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Mit den Männern klappt es bei Mia einfach nicht! Egal ob beim Online-Dating, Speed-Dating oder beim nächtlichen Tête-à-Tête im Club, nie scheint der Richtige für die junge, attraktive Studentin dabei zu sein. Vielleicht hält ja der Workaholic Lars, Mias Affäre, sie davon ab, die wahre Liebe zu finden? Ihr Auslandssemester in Rom scheint genau der richtige Anlass, für eine kleine Auszeit von der ewigen Jagd nach dem perfekten Mann zu sein. Doch dem Dolce Vita in der italienischen Metropole kann sich Mia nicht ganz entziehen…

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
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© 2014 jiffy stories im Residenz Verlag
im Niederösterreichischen Pressehaus
Druck- und Verlagsgesellschaft mbH
St. Pölten – Salzburg – Wien
Umschlaggestaltung: Nanna Prieler
Lektorat: Heike Hauf
ISBN: 978-3-85236-060-7

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

Männerjagd
im Großstadtdschungel

Sina Busch

Per Noemi, Marine e Hannah. Perché ci siamo lasciate portare insieme. Und für Axel, natürlich.

Inhaltsverzeichnis

1Jagd

2Neugierde

3Scharade

4Aufbruch

5Märchen

6Déjà-vu

7Entscheidung

8Fixpunkt

1

Jagd

Kölner Innenstadt. Im Club.

Der Club war in dunkelrotes Licht getaucht. Harte, hypnotische Bässe ließen meinen Körper erbeben. Vor mir erstreckte sich die Tanzfläche, die bereits gut gefüllt war. Überall junge, gestylte Menschen, die ihre müden, geschundenen After-Work-Körper dazu zwangen, sich zur Musik zu bewegen und etwas Spaß zu haben. Über ihnen rotierte ein gigantischer, mit Glitzerpaletten besetzter Quader, der das bunte Scheinwerferlicht in tausend Farben sprengte und über den Raum verteilte. An den Mischpulten ließen sich zwei Hipster-DJs mit coolen Mützen und Vollbärten frenetisch feiern, wobei sie jedoch möglichst lässig-unbeteiligt in verschiedene Richtungen sahen und nur ab und zu ein lässiges Peace-Zeichen an ihre Tanzjünger verschwendeten. Von einer Empore aus beobachtete ich das bunte Treiben. An die beleuchtete Theke gelehnt, ein Cocktailglas mit Wodka und Gurke in der Hand, ließ ich die aufgeladene Partyatmosphäre auf mich wirken.

„Ich hab dir ’nen Mojito mitgebracht! Wusste nicht genau, was du trinken möchtest!“, flötete Emma, sah zögernd auf den Drink in meiner rechten Hand und drückte mir den zweiten in die linke.

„Mojito ist perfekt! Danke!“, antwortete ich und lächelte in das sonnige Gesicht meiner besten Freundin. Blonde, schulterlange Locken umrahmten ihr sommersprossiges Gesicht, in dem besonders die großen, grünen Augen hervorstachen.

„Du siehst toll aus heute!“, frohlockte ich – darum bemüht, die Musik zu übertönen – und quittierte Emmas dunkelgrünes, eng anliegendes Kleid mit einem bewundernden Blick. Tatsächlich gewagt kurz und aufregend für Emmas Verhältnisse. So wie noch vor einigen Monaten, als auch Emma noch Single war. Gemeinsam verdrehten wir den Männern reihenweise den Kopf, wenn wir feiern gingen. Leider tendierte Emma seit einigen Monaten eher dazu, auch zum Feiern eine Uniform aus Jeans und Shirt zu tragen.

„Wozu soll ich mich sexy anziehen, wenn ich eh keinen Typen abschleppen will?“, pflegte sie sich zu rechtfertigen, wenn ich mit allen Regeln der Kunst versuchte, sie von einer anderen Kleiderwahl zu überzeugen.

„Weil du dich für dich schön machst und nicht nur für irgendwelche Männer! Und weil ich dich so nicht mitnehme!“, antwortete ich dann immer. Meist zwecklos. Emma ist ein absoluter Sturkopf. Heute allerdings hatte ich meinen Willen durchgesetzt und fühlte mich schon beinahe ein bisschen underdressed neben ihr. Ich sah prüfend an mir hinunter. High Heels, enge Röhrenjeans, ein schwarzes, durchscheinendes Spitzentop betonten meine schlanke Figur und die wenigen Kurven, die ich besaß. Meine goldene, in sich geschlungene Lieblingskette komplettierte den Abendlook. Mein karamellfarbenes, welliges Haar hatte Emma mir zu einem lässigen Chignon hochgesteckt. Dazu trug ich einen kräftigen Lippenstift mit dem klingenden Namen Midnight Red.

„Und wie toll du erst wieder aussiehst heute Abend!“, sagte Emma

schmeichelnd. „Man könnte glatt neidisch werden.“

Wir grinsten uns an. Den Programmpunkt Fishing for compliments hatten wir erfolgreich hinter uns gebracht. Es ist toll, dass wir wieder einen Mädelsabend zusammen verbrachten. In letzter Zeit häuften sich Emmas kurzfristige Absagen, wenn wir zum Ausgehen verabredet waren. Wenn die auf rosaroten Wolken schwebende Emma gemeinsam mit ihrem Freund Tim einen gemütlichen Abend machen wollte, wurde ich auch mal versetzt und musste mir eine andere Abendbegleitung suchen.

Es war mir schleierhaft, wie Emma mir diesen Langweiler Tim vorziehen konnte. Neben einem Bausparvertrag und sorgsam gebügelten Hemden hatte der meiner Meinung nach wenig zu bieten. Tim, BWL-Student, führte Buch über seine Ausgaben und Einnahmen – und damit sind nicht nur kostenintensive Anschaffungen oder seine Gehaltsabrechnungen gemeint, die er in einen Ordner abheftete. Emma hatte mir mal unter Prusten erzählt, dass er sogar einen Euro teure Pfefferminz-Kaugummis auflistete und am Ende jeder Woche ausrechnete, wie viel er ausgegeben hatte. Fehlte nur noch, dass er sich aufschrieb, wie viel ihn die Dates mit Emma kosteten. Heiße Schokolade: 2,90 Euro; Stück Apfelkuchen: 3,10 Euro. Oder noch schlimmer: Die beiden teilten sich die Restaurantrechnungen vielleicht sogar jedes Mal bis auf den letzten Cent?

Mit Grauen erinnerte ich mich an mein bisher furchtbarstes Date. Ein Kommilitone hatte mir während einer Vorlesung zu verstehen gegeben, dass er mich schon längere Zeit mehr als nur nett fand. Er schlug mir vor, ein Eis essen zu gehen. Es war ein Tag im Hochsommer, die Vorlesung war zum

Einschlafen langweilig und der Kommilitone hatte sehr schöne Wangengrübchen und rotblondes Haar, das sich über seinen Ohren kringelte. Da ich eine Schwäche für Grübchen und Erdbeereis hatte, sprach wenig dagegen, es darauf ankommen zu lassen. Wir türmten aus dem öden Hörsaal und setzten uns vor einem Eiscafé mit Plastikstühlen und gelben Schirmen in die Sonne. Mr. Wangengrübchen sah nicht nur süß aus, er war auch intelligent, zuvorkommend und sagte die richtigen Dinge zur richtigen Zeit.

„Lass uns doch jeder einen Eisbecher bestellen und dann suchen wir noch einen aus, den wir gemeinsam löffeln“, schlug er mit einem Augenzwinkern vor und hob lässig die Hand, um die Bestellung beim Kellner aufzugeben. Begeistert ob seiner Großzügigkeit, gleich drei Eisbecher zu bezahlen, ignorierte ich meinen inneren Personal Trainer, der mir mit strengem Blick und erhobenem Zeigefinger von so vielen Kalorien abriet. Eine Stunde lang unterhielten wir uns sehr angeregt und ich war mehr und mehr davon überzeugt, dass wir uns ein zweites Mal treffen sollten. Leider verpuffte mein bereits in Gedanken erfüllter Traum von Kindern mit Wangengrübchen und rotblonden Haaren, als der Kellner die Rechnung brachte. Der Höflichkeit halber zog ich mein Portemonnaie aus der Tasche, um den Rechnungstanz zu beginnen.

Für alle, die nicht wissen, was der Rechnungstanz ist, hier eine kurze Beschreibung des gängigen Ablaufs dieses altbekannten Date-Prozedere: Rechnung kommt. Frau weiß, dass Mann bezahlen will und erwartet das auch. Trotzdem tut Frau so, als wäre es für sie ganz selbstverständlich, ihre Rechnung selbst zu begleichen und zückt gespielt pflichtschuldig ihren Geldbeutel. Nun besteht jeder Mann von Welt darauf, zu bezahlen. Dann besteht die Frau auch darauf, zu bezahlen. Mann insistiert eindringlicher darauf, die Rechnung zu übernehmen. Frau gibt daraufhin widerwillig nach, klimpert mit den Wimpern und lässt sich einladen. Ganz einfach, so ein Rechnungstanz. Kennt doch jeder. Nur Mr. Wangengrübchen nicht. Das Ganze lief etwa so ab: Rechnung kommt. Frau zückt Geldbeutel. Mann fragt Frau, ob sie die komplette Rechnung begleicht, weil er kein Geld dabeihat. Frau gibt empört ihr komplettes Geld dem Kellner, um die drei verdammten Eisbecher zu bezahlen.

Der Platz im Hörsaal neben Mr. Wangengrübchen blieb daraufhin das komplette Semester frei.

Das Schlimme war, ich konnte mir gut vorstellen, dass Emma Ähnliches auch schon mit ihrem Tim passiert war – aber irgendwie tickte sie anders … Tja, der besten Freundin mitzuteilen, dass man ihren Auserwählten langweilig fand, war leider ein absolutes No-go!

„Oh, Tim schreibt mir gerade. Er ist doch heute bei seiner Schwester zum Abendessen“, riss mich Emma aus meinen trüben Gedanken.

„Und er schreibt gerade, dass Laura – du weißt schon, seine kleine Nichte – jetzt krabbeln kann und bei ihm auf dem Schoß sitzt und … Oh, voll süß!“

Ich warf Emma einen genervten Blick zu und verdrehte die Augen, als ich ihr treudämliches Lächeln bemerkte. Auf ihr Smartphone starrend, schlürfte sie lautstark den Bodensatz aus ihrer Bloody Mary und tippte wie wild in die Tasten.

„Ja … sehr süß!“, echote ich.

Wer bist du und was hast du mit Emma gemacht?, dachte ich bei mir, griff nach ihrer Hand und zog sie mit in Richtung Tanzfläche.

„Komm, wir gehen jetzt tanzen! Mama braucht Frischfleisch. Und dir würde das auch nicht schaden, meine Liebe.“

„Mia, hör doch auf damit!“, zischte sie, sich künstlich aufregend. „Ich bin nicht interessiert an jeglichem Balzverhalten. Wir können gerne tanzen, aber lass solche Sprüche bitte, ja?“

„Sorry, ist ja gut! Ich wollte dich nicht verärgern. Aber können wir heute Abend nicht einfach Spaß haben und alles so machen wie in alten

Zeiten?“, fragte ich und setzte meinen Dackelblick auf.

„Machen wir doch? Wir sind gestylt, wir haben ’nen Drink in der Hand und stehen in einem Club. Was soll ich deiner Meinung nach noch machen?“

Lass dich gehen! Entspann dich mal! Blende alles aus und konzentriere dich nur auf das Hier und Jetzt!“

„Namaste!“

„Blödmann!“ Ich musste lachen, als Emma ihre Hände zusammengepresst vor die Stirn hielt und eine komische kleine Verbeugung machte.

„Du hast gewonnen, Partymaus!“, grinste sie. „Lass uns die Tanzfläche unsicher machen!“

„Na also, geht doch! Die Nacht gehört uns. Wer nicht will, der hat schon.“

Ich deutete auf ein besonders attraktives Exemplar von Mann und nickte Emma zu. Es war so weit. Langsam strich ich mir eine Haarsträhne hinters Ohr, senkte den Kopf in Richtung meiner superhohen, schwarzen Pumps und fing an, mich lasziv zur Musik zu bewegen. Aus den Augenwinkeln bemerkte ich die neugierigen und begehrlichen Blicke, die sich nun auf mich richteten. Ich atmete tief ein und aus. Blickte unter langen Wimpern auf, um die Umgebung zu sondieren, und suchte mein Opfer. Die Jagd war eröffnet.

Wie immer war es zu leicht.

Wie der Typ hieß, der neben mir leise vor sich hin schnarchte, wusste ich nicht mehr so genau. Michael? Moritz? Irgendwas mit M, glaube ich …

Im Club war er mir gleich aufgefallen. Groß. Athletisch. Dreitagebart und eine coole Mütze auf dem Kopf. Als unsere Blicke sich trafen, sah ich schnell wieder weg, schüttelte meine lange Mähne durch die Luft und lächelte dann über die Schulter des Mützenmannes hinweg einem anderen Typen mit einem neckischen Augenzwinkern zu. Der Trick wirkt immer. Beachte den Typen, den du willst, nicht groß und flirte scheinbar interessiert mit einem anderen. Damit demonstrierst du deinen Marktwert und weckst gleichzeitig den Jagdinstinkt bei dem Mann, der dich erobern soll. Dann beginnt man, möglichst unwiderstehlich und ausgelassen zu tanzen. Männer sind so durchschaubar. Das frustriert mich.

Es dauerte nicht lange, bis Mützenmann mich und Emma auf einen Drink an der Theke einlud. Wir flirteten, was das Zeug hielt, er erzählte, dass er gerade ein eigenes Start-up-Unternehmen – irgendwas mit IT – gründete und noch nach Investoren suchen würde. Ich hörte ihm nur mit einem Ohr zu. Aus einem Drink wurden dann drei. Irgendwann ging Emma ihre Jacke holen und wir verabschiedeten uns. Sie ging zu Tim. Ich blieb noch zwei Drinks lang, bis wir den Club gegen halb vier verließen.

Heute Morgen wachte ich neben ihm auf. In einem fremden Zimmer. Zuerst brauchte ich kurze Zeit, um den Abend zu rekonstruieren und mich in der fremden Umgebung zurechtzufinden. Der Raum, in dem ich mich befand, war relativ klein, dafür aber nett eingerichtet. Ein wenig zu akkurat für meinen Geschmack standen die Bücher im Regal und lagen die Klamotten gefaltet in dem offenen Kleiderschrank. Ein Ordnungsfanatiker also. Das erklärte, warum er ein Handtuch aufs Laken gelegt hatte, bevor wir im Bett mit unseren versauten Sexspielchen begonnen hatten. Abturn. Aber ich war so betrunken, dass es mir nicht viel ausmachte. Erstaunlicherweise konnten auch die vier Longdrinks seiner Standhaftigkeit keinen Abbruch tun und wir vögelten bis in die frühen Morgenstunden. Neben dem Kopf meiner Bettbekanntschaft breitete sich eine große Spuckpfütze aus. Da half auch das Handtuch nicht, welches er so vorbildlich über die Matratze gelegt hatte. Leise schlüpfte ich aus den fremden Decken und zog mich hastig an. Meine Nummer hinterließ ich nicht.

Im Bett.

Frage 1: Was ist Ihnen an einem Mann besonders wichtig? Kreuzen Sie höchstens drei Antwortmöglichkeiten an.

[X]

Attraktivität

[X]

Intelligenz

[X]

Beruflicher Status

[X]

Charme

[X]

Humor

 

Eigentlich suche ich einen ganz normalen Typen. Mein Mr. Right braucht das gewisse Etwas, er muss Geschmack haben, gut im Bett sein, er darf weder pingelig, geizig noch spießig auf irgendeine Art sein. Er sollte auf jeden Fall Manieren haben. Also, das ist wirklich unerlässlich!! Man muss sich schließlich in der Öffentlichkeit sehen lassen können mit seinem Partner – wenn jemand beim Essen schmatzt, macht mich das aggressiv wie sonst nichts auf der Welt! Natürlich sollte er auch meine Freunde mögen und gerne Spieleabende veranstalten. Wichtig ist mir auch, dass er mich zum Essen einlädt, definitiv nicht unter 1,90 klein ist, sich gut kleidet und gerne und viel liest.
Ach ja, und … es sollte schon Liebe auf den ersten Blick sein
.

Frage 2: Stellen Sie sich vor, eine Freundin schlägt Ihnen ein Blind Date vor. Sagen Sie zu?

[ ]

Klar, warum nicht?

[X]

Nein auf keinen Fall. So was ist nichts für mich.
Einmal und nie wieder.

[ ]

Lieber nicht. Für so etwas bin ich viel zu romantisch veranlagt.
Davon kann ich jedem nur abraten!

 

Alles, was mir mein erstes und einziges Blind Date beschert hat, war ein abgebrochener Absatz und eine Anzeige wegen vorsätzlicher Körperverletzung. Im Nachhinein natürlich vollkommen übertrieben und ungerechtfertigt. Das war Notwehr. Der Kerl hat mich provoziert. Ich konnte nicht anders.

Frage 3: Denken Sie noch häufig an vergangene Beziehungen zurück?

[ ]

Ab und zu passiert das schon einmal.

[ ]

In letzter Zeit leider ständig. Ich kriege meinen Exfreund nicht mehr aus dem Kopf.

[ ]

Nein, über meine Exfreunde bin ich definitiv hinweg.

 

Welche Exfreunde? Seit der 9. Klasse hatte ich keine feste Beziehung

Zählt auch eine dreiwöchige Liaison mit einem kubanischen Trommler, der in Köln seine Cousine besucht hat?

Wer definiert eigentlich das Wort Beziehung? Dieser Begriff ist meiner Meinung nach viel zu eng gefasst
.

Wenn Sie sich selbst charakterisieren müssten, welche der folgenden Eigenschaften würden Sie sich zuordnen?

[ ]

anspruchsvoll

[X]

realistisch

[ ]

geduldig

[ ]

romantisch

[X]

humorvoll

[X]

unkompliziert

 

Mit mir kann man Pferde stehlen.
Ich würde mich als lässig und entspannt bezeichnen.

… die Männer schrecken einfach nur vor meiner
außerordentlichen Attraktivität zurück und fühlen sich von mir eingeschüchtert
.

Frage 4: Wie sieht es mit Ihrem Sexleben aus?

[X]

Das lässt momentan etwas zu wünschen übrig.

[X]

Welches Sexleben?

[X]

In den letzten drei Monaten hatte ich
mindestens einmal Geschlechtsverkehr.

[X]

Ohne regelmäßigen Sex geht bei mir gar nichts.

 

In den letzten drei Monaten? Da war der chauvinistische Rechtsanwalt, der Barista, dieser Typ aus dem Club, mein Nachbar, der Kerl mit den muffigen Rastas … Äh, was?! Ich genieße mein Singleleben.

Frage 5: Sind Sie momentan zufrieden mit Ihrer Lebenssituation?

[X]

Ja

[X]

Nein

[X]

Weiß nicht

[X]

Platz für Anmerkungen:

Im Großen und Ganzen schon. Mein Studium verläuft hervorragend im Rahmen der Regelstudienzeit schleppend. Ich habe gute annehmbare Noten. Mein Studienfach gefällt mir, ist so, wie ich es mir vorgestellt habe, habe ich gewählt, weil ich nicht wusste, was ich sonst machen soll.

Dafür habe ich eine hinreißende beste Freundin, mit der ich alle Geheimnisse teilen kann, die immer für mich da ist und die einen tollen festen Freund hat, für den sie mich in letzter Zeit regelmäßig versetzt und der ihr die Rotze von der Nase wischt, wenn sie erkältet ist, das muss Liebe sein.

Ich habe einen Job in einem Café, der ein Ausgleich ist, vollkommen okay mit dem ich meine Miete bezahlen kann. Alles in allem bin ich also zufrieden.

Ihr Testergebnis: Zu hohe Ansprüche

Sie sind ein sehr anspruchsvoller Mensch. Geduld ist nicht gerade Ihre Stärke und Sie können manchmal ganz schön anstrengend

für Ihr Gegenüber sein. Nehmen Sie sich ein wenig zurück und schrauben Sie Ihre sehr hohen Erwartungshaltungen zurück. Der perfekte Mr. Right muss für Sie noch erfunden werden.

Was zum? Wollen die mich verarschen? „Anstrengend“?? Zu hohe Ansprüche?

Blöder Test. Diese Klatschspalten taugen eh nichts. Weiß doch jeder.

Ein Nachmittag irgendwann im September. Mission: Mr. Right. Operation: Speed-Dating.

Endlich Nägel mit Köpfen machen. Schluss mit diesem unseligen Rumkrebsen und der anstrengenden Suche nach dem richtigen Typen. Romeo, mein schwuler bester Freund, hatte die Idee, beim Speed-Dating mitzumachen. Offensichtlich wurde er seinem Namen gerecht und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mich zu verkuppeln. Er nannte es auch liebevoll an den Mann bringen. Ich war anfangs noch ein bisschen skeptisch. Liebe auf den fünften Blick? Small Talk im Akkord? In sieben Minuten den richtigen Mann finden? Das stellte ich mir irgendwie anstrengend vor.

„Romeo, das stell ich mir irgendwie anstrengend vor.“

„Schätzelein, das ist doch die PERFEKTE Möglichkeit, um den richtigen Mann kennenzulernen!! Denk doch mal modern! Die Zeiten, in denen man die Männer beim gepflegten Tanztee kennenlernte, sind vorbei. Ist doch WUNDERBAR: Du kannst dir auf jeden Fall schon mal sicher sein, dass alle im Raum Singles und auf der Suche sind. Da gibt’s keine großen

Missverständnisse, keine Freundin, die zu Hause wartet. Das wird einfach

FANTASTISCH!!“

Romeo sprach immer mit sehr vielen Ausrufezeichen. Generell war er schnell in euphorische Hochstimmung zu versetzen, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Da ich sowieso nichts zu verlieren hatte und doch einen Schimmer Hoffnung in mir verspürte, ließ ich ihm den Spaß und willigte ein.

„Aber du musst mitkommen!“

„Na klar, Schätzelein! Und vorher machen wir dich so richtig

hübschihübsch!“

Wenn Romeo von hübschihübsch machen sprach, dann bedeutete das immer das komplette Programm: Outfit, Haare, Make-up, Augenbrauen zupfen, den perfekten Lidstrich ziehen – mein schwuler Freund beherrschte das nämlich tatsächlich besser als ich. Es kam schon vor, dass wir uns abends trafen, nachdem ich einen langen Uni- oder Arbeitstag hinter mir hatte, und er erst einmal entsetzt ein spitzes Iiiiiih! ausstieß, wenn er mich sah. Anfangs hatte mich das noch gekränkt, doch mittlerweile wusste ich, dass er es nicht so meinte.

„Schaatz, wie siehst du denn aus? Deine Augenbrauen sehen ja schlimmer aus als die von Frida Kahlo!“, pflegte er dann zu sagen, schnalzte missbilligend mit der Zunge und huschte emsig in mein Badezimmer, um sich mit meiner Augenbrauenpinzette zu bewaffnen. Meiner Meinung nach sollte Romeo unbedingt eine Ausbildung zum Stylisten machen. Keiner konnte so gut mit Rouge und Lippenstift umgehen wie er. Er hatte einfach Gespür für gute Looks und konnte das unscheinbarste Entlein in einen schönen Schwan verwandeln. Leider hatte er sich auf Drängen seiner Eltern dazu entschieden, Jura zu studieren. Und da sie sich nach langer Zeit endlich mit seinem Coming-out abgefunden hatten und ihr Verhältnis sich einigermaßen entspannt hatte, wollte er seine Alten nicht noch mehr auf die Palme bringen und auch noch das Klischee des schwulen Stylisten bedienen.

Nachdem ich also gewachst, gezupft, geschminkt, gelockt und gestylt war, unsägliche Schmerzen, ausgerissene Haare (Schatz, wer schön sein will, muss leiden!) und erniedrigende Kommentare über mein splissiges Haar über mich hatte ergehen lassen müssen, saß ich endlich in dem Café, in dem das Speed-Dating stattfinden sollte.

In zehn Minuten würde es losgehen. Entsetzt beobachtete ich mit Romeo an meiner Seite die anderen Verzweifelten auf Partnersuche, die nach und nach in das Café strömten. Einer war unansehnlicher als der andere. Vom sechzigjährigen Rentner in beigefarbener Khakihose über einen pickeligen Typen mit Pferdeschwanz und Ledermantel bis hin zum Chorknaben im Pullunder mit Stehkragen und schwarzer Bügelfaltenhose war alles vertreten. Die Auswahl war ein kompletter Reinfall. Anklagend sah ich Romeo an. Der zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Schätzelein, jetzt sei doch nicht so. Du hast viel zu hohe Ansprüche. Vielleicht ist da ja ein richtig Netter dabei, hm? Da drüben, der mit dem Pullunder … also … abgesehen vom Pullunder, der ist ja nun wirklich GRAUENHAFT. Aber der hat Potenzial …“ Richtig überzeugt davon sah Romeo nicht aus.

„Komm, lass uns gehen. Jetzt haben wir noch die Möglichkeit dazu. Bitte! Die sind alle null mein Typ.“ Flehend sah ich ihn an.

„Nein, wir ziehen das jetzt durch! Vielleicht ist jemand, der an der Oberfläche nicht ganz so überzeugt, genau das Richtige für dich. Stell dich nicht so an. Es macht doch bestimmt auch Spaß!“ Mir war flau im Magen. Insgesamt fünf Männer und mit mir sechs Frauen hatten sich mittlerweile in dem Café eingefunden. Interessiert beäugte ich meine weiblichen Mitstreiterinnen. Eine blondlockige, relativ junge Frau mit großen braunen Rehaugen war darunter. Die sah nett aus. Alle anderen waren eher keine Konkurrenz – wobei das bei der Männerauswahl auch egal wäre. Wie ein Schwein auf der Schlachtbank wartete ich darauf, dass das makabre Spiel begann und man sich an die sechs kleinen Tischchen begab. An der Wand hing gut sichtbar eine große Stoppuhr mit roten Ziffern. Ein kleiner, rundlicher Mann mit Schweiß auf der Oberlippe betrat die Bühne und räusperte sich vor dem Mikrofon.

„Eins, zwei … Test. TEST!“ Das Mikro kreischte laut.

„Verzeihung! So, also. Liebe Singles auf der Suche. Gleich geht’s hier richtig zur Sache. Sechs … ah … ich seh gerade, es sind nur fünf Männer, sechs Frauen und sieben Minuten Zeit, um den passenden Partner zu finden. Unsere Erfolgsquote ist hoch. Bereits drei Pärchen haben sich hier gefunden und schweben jetzt auf Wolke sieben.“ Meine Güte, wie abgeschmackt war diese Veranstaltung hier.

„Wo hast du mich hier nur hingeschleppt?“, raunte ich Romeo zu und funkelte ihn böse an. Der zuckte nur entschuldigend mit den Schultern und schenkte mir ein schiefes Lächeln, das wohl beruhigend auf mich wirken sollte.

Verdammte Axt.

Date 1: der Chorknabe

„Hi, ich bin Mia.“

„Hallo, ich heiße Olaf.“ Olaf wirkte ziemlich verschüchtert. Seine Ohren waren ganz rot und er hatte hektische Flecken auf dem Hals.

Was fragte man denn so beim Speed-Daten?

Und wie alt bist du?“

„Achtundzwanzig. Und du?“

„Vierundzwanzig.“

„Aha. Schön, das passt ja“, sagte er und lachte unsicher.

„Tja … und was hat dich hierher verschlagen? Wie lange bist du schon Single?“

„Eigentlich … hatte ich noch keine Freundin. Meine Mama hat immer gesagt:

‚Olaf, die Frauen sind schlecht. Ganz schlecht. Die wollen dir nur ein Kind anhängen.‘ Deshalb hab ich gewartet, bis ich bereit bin für Familie und so.

Tja … und hier bin ich.“ Ungläubig starrte ich den Chorknaben an.

„Also bist du hier, um die Mutter deiner Kinder zu finden?“

„Genau. Und du scheinst mir die Passende zu sein.“

Ach du Scheiße.

Date 2: der Rentner

„Na, Sie sind doch mal eine nach meinem Geschmack. Sonst machen hier nicht solche heißen Schnecken mit wie Sie.“

„Ja, danke. Haben Sie hier schon öfter mitgemacht?“

„Ich bin hier schon Stammgast, ein alter Hase. Glauben Sie mir, nach den sieben Minuten mit mir werden Sie keinen anderen mehr wollen.“ Mein Gegenüber zwinkerte mir neckisch zu und strich sich penetrant blickend durch den gut gepflegten Schnurrbart.

„Das letzte Mal saß mir eine gegenüber, die war fett, sag ich Ihnen. Das kann ich gar nicht leiden. Setzt die sich mit ihrem dicken Arsch an den Tisch und erzählt auch noch, was ihre Lieblingsspeisen sind. Hahaha.“

Beflissen fiel ich in sein monotones, dröhnendes Lachen ein und warf

Romeo, der es sich auf der anderen Seite des Raumes an der Theke bequem gemacht hatte, einen hilflosen Blick zu.

„Na, Schneckchen, und was mögen Sie so?“

„Also, in meiner Freizeit gehe ich gerne joggen, ich lese gerne. Eigentlich würde ich ja auch ganz gerne mehr reisen.“

„Nein … was hast du im Bett gerne?“ Lüstern leckte er sich über seine Oberlippe.

Als ich schon empört aufstehen wollte, öffnete sich die Tür des Cafés. Herein kam … ein richtig scharfer Typ. Holla! Er hatte dunkelbraunes, wuscheliges Haar, trug einen grauen Strickpulli mit Kapuze und dazu coole Jeans. Ich schätzte ihn auf Anfang dreißig. Lässig schlenderte er zum Moderator und beugte sich zu ihm hinunter. Der sah ihn missbilligend an, führte ihn aber an das Tischchen neben meinem. Halleluja! Offensichtlich war er der sechste Speed-Dating-Partner. Ich blieb also. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Romeo wild winkte und den Daumen nach oben streckte. Ich lächelte ihm kurz zu, als die Glocke erklang und den Partnerwechsel ankündigte. Alle rückten einen Tisch weiter. Opa Lüstern ließ ich mit einem geflüsterten „Lieber fett als notgeil“ an seinem Tischchen zurück. Er machte große Augen. Nun wandte ich mich mit Genuss meinem attraktiven Gegenüber zu.

Date 3: Sieben Minuten reichten aus, um eine Katastrophe auszulösen

„Hallo, schöne Frau.“

Na gut, die Floskel verzieh ich ihm jetzt mal.

„Hey!“ Ich wickelte verführerisch eine Haarsträhne um meinen Zeigefinger und lächelte ihn an.

„Ich bin Thomas.“

„Hey Thomas, ich bin Mia.“

„Kommst du aus Köln?“

„Nein, eigentlich aus Hamburg. Ich bin hier für mein Studium hingezogen.“

„Ach, du studierst?“

„Ja, du nicht? Was machst du denn so? Arbeitest du schon?“

„Ich bin Mechatroniker.“

„Aha … interessant.“ Ich versuchte, nicht allzu enttäuscht darüber zu sein, dass ich es nicht mit einem Akademiker zu tun hatte. Aber Handwerker hatten ja auch ihre Vorteile … Sie konnten IKEA-Schränke ohne Gebrauchsanweisung und gequetschte Fingernägel zusammenbauen und hatten starke Hände und Oberarme. Ich ließ meinen Blick wohlwollend über seine durchtrainierten Arme gleiten.

„Ich seh schon. Du hattest gehofft, ich wäre Anwalt oder Unternehmensberater“, sagte Thomas verkniffen.

Ertappt zuckte ich zusammen.

„Nein, gar nicht. Ist doch toll, mit den Händen zu arbeiten, etwas zu erschaffen …“

„Immer diese arroganten Akademiker-Tussis.“

„Bitte, was?!“ Ich glaubte, mich verhört zu haben.

„Es ist immer das Gleiche. Die Frauen wollen Typen mit ’nem großen Auto, ’ner schicken Eigentumswohnung und ’ner Menge Zaster auf dem Konto.“

„Also Moment, du kennst mich doch gar nicht. Ich habe doch nichts dergleichen gesagt. Das Gespräch schlägt, finde ich, gerade eine ganz aggressive Richtung ein.“ Ich stieß ein nervöses Lachen aus.

„Vielleicht wollen wir über Hobbys reden? Stehst du auf Fußball?“

„Ich seh wohl aus, als würde ich darauf stehen, wenn zweiundzwanzig Männer einem Ball hinterherlaufen. Hältst du mich wirklich für so hohl? Gott, wie ich diese Vorurteile hasse!“

„Nein, aber so hatte ich das gar nicht …“

„Sieht man doch gleich, dass du so ’ne Snob-Tussi bist. Mit den hohen Schühchen und dem engen Kleid. Total overdressed. Ich steh eher auf natürliche Frauen. Nicht auf solche Schummelpakete, wie du eins bist.“

So, jetzt wurde ich wütend.

„Und ich steh auf Männer mit Anstand und guten Manieren. Das ist ja unverschämt, wie Sie sich hier aufführen!“, stauchte ich mein Gegenüber zusammen.

„Ach, halt die Klappe. Arrogante Kuh!“

Empört schnappte ich nach Luft.

„Was fällt Ihnen ein. Mich hier einfach so zu beschimpfen. Sie dummer Vollidiot.“

„WIE HAST DU MICH GERADE GENANNT??“

Das war wohl ein wunder Punkt.

Ruppig erhob sich Thomas, der Mechatroniker, vom Tischchen und stieß dabei die darauf stehende Vase um, die ihren ganzen Inhalt auf mein Kleid ergoss. Ich stieß einen spitzen Schrei aus, schoss von meinem Stuhl hoch, rutschte aus und ging zu Boden. Wütend registrierte ich, dass dabei mein High-Heels-Absatz dran glauben musste.

„Aaaah!!“

Ich sah rot. Rasend griff ich nach der Blumenvase und schmiss sie in die Richtung dieses Rüpels. Mit ungewohnter Präzision traf ich seinen Kopf. Oh, da war ich wohl zu weit gegangen. Entsetzt beobachtete ich, wie langsam Blut aus seiner Schläfe sickerte.

„DAS WIRD EIN NACHSPIEL HABEN. ICH ZEIGE DICH AN!! Wegen KÖRPERVERLETZUNG!“, schrie Thomas und rauschte aus dem Laden. Im Café war es ganz still geworden. Ich spürte eine Hand auf meinem Rücken und eine Stimme flüsterte mir beruhigend zu: „Alles ist gut. Komm, wir gehen jetzt.“

Betäubt verließ ich mit nassem Kleid das Café und mit ihm die raunenden Leute.

Mission Speed-Dating – gescheitert.

In der Uni. Kurs: Sprachverarbeitung. Stimmung: Januartristesse.

Neidisch betrachtete ich die Fotos, die mir Philipp per WhatsApp aus seinem Hostel in Thailand geschickt hatte. Palmen, türkisblaue Buchten, ein Meer aus leuchtenden Wolkenkratzern. Nächtliches Bangkok.

„Gestern haben wir eine Party auf dem Dach eines Hochhauses gefeiert. Mit hammermäßigem Ausblick auf Bangkok. Es war der Wahnsinn!“, schrieb er. Ich sah mich um. Deprimiert. Vor mir rauchende Studentenköpfe, eine übermotivierte, mausgraue Dozentin. Überall Strickpullover in gedeckten Farben: Schlammbraun, Erbsensuppengrün, Kotzdunkelcurry.

An der Tafel las ich Begriffe, die genauso gut chinesische Schriftzeichen sein konnten. Ich verstand kein Wort. Auch beim Blick aus dem Fenster bot sich mir nichts als graue Januartristesse. Es regnete nun schon seit Tagen in Köln. Ich wandte mich wieder meinem iPhone zu. „Schade, dass du nicht mit mir hier bist“, stand da. Und: „Es würde dir hier gefallen.“ Da war ich mir sicher. Verdammt, warum war ich nicht mitgeflogen? Das Fernweh packte mich. Ich musste endlich mal raus aus dem grauen Großstadtalltag.

„Was sagen Sie denn da hinten in der letzten Reihe dazu? Würden Sie dem EEG eine maßgebliche Rolle bei der Sprachverarbeitung zuordnen?“

Ich blickte auf und stellte entsetzt fest, dass sich alle zu mir umgedreht hatten.

„Äh … könnten Sie Ihre Frage vielleicht wiederholen?“ Verdammter Kackmist.

Nachdem mich die Dozentin abgemahnt hatte, ich solle meine Aufmerksamkeit weniger meinem Smartphone und mehr der Tafel widmen, checkte ich meine Mails. Die konnte mich mal. Das war lächerlich. Total verschult diese Universitäten heutzutage … sagte Papa auch andauernd. Und der musste es ja wissen. Damals in den Sechzigern und Siebzigern war es viel cooler, Student zu sein. Da gab es Sitzstreiks, die Punkte wurden noch in Form von Scheinen aus Papier (unglaublich!) vergeben und die Dozenten rauchten während der Seminare Pfeife.

In meiner E-Mail-Liste befanden sich wie immer jede Menge Spams von etlichen Online-Shopping-Internetportalen und Frauenzeitschriften. Ich scrollte die vierundzwanzig neuen Mails durch. Einmalige Aktion. Zwei Paar Schuhe zum Preis von 69.95 Euro. Mia Engels, Sie sind die 9999. Besucherin unserer Seite. Sie haben ein Aquarium gewonnen. Herzlichen Glückw… Genug von haarigen Angelegenheiten? Jetzt Brazilian Bikini Waxing für 30 Euro, Erasmus-Auslandssemester … Ich stutzte. Was war das?

Oh. Mein. Gott. Das musste der Bescheid auf meine Bewerbung für ein Auslandssemester in Rom sein. Ich hatte mich vor vier Wochen beworben, als ich mal wieder genug hatte von Köln und vor allem von den Männern in Köln. Im Grunde war es ein verzweifelter Fluchtversuch, den Lars wesentlich mitzuverantworten hatte. Lars ist – pardon – war meine eineinhalbjährige Fickbeziehung. Wir hatten uns an meinem ersten Tag in Köln kennengelernt. Ich befand mich am Hauptbahnhof, war eben mit dem Zug nach fünfstündiger Fahrt angekommen und hatte sofort im Anschluss einen Termin für eine Wohnungsbesichtigung. Großstadtdschungel. Sperriger Koffer. Nur noch wenig Zeit. Das passte alles nicht zusammen, ich musste den blöden Trolley loswerden.

So stand ich als verzweifeltes, naives Landei vor dem Gepäckautomaten in der geschäftigen, lauten Bahnhofshalle. In einer mir völlig fremden Stadt. Der Automat war ein riesiges Ungetüm mit zig Knöpfen und Schaltern. Keine Ahnung, welchen ich drücken musste. Ich legte den Kopf schief und las die Gebrauchsanweisung. Ich verstand nur Bahnhof. Langsam fühlte ich Verzweiflung in mir aufsteigen. Wenn das so weiterging, würde ich hundertprozentig zu spät zur Besichtigung kommen. Da aber nur noch drei Wochen Zeit blieben, bis das Semester anfangen würde, war es höchste Eisenbahn. Mit aller Kraft versuchte ich, das Dreißig-Kilo-Ding von Koffer auf das Laufband zu hieven. Keine Chance. Wütend stampfte ich mit dem Fuß auf und versuchte es erneut. Ich sah wohl so verloren aus, dass Lars, der mit Aktenkoffer und Anzug im Stechschritt an mir vorbeigegangen war, um seinen Zug zu erwischen, innehielt.

„Kann ich dir vielleicht behilflich sein?“, hörte ich seine dunkle, angenehme Stimme fragen. Im Schweiße meines Angesichts sah ich zu dem Retter in der Not auf. Blickte in dunkelgraue, durchdringende Augen unter dichten, buschigen Brauen. Der Anzugmann hatte einen sinnlichen Mund und gerade, weiße Zähne. Seine Haare waren etwas nach hinten gegelt und ordentlich gescheitelt. Er trug einen leichten Dreitagebart und ein unfassbar männliches Parfum, das ich mir immer, wenn ich später bei ihm auf die Toilette ging, heimlich auf meine Handgelenke sprühte, um nachts im Bett daran zu schnuppern. Nur eine kleine Narbe quer über seinem Lippenherz störte die Perfektion seines Aussehens. Er war wirklich – so abgedroschen sich das auch anhören mag – ein Bild von einem Mann. Er sah so erwachsen aus in seinem grauen Anzug mit hellgrauer Krawatte. Ich dagegen muss ziemlich fertig ausgesehen haben in meinem Fünf-Stunden-Reise-Mief mit bequemen Jeans und Kapuzenjacke. Schön war was anderes. Doch das war mir egal. Ich war so verzaubert von Lars’ Anblick, dass sich sofort ein dämliches Grinsen auf meinem Gesicht einstellte. Und ein warmes Bauchgefühl.

„Oh, das wäre wunderbar!“, hauchte ich eingeschüchtert, strich mir eine vom Schweiß nasse Haarsträhne unter meine Mütze und überließ ihm meinen Koffer. Innerhalb von zehn Sekunden war der Trolley verladen und alle Tasten gedrückt. Lars steckte sogar Münzen für drei Stunden Einlagerung in den Automaten. Ich liebe es, wenn Männer so richtige Macher sind. Wirklich! Was ist besser als ein Typ, der zu dir sagt: Baby, ich mach das schon!?

„Das ist wahnsinnig nett von dir! Vielen Dank. Du musst das Münzgeld nicht bezahlen. Ich kann es dir gleich wiedergeben.“

„Nicht doch. Ist gar kein Problem!“, zwinkerte mir der Anzugmann zu. „Jetzt muss ich aber leider los. Hoffentlich kriege ich meinen Zug noch! Tschüss, einen schönen Aufenthalt in Köln!“ Er wandte sich zum Gehen und ich verfluchte mich innerlich für meine Feigheit. So einen Typen konnte ich doch jetzt nicht einfach ziehen lassen! Komm schon Mia, sag was.

„Tschüss! Gute Reise!“, rief ich hinter ihm her. Verdammter Mist. Ich drehte mich um und ging in Richtung Rolltreppe, die zu den U-Bahnen führte.

Grimmig kämpfte ich mich durch die Menschenmassen aus Touristen, Fußballfans mit rot-weißen Schals und abgerockten Punkern. Wieso konnte ich ihn nicht nach seiner Nummer fragen? Wieso?

„Entschuldigung?“, hörte ich jemanden ganz nah hinter mir sagen, als ich mich umsah stand wieder dieser wunderschöne Mann da.

„Ja?“, fragte ich belämmert.

„Du kannst dich doch revanchieren. Lad’ mich doch einfach mal auf einen Drink ein.“

Das pure Glück durchströmte mich.

„Das würde ich unheimlich gerne machen!“ Ich lächelte ihn an und er steckte mir seine Telefonnummer zu.

„Ich bin übrigens Lars.“

„Mia. Freut mich!“

„Also dann. Bis bald!“, sagte er, zwinkerte mir noch einmal zu. Dann war er weg.

Lars. Lars!

Es hätte der Grundstein für eine ganz große Liebesgeschichte sein können. Doch leider landeten wir nach unserem ersten gemeinsamen Drink sehr schnell zusammen in der Kiste und er lud mich nie wieder auf ein Date ein. Nicht etwa, weil dieses erste Treffen so in die Hose gegangen wäre und wir keine gemeinsame Ebene gefunden hätten. Nein, es war ihm schlicht und ergreifend zu anstrengend, diese Dating-Kiste. Sehr schnell eröffnete er mir auch: So ’ne Beziehung, das ist im Moment nichts für mich. Ich konzentriere mich auf die Arbeit und da bleibt wenig Zeit. Der erwachsene, charmante Gentleman entpuppte sich schnell als bindungsunfähiger, sexbesessener Workaholic. Anfangs war das ja okay für mich – auch, dass er andere Frauen traf. Mittlerweile jedoch kratzte der Umstand, dass er nur meine Muschi wollte, ziemlich an meinem Ego.

Im Grunde passierte an dem Dienstagabend, als ich beschloss, ihn endgültig abzuschießen, nichts anderes. Aber das Maß war voll.

Wir hatten uns zu einem Tête-à-Tête beim ihm zu Hause verabredet. Wie immer fielen wir erst einmal wortlos übereinander her und trieben es stundenlang. Nebenbei bemerkt, war Lars einfach der Wahnsinn im Bett. Sehr hingebungsvoll und sehr männlich. Wahrscheinlich hatte er schon mit halb Köln geschlafen und war deshalb so gut. Danach lagen wir jedenfalls äußerst erschöpft in seinen Laken. Ich schmiegte mich an seine behaarte, duftende Brust. Mann, roch der gut! Mal wieder ermahnte ich mich im Stillen. Ich musste auf mein Herz achten. Lars sah nicht nur verdammt gut aus, hatte einiges an Kohle und ein abgeschlossenes Marketing-Studium. Er wusste auch, dass er ein toller Hecht war. Er reiste viel, war eine Woche zuvor in Brasilien gewesen, davor auf Bali – geschäftlich, versteht sich. Wenn er in Köln war, trafen wir uns regelmäßig unregelmäßig. Schon einige Monate hatte ich das Gefühl, es könnte mehr werden zwischen uns. Ich glaubte, seine harte Schale etwas geknackt zu haben. Manchmal streichelte er mir durchs Haