung zu ihnen ins Team gestoßen. Menschlich konnte Angela wenig mit ihm anfangen, aber es war auch einfach nicht genug Zeit vergangen, um ihn kennenzulernen. Ihn nicht einzuladen, wäre Angela jedoch nicht in den Sinn gekommen. Der gelernte Scharfschütze unterhielt sich, oder vielmehr monologisierte, angeregt mit Angelas Sekretärin Rina. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt, zierlich gebaut und trug ihre schwarzen Haare in einem langen Pferdeschwanz. Sie hatte noch nichts von der Welt gesehen und musste dennoch täglich bis zu den Knöcheln durch Blut waten. Man hatte Angela die junge Dame zur Seite gestellt. Nicht, weil es angesichts des Verwaltungsaufwands gerechtfertigt gewesen wäre, nein. Sondern weil sie ein Auge auf Angela haben wollten. Die Konkurrenz zu ihren Vorgesetzten war größer denn je. Angela selbst konnte sich Rina nicht wirklich als Spionin vorstellen. Sie achtete sie vielmehr für ihren Fleiß und Teamgeist.

„Ich möchte etwas sagen!“ Angela schob ihren Stuhl zurück und hielt dabei ihr Glas zwischen beiden Händen. Erwartungsvolle Gesichter schauten zu ihr hinauf. „Ich weiß, dass wir in letzter Zeit nicht immer einer Meinung waren. Aber das war unsere Arbeit. Jetzt sitzen wir hier nicht als Sergeants und Officers, sondern als Freunde und Bekannte. Ich möchte daher Tabeta Strom danken, die selbst nicht hier sein kann, für diese liebe Einladung und die kleine Ruhe in unserem hektischen Leben. Lasst euch das Essen schmecken!“

Lester klatschte laut in die Hände. „Hört, hört!“

„Danke, Angela. Auf deinen Geburtstag!“, sagte Lynn. Alle hoben ihre Gläser, prosteten sich zu, mal auf Angela, mal auf die zurückliegenden Strapazen.

Die Kellner trugen mit geübten, flinken Bewegungen die Speisen auf den Tisch. Ein Menü in mehreren Gängen. Fisch, auf einem duftenden Bett aus Gemüse. Saftiges Rindfleisch in einer klaren Brühe. Eier von Tieren, die Angela nicht kannte, die aber kräftig und köstlich schmeckten. Manchmal erklärten die Kellner, was dort vor ihnen lag. Auf Nachfrage auch in weniger weltgewandter Version.

Show hatte Mühe, mit seinen ungelenken Armen und Händen nicht ständig die Dekoration und seine Gläser umzureißen, während er versuchte, eine Languste von ihrer Schale zu befreien. Selbst Angela schaute fasziniert zu, wie ungeschickt er sich anstellte. Das gab genug Gesprächsstoff und alle lachten herzlich, als wären ihre Uniformen und die Tatorte nur ein böser Traum, aus dem sie aufgewacht waren.

„Ich habe nie zuvor so gut gegessen“, meinte Plug und schob sich genüsslich seine Gabel, auf der er kunstvoll Spargelgemüse und dampfende Kartoffeln mit Soße gestapelt hatte, in den Mund. „Wir sollten öfters einmal Essen aus der Küche konfiszieren.“

„Ja“, grinste Lester. „Verdacht auf … hier … Verunreinigung durch Drogen. Oder irgendsowas. Das wäre geil!“

„Ich muss doch bitten!“ Lynn schenkte dem jungen Ingenieur einen kritischen Blick und flüsterte scharf: „Der Nachbartisch schaut schon zu uns rüber.“

„Haha!“ Lester verzog gespielt die Lippen zu einem verschämten Grinsen. „Sollen die ruhig einmal wissen, wer für ihre Sicherheit sorgt.“

„Genau“, brummte Ian. „Kann nicht jeder schön daherreden!“

„Ah“, machte Angela und zeigte auf den Gang neben der Bar. Auch, um die Runde vor einer belanglosen Diskussion zu bewahren. „Jetzt alle einmal in Reih und Glied aufstellen. Da hinten gibt es den nächsten Gaumenschmaus.“

„Gaumenschmaus?“ Lynn verkniff sich ein lautes Lachen. „Du kannst mich bei meiner nächsten Reise ins Adhelion begleiten. Als Dolmetscherin.“

„Wenn es dann auch um Essen geht, wieso nicht?“ Angela fühlte eine Wärme in sich aufsteigen, die sie den gesamten Abend über begleiten sollte. Etwas, das sie nur aus den Stunden der Meditation in ihrem Dojo kannte. Eine Entspannung. Ein netter Nebeneffekt davon war, dass ihr künstliches rechtes Auge so gut wie keinmal anfing zu stören. Das Argus, wie Plug es betitelte, hatte noch Monate nach der OP seine Tücken; diese rückten bei so viel Ablenkung angenehm in den Hintergrund.

Als es hieß, dass irgendwann der letzte Gang serviert wurde, tauchte Gerard Cruis aus den Tiefen seiner Küche auf und hielt eine kleine Ansprache zum anbrechenden neuen Jahr. Der hochgewachsene Mann mit dem schneidigen Profil war sich jedes seiner Worte bewusst, als hätte er sie zuvor auf einer Waage abgemessen. Er übertrieb nicht, war humorvoll und bewegte sich zwischen den Tischen, als wäre er keine kantige Gestalt, sondern ein Fisch in seinen eigenen Gewässern. Ein an diese Insel angepasstes Tier. Angela hörte ihm gespannt zu und klatschte Beifall, als seine Rede zu Ende war. Cruis verneigte sich und verschwand wieder.

Das Restaurant schwieg danach über dem köstlichen Dessert, die Gesellschaften lösten sich allmählich auf. Viele wollten den Jahreswechsel auf der Straße erleben, wo das Feuerwerk sich schon mit einer einzelnen Rakete ankündigte. Ian, Rina, Lynn und Lester stießen auf Angelas Geburtstag mit teurem Champagner an und folgten der Menge nach draußen. Plug, Show und Angela selbst hielten nicht viel von Lasershows und Feuerwerk, sie blieben bei einem Absacker sitzen.

„Ich habe eine Freundin“, platzte Show irgendwann heraus, als Angela in Gedanken eine Erdbeere durch den Rest Vanillesoße zog.

„Eine Freundin?“ Die Nachricht kam überraschend und Angela durchaus gelegen. „Dann können wir Frauen uns jetzt ja entspannen.“

Show faltete die Hände und schloss die Augen. Angela meinte in seinem Murmeln so etwas wie eine Entschuldigung zu hören. Aber die Worte schluckte das Feuerwerk.

„Freut mich für dich“, bemerkte Plug trocken. Die pneumatischen Räder seiner Prothese surrten, als er die Arme zurücknahm und sie über den Stuhl lehnte. Man hätte, dachte Angela, ihm nur noch eine Zigarre in den Mundwinkel legen müssen, und er wäre im Adhelion komplett angekommen. Dort, wo er eigentlich herkam. Ob er es hier im Second Level manchmal vermisste?

„Ich wollte euch das nur sagen, bevor es die Runde macht“, meinte Show und machte Anstalten aufzustehen.

„Bleib doch noch“, sagte Angela. „Wir können darauf anstoßen.“

„Gute Idee!“, stimmte Plug mit ein und schenkte Angela ein breites Lächeln. Irgendwie war es mehr als Freundschaft, die er damit zum Ausdruck brachte. Aber das könnte auch der reichhaltige Champagner gewesen sein, den Angela jetzt spürte. Plug winkte dem Kellner zu und bedeutete Show, sich wieder hinzusetzen. „Wir haben nicht umsonst den Tag frei!“

Der Kellner nahm die Bestellung auf und sah sehnsüchtig durch das Fenster. Sein Jahreswechsel fiel bescheiden aus, aber er trug es mit Fassung.

„Wie heißt sie denn?“, fragte Angela neugierig. „Ist sie eine Sicherheitskraft?“

„Nein, … also … sie ist Bibliothekarin“, antwortete Show, nicht gerade begeistert von der Vorlage in Bezug auf seine eigene Person. Plugs gehässiger Kommentar ging in einem gellenden Schrei unter.

Der Kellner kam aus der Küche gerannt. Er stolperte über einen Stuhl hinweg, rempelte einen Gast an und hielt direkt auf Angelas Tisch zu. Sie verstand kein Wort. Erst als der Mann direkt bei ihnen stand, hörte sie: „Hilfe, schnell! Gerard … Sie müssen helfen!“

Show stand als Erster auf und packte den Kellner am Arm, rief ihm etwas ins Ohr. Das Feuerwerk dröhnte durch den offenen Eingang des Galapagos, die übrigen Gäste saßen wie angewurzelt auf ihren Stühlen. Angela und Plug merkten, dass es kein Scherz war. Die Panik war groß in das Gesicht des jungen Mannes gemeißelt, als er sich aus Shows Griff befreite und zurück in die Küche wollte.

Show drehte sich zu ihnen um. „Der Besitzer wurde ermordet! Hinten in den Gassen. Die Küche hat es jetzt erst bemerkt.“ Er zeigte auf Plug. „Du folgst ihm. Sofort!“

Plug holte sein Handy raus, drückte die Schnellwahltaste für die Sicherheitskräfte. „Und ihr?“

Angela zog ihre Waffe aus der Handtasche, lud durch und schob sich am Tisch vorbei. „Wir sichern die Umgebung.“

Plug nahm den kürzesten Weg in die Küche, ohne sich noch einmal zu vergewissern, was Show und Angela vorhatten. Mit dem Telefon am Ohr rief er lautstark nach Verstärkung. Angelas Blut geriet in Wallung.

Wenn es gerade passiert war, dann konnte der Täter noch in der Nähe sein. Sie mussten sich beeilen.

„Achte auf jeden. Er könnte in der Menge stehen“, meinte Angela und sah, dass Show keine Waffe bei sich trug. Er zog sich dünne Handschuhe über, bereit, einen Zweikampf auszutragen. Angela beschloss auf jeden Fall vorauszugehen.

Als sie durch die Tür stießen und die kalte Luft der Nacht sie in Empfang nahm, überwältigte sie das Lichtgewitter. Angela versuchte, in dem Schatten zwischen den Menschen um sie herum jemanden zu erkennen, der fliehen wollte oder sich vor ihnen versteckte. Doch alle standen nur, küssten sich, tranken aus Flaschen und warfen die Hände in die Luft.

„Wie kommt man in die Gasse?“, rief Show ihr zu. Auch er hatte erkannt, dass sie hier niemanden aufspüren würden.

Angela schloss ihr linkes Auge. Metall, Beton, Stein und Kunststoff. Sie blendete die Menschen aus, aber das Feuerwerk lenkte die Technik zu sehr ab. Grelle Lichtpunkte flackerten auf ihrer künstlichen Netzhaut. In diesem Wirrwarr von Signalen konnte sie das Argus nicht benutzen.

„Vergiss es. Es geht nicht“, antwortete sie und rannte einfach los. Sie orientierte sich an der Front des Restaurants, die sich nahtlos an die Fronten dreier weiterer Geschäfte anschloss. Kleine Pulks aus Feiernden blockierten den Gehweg. Show bahnte sich mit roher Gewalt einen Weg durch die feiernde Menge, Angela glitt hastig durch die Zwischenräume voraus. Es musste ausgesehen haben, als würde er sie verfolgen. Weswegen ein Mann sich ihm in den Weg stellte und ihn anbrüllte. Show beförderte den couragierten Kerl mit seinem Ellenbogen zu Boden.

Das Durcheinander hinter ihr bekam Angela nur am Rande mit, sie versuchte sich auf die Umgebung zu konzentrieren. Sie gelangte an eine Ecke und schlug einen Haken in die Gasse. Beinahe wäre sie auf etwas Nassem ausgerutscht, aber sie konnte sich im letzten Moment an der Wand festhalten. Dann passierte es.

Sie sah vor sich einen Mann oder einen ungewöhnlich großen Schatten. Angela hielt die Waffe hoch, doch plötzlich schlug das Argus Alarm, tünchte ihre Sicht in ein aggressives blaues Licht. Ein Stich fuhr Angela durch die Schläfe, sie verkrampfte und schoss ins Leere.

„Verdammter Mist!“ Angela presste die Augenlider zusammen, so schnell es ging. Wieder eine Fehlfunktion. Gerade jetzt. Was war der Auslöser gewesen? Neben ihr spürte Angela einen Windhauch, aber das Feuerwerk übertönte alles. Sie hörte keine Schritte, wenn dort überhaupt welche waren. Das Argus schaltete auf grünes Licht um, Angela wurde schwindlig, doch Shows Stimme half ihr die Ruhe zu bewahren. „Angela? Was ist los?“

Angela atmete durch und machte einen Schritt vorwärts, konnte sich schon wieder halten. Einen Atemzug später schaltete sich das Argus ganz ab. „Scheiße … Show? War da jemand?“

„Was meinst du? Worauf hast du sonst geschossen?“

Angela zeigte nur wütend auf ihr Auge und kämpfte mit dem Schwindel. Auf was sollte sie sich in diesem Augenblick verlassen? Sollte Show dem Phantom in die Straße folgen? Nein. Sie entschloss sich instinktiv dagegen. Es machte mehr Sinn, ihn hinter das Galapagos zu schicken, denn dort war auch Plug.

„Los, los, los. In die Gasse. Nimm die hier!“

Show schnappte sich die Waffe aus Angelas Hand. Sie hörte seine Schritte, die sich schnell von ihr entfernten und um eine Ecke bogen.

Angela folgte ihm vorsichtig, rutschte mit der Schulter an der Wand entlang. Sie wollte ihn nicht alleinlassen, wenn er in Schwierigkeiten geriet. Langsam gewöhnte sich ihr gesundes Auge an die Dunkelheit, doch das Argus blieb offline.

„Angela?“

„Show?“

Show war nicht so weit gekommen, wie sie gedacht hatte. Er kehrte zu ihr zurück, nahm sie an der Hand und führte sie zu einer Gittertür, die ihre Aufgabe nicht mehr wirklich erfüllte. Er war ein wenig außer Atem, aber schien alles im Griff zu haben.

„Was ist hier passiert?“, fragte Angela. In ein paar Metern Entfernung sah sie Plug, der ihnen etwas zurief. „Das Gitter ist vollkommen verbogen. Da ist er durch!“

Show knurrte hasserfüllt. „Keine Ahnung. Das muss jemand mit schwerem Werkzeug auseinandergedrückt haben. Angela, der hatte diese Nummer geplant.“ Er zog die Nase hoch und steckte die gesicherte Waffe in seinen Hosenbund.

„Lass uns zu Plug gehen.“

Die Verfolgung machte an diesem Punkt keinen Sinn mehr. Er war weg.

Sie kletterten durch das aufgebogene Gitter der Tür und standen in der Gasse. Angela versuchte angestrengt ihre Gedanken vor den anderen zu verbergen. Hatte sie gerade den Täter entkommen lassen oder nur auf einen Schatten in der Nacht geschossen?

„Hey!“ Als sie ihn erreichten, steckte Plug sich hastig ein Probenröhrchen in die Öffnung seiner Prothese und stand auf. Der Geruch von frischem Blut hing in der Luft. Und nicht nur dort. Überall sah Angela Blut kleben. An den Wänden, dem Boden, besonders an der Tür des Hintereingangs.

„Wir sind zu spät“, bemerkte Show und schüttelte den Kopf, als Plug zur Frage ansetzte.

„Ihr habt es versucht“, beruhigte dieser die Stimmung ein wenig. „Tomas, Gerards Angestellter, hat ihn gefunden. Oder das, was noch von ihm übrig ist.“

Angela kniff die Augen zusammen. Wieso sprang dieses verflixte Ding nicht mehr an? War es kaputt? „Wann ist es passiert?“

„Vor wenigen Minuten.“ Plug sah auf seinen Arm, der ihm die ersten Ergebnisse über den Tod von Gerard Cruis verriet. „Eine halbe Stunde maximal.“

„Dann ist er über alle Berge“, sagte Show und schlug dabei in die Luft. „Wir sollten uns nicht zu viel bewegen und den Tatort verunreinigen. Die anderen sind bestimmt gleich hier.“

„Das kann dauern“, stellte Angela fest. „Es ist nicht irgendein Abend. Die Bereitschaft ist dünn besetzt. Sicherlich gibt es überall Schlägereien.“

„Schlaumeier! Dass du auch immer recht haben musst! Wenn die anderen zumindest auf ihre Handys schauen würden. Oder glotzen die noch Feuerwerk?“ Show war bis in jede Faser gereizt, aber er hatte auch allen Grund dazu. Es passierte nicht jeden Tag, dass irgendein krankes Arschloch unter der Nase einer gut besetzten Crew der Sicherheit einen Mord beging. Angela nahm Shows Kommentar nicht persönlich.

„Hast du sonst etwas gefunden?“, fragte sie.

„Ich hab …“ Plug hielt inne und schaute auf die Anzeige an seinem Arm.

„Nun?“

Der Pathologe schien sich seiner nicht sicher. Er schüttelte irgendwann den Kopf und steckte die Hände in die Taschen. „Ich dachte, ich hätte … aber es war nur ein weiteres Organ.“

„Das werden wir wohl die restliche Nacht über noch sagen …“ Show drehte sich von den beiden weg. „Er ist über die gesamte Gasse verteilt. Ich meine, schaut es euch an. So eine Schweinerei.“

„Würd’ ich ja gern, aber das Argus …“, antwortete Angela schnippisch. Das galt im Wesentlichen Plug, der die Fehlfunktionen noch immer nicht in den Griff bekommen hatte.

„Ist es ausgefallen?“, fragte er vorsichtig und tastete den Wangenknochen unter ihrem rechten Auge ab.

„Ja. Einfach so!“ Angelas Wut darüber kam spät, und es war im Grunde unfair, sie an ihm auszulassen. Schließlich war er nicht derjenige gewesen, der ihr damals das Terpentin ins Auge gegossen hatte. Ihn traf keine Schuld.

„Tut mir leid.“

„Schon gut. Lass mich mal sehen.“ Plug drehte am Daumen seiner Prothese und zog ein Stäbchen heraus, das er an ihrer Schläfe entlangwandern ließ. Es vibrierte und war heiß. Sie nahm es gelassen hin. „Hm. Ja, das kann ich wieder anschalten.“

„Was ist das Problem?“, wollte Angela wissen. Plug zuckte mit den Schultern. Das musste wohl als Antwort reichen, wenn selbst er es nicht genau einschätzen konnte. Mit einem hochfrequenten Ton nahm das Argus seine Arbeit auf. Die Umgebung kehrte zu Angela zurück und mit ihr auch die zerquetschten Teile des Gourmets Gerard Cruis.

„Was hast du gemacht?“

„Ich hab es auf Reset gestellt. Wir spielen später die Software der Abteilung wieder drauf …“

„Angela?“ Ein Ruf kam aus der Küche. Lester und Ian hatten die Nachricht als Erste gesehen und waren so schnell sie konnten von einem der zentralen Plätze vor dem Blue Complex ins Galapagos gekommen.

Die Männer und Frauen machten sich sofort an die Arbeit, die Angestellten sowie einige Gäste festzusetzen und ihre Zeugenaussagen aufzunehmen. Show und Angela sicherten die Aufnahmen der Überwachungskameras, während Plug noch auf sein restliches Team der Spurensicherung warten musste. Bis die leicht angetrunkene Truppe eingetrudelt war und ihre akribische Arbeit aufnehmen konnte, war die Stimmung im Keller.

Niemand wollte hier sein und in einer Soße à la Gerard Cruis waten müssen. Nicht an Silvester.

Angela konnte sich eine Bemerkung für das spätere Protokoll nicht verkneifen:

Der wohl beschissenste schöne Geburtstag seit Langem.“

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Die Geräusche des einsinkenden Ruders hypnotisierten Greg Welle für Welle, Platscher für Platscher. An diesem Tag war der Kanal randvoll mit dampfendem Kühlwasser. Eine schwierige Fahrt für den Neuling, dem er sich für die kurze Strecke vom Fahrstuhl bis zum Bürgerplatz anvertraut hatte. Immer wieder wollte Greg aufstehen, helfen, das Ruder ruhig zu halten, aber er hielt sich zurück, schaute lieber auf die Oberfläche des Wassers. Solange es nicht gefährlich wurde, hatte er keinen Grund, sich in das Geschäft des Fährmanns einzumischen. Sollte der Anfänger ruhig seine Erfahrungen mit den Tücken der Stromschnellen und der Strudel sammeln. Wie sonst hätte Greg damals selbst die richtigen Tricks und Routen gefunden, wenn nicht durch eigenes Versagen?

„Unruhiges Wasser heute“, entschuldigte sich der Fährmann, nachdem eine Welle die Barke an die Mauern des Kanals drückte und sie dort unbeholfen entlangscheuerten. Greg nickte nur und lächelte in sich hinein. Nahe am Ufer bleiben. Auf die gleiche Art hatte er am Anfang vermieden, mitgerissen zu werden und irgendwo jenseits seiner Bestimmung anzulanden. Wenn der Junge ordentlich aß und trainierte, schätzte Greg, dann würde er die Wellen bald meistern. Sonst konnte er sein Geschäft vergessen.

„Wir kommen heute noch an, hoffe ich?“, stichelte Greg und lehnte sich mit der Schulter über das Wasser, stieß einmal kräftig die Barke vom sicheren Ufer ab, weiter in den Kanal hinein. Der Fährmann sagte nichts und lief rot an.

„Ich weiß, wer Sie sind“, kam ihm irgendwann über die Lippen.

„Das ist schön“, antwortete Greg.

„Wenn ich etwas falsch mache, dann …“

„Du machst alles so, wie du es immer tust. Nur konzentrier dich auf die Schnellen vor dir. Hier wird der Kanal enger, man sieht es nur nicht“, schnitt Greg ihm das Wort ab und zeigte nach vorne.

„Ich werde es versuchen!“ Sein angestrengter Gesichtsausdruck erhellte sich. Ab jetzt konnte der junge Kerl sich beweisen. „Sie haben wieder angefangen im Adhelion zu arbeiten?“, fragte er schüchtern, während er mit dem Wasser kämpfte. „Wie ist es da?“

„Willst du das wirklich wissen?“

„Sehr gerne sogar!“

Greg spulte wie von allein die Kassette ab, die ihm seit Juni fast aus den Ohren rauskam. Berichtete von seinem Abenteuer mit Theodor Kranich, dem Zwischenfall im Adhelion und seiner Flucht vor dem Bombardement in Punt. Dinge, die ihn im Basislevel als verdammten Glückspilz stempelten und zum verwegenen Helden machten. Die restliche Fahrt brachten die beiden daher wie im Flug hinter sich. Greg warf dem Jungen zwei Münzen zu, das Doppelte des Üblichen. Er wusste selbst, wie wenig die Fährmänner verdienten und wie oft sie geprellt wurden. Manchmal erwischte er sich dennoch bei dem Gedanken, die Stelle bei den Reliktsuchern wieder zu kündigen. Für den selbstbestimmten Alltag, die Freiheit auf den Kühlwasserkanälen.

Andererseits, wer konnte sich dem Luxus entziehen, im Adhelion zu wohnen und gleichzeitig nie dort sein zu müssen? Draußen, in der freien Landschaft, Entdecker spielen zu können und Path Path sein lassen, das waren alles Dinge, von denen ein Fährmann nur träumte.

Sie legten am Steg unweit des Bürgerplatzes an. Hier waren viele Menschen unterwegs, brachten ihre Einkäufe nach Hause oder trafen ihre Freunde zwischen den Schichten, um sich von der monotonen Arbeit in der Fabrik abzulenken. Greg machte einen beherzten Satz an Land und nickte dem Fährmann zu. „Danke für die Fahrt.“

„Ich habe zu danken!“, kam es fröhlich zurück, aber Greg schaute nicht hinter sich. Das bisschen Coolness konnte er sich ruhig erlauben.

Zweimal in der Woche fuhr er hier runter zum Basislevel, um den Markt zu besuchen. Im Adhelion auf den Markt zu gehen war ungefähr so angenehm, als würde sich Straßenköter in einer Hundeshow präsentieren. Er ging nicht mit der Mode der Helos, noch zeigte er die polierten Umgangsformen. Außerdem waren die Märkte in Geschäften, die viel zu weit auseinanderlagen. Alle waren auf irgendetwas spezialisiert, aber hier, am Bürgerplatz, bekam er alles innerhalb von einer halben Stunde und lief sich dabei nicht die Füße ab.

Es fühlte sich wie ein Stück Heimat an.

Die Sonne glitzerte durch die Lichtschächte der Decke auf die stoffbespannten Buden und Butzen. Es war der zweite Januar und immer noch nicht kalt genug gewesen für die Jahreszeit. So nah an den Wärmeleitern der Fabriken konnte man sich noch im Shirt bewegen, ohne zu frieren. Das war zwar immer so, aber draußen in der Wildnis hätte es schon längst Minusgrade geben müssen. Eigentlich. Die Welt spielte eben verrückt, und dass die Menschen in eine Umwelt verpestende Millionenstadt geflohen waren, um diesem Verrücktsein zu entkommen, ließ Greg an der hochgerühmten Weitsicht der Stadtgründer tagtäglich zweifeln.

„Ein Huhn, bitte.“

Die alte Frau sah zufrieden von ihrer Liste auf, als Greg vor ihren Käfigen ankam und ohne Umschweife bestellte. Sie wusste, dass sie die besten Hühner im Basislevel verkaufte, und sie wusste auch, dass Greg genug Geld besaß, um sofort zu bezahlen. Sie steckte ihren Block mit Schuldscheinen in die blutige Schürze, auch seinen Ausweis wollte sie nicht sehen.

„Stammkunden sind Stammkunden.“ Ohne ihn zu fragen, griff sie sich die fetteste Henne und grinste breit. So breit, dass die Klaviatur ihrer Zahnlücken in ganzer Pracht erstrahlte. „Darf’s die sein, ja?“

„Mach ruhig. Davon kann ich lange essen“, antwortete Greg und zeigte auf die frischen Eier in der Auslage. „Davon zehn. Diesmal in einer Schachtel, die es bis nach oben schafft.“

Die Alte verbarg ihre heimliche Freude nicht und verschwand, mit der gackernden Henne in den Händen, hinter ihr Zelt. Das Tier wurde frisch geschlachtet und Greg legte währenddessen der Tochter der Alten das Geld auf den Tresen. „Ich komme gleich wieder.“

„Muss eh noch sterben … die Henne.“

Greg verkniff sich einen Kommentar, aber die Tochter und er dachten wohl in diesem Moment das Gleiche über die alte Marktfrau.

Auf seinem Zettel stand nicht mehr viel: Kartoffeln, Karotten, Zwiebeln. Alles, was man für einige kräftige Mahlzeiten brauchte. Das Simple konnte so erfüllend sein, deswegen kochte Greg lieber daheim, statt mit seinem Verdienst Restaurants aufzusuchen. Wieso sich also die Mühe machen und einen Anzug anziehen, wenn er zu Hause die eigene Küche einsauen konnte, um hinterher in Unterhose das Huhn auf der Couch zu verdrücken?

Greg packte seine Einkäufe in seinen Rucksack, holte auf dem Rückweg das Huhn ab und nahm eine Barke zurück zum Fahrstuhl. Mittlerweile war es zehn Uhr am Morgen und sein Körper verlangte nach einem Kaffee. Er überlegte erst, ob er Angela besuchen sollte, aber verdrängte diesen Gedanken schnell.

Sie war sicherlich beschäftigt, versuchte er sich selbst abzulenken. Außerdem hatten sie sich seit der Verleihung ihrer Tapferkeitsmedaille nicht mehr gesehen.

In seiner Wohnung herrschte jederzeit ein ungemütliches Maß an Ordnung, das Greg dem Reinigungsdienst nicht austreiben konnte. Dabei war ihre Aufgabenliste von ihm schon drastisch gekürzt worden. Die rumliegenden Hosen zum Beispiel. Er wollte eigentlich nicht, dass sie seine Schmutzwäsche anfassten. Stattdessen wischten sie den Boden drum herum, bügelten die Hosen heimlich und legten sie im gleichen Winkel wieder an ihren Platz. Ganz abbestellen ging nicht, davon hatte man hier im Adhelion nie gehört. Und irgendwie verdienten sich die Putzer ja auch ihr Gehalt.

Das Loft, das Theodor Kranich für ihn gemietet hatte, lag im siebenten Stock eines Neubaus. Nicht weit genug weg, um seine Arbeitsstelle aus dem Fenster nicht mehr erkennen zu können, aber gerade weit genug entfernt, um Kranich nicht ständig über den Weg laufen zu müssen.

„Neue Nachrichten, Nigel?“, fragte Greg in den leeren Flur hinein, während er seine Stiefel abstreifte.

„Keine, Sir“, meldete die Stimme seines elektronischen Hauswarts. „Soll ich die Heizung anstellen?“

„Es ist warm genug“, gab Greg zurück. Der Vorschlag des Hauswarts berechnete sich zweifelsohne auch an den Wünschen der anderen Bewohner. Froren sie bei angenehmen zwanzig Grad im gesamten Adhelion?

„Weicheier.“

Greg verstaute seine Einkäufe im Kühlschrank, schmierte sich ein Brot und aß einen Apfel. Der frisch gebrühte Kaffee entfaltete nur langsam seine Wunderkraft und Greg fischte gedanklich noch eine ganze Weile im Trüben, bis er sich endlich aufraffen konnte, den Fernseher einzuschalten.

Ein Mann in einem blauen Sakko stand vor einem abgesperrten Restaurant. Menschen drängten sich vor den Sicherheitskräften, machten Fotos mit ihren Handys. Eine Drohne sauste über ihre Köpfe hinweg und versuchte Bilder aus dem Inneren des Restaurants zu erwischen.

„Es ist jetzt schon der zweite Tag nach dem grauenvollen Mord an Gerard Cruis, dem Genie des berühmten Galapagos, und wir haben immer noch keine neuen Erkenntnisse über die Todesursache gewonnen. Lynn Nerhus, Sprecherin der Sicherheit, wich bis jetzt allen unseren Anfragen aus. Wir erwarten noch heute Abend eine Ansprache des Präsidenten der Sicherheit zu den aktuellen Ermittlungen. Aus einer glaubwürdigen Quelle haben wir erfahren …“

Greg warf den Kopf in den Nacken. „Nigel? Mach das aus!“

„Sehr wohl, Sir.“

Die Übertragung brach ab und Greg starrte Lynns Gesicht in der Dunkelheit des Monitors hinterher. Er versuchte nicht an die Zeit zu denken, in der man ihn selbst des Mordes, des Hochverrats am Adhelion bezichtigt hatte. Lynn hatte zu diesem Zeitpunkt eine wichtige Rolle gespielt. In allen Berichten, die man aufgezeichnet und Greg im Nachhinein gezeigt hatte, stand Lynn wie die Galionsfigur der Inneren Sicherheit hinter Pulten und umringt von Mikros im Rampenlicht. Ihre Worte sollten die Menschen beruhigen, stattdessen ließen sie damals keinen Zweifel zu, dass Greg Menschenleben genommen hatte.

„Hoffentlich geben sie dir diesmal einen besseren Text in die Hand, Kleines …“

Die Morde in der letzten Zeit waren für Greg Grund genug, dennoch die Nachrichten einzuschalten. Er hoffte ein wenig die losen Fäden aufzunehmen, die ihm seit dem Tod von Joseph Kranich abhanden gekommen waren. Mitzumachen beim Weltgeschehen und mitreden zu können, wenn man ihn über die Neuigkeiten fragte. Mit Chance sah er das eine oder andere Bild von Angela.

Da! Greg stand wie ertappt von der Couch auf. Schon wieder!

Nervös drehte er eine Runde um den Tisch, der noch viele folgten. Er lief die Quadrate ab, die durch die hohen Fenster auf den Boden fielen. Das künstliche Parkett war warm unter seinen nackten Füßen.

Er war wie ein gefangenes Tier, wenn es um Angela Cold ging. Zwischen ihnen hatte es nie eine klare Aussprache gegeben, nie ein Wort des Triumphs über das Böse. Stattdessen war er vor seiner Verantwortung geflohen, sie vor den Medien zu bewahren, und irgendwie, an ihr vorbei, hinauf ins Adhelion beordert worden. Da fehlten an die zehn Schritte, die er liebend gerne gegen diese dekadente Wohnung getauscht hätte.

Greg blieb vor einem Spiegel stehen. Vermisste er sie so sehr? Oder war er schlicht und ergreifend einsam? Vielleicht war es ja doch keine schlechte Idee gewesen, sich auf einen Kaffee bei ihr einzuladen. Nein. Sie verband den Tod ihrer Schwester mit ihm. Es war eigentlich eine bescheuerte Idee.

Plötzlich klingelte es in seiner Hosentasche. Greg war froh, sich um etwas anderes kümmern zu müssen, als um dieses seltsame Gefühl. Er nahm ab.

„Herr Greg Singer?“

„Einfach nur Singer“, brummte Greg.

„Herr Singer, ja. Ich bin der persönliche Sekretär von Theodor Kranich. Mein Name ist …“

„Ich wollte nicht mehr mit Theodor reden, okay?“, schnitt Greg ihm das Wort ab. „Ich habe ihn vor drei Wochen gesehen. Das ist einmal mehr in meinem verbleibenden Leben, als ich ihm ursprünglich zugestanden habe.“

„Sie müssen ihn nicht sehen, Herr Singer. Versprochen.“ Ein klärendes Räuspern ging durch die Leitung, nachdem Greg sich weigerte etwas zu sagen. Kranich mochte sich nach und nach in der Gesellschaft rehabilitieren, doch Greg genoss diese geläuterte Variante seines Vorgesetzten mit Vorsicht. Alles was von ihm kam, oder einem seiner Angestellten, fasste er nur mit der Kneifzange an.

„Also … ich wollte Ihnen mitteilen, dass wir hochinteressante Informationen zugespielt bekommen haben. Über eine neu zugänglich gemachte Fundstelle.“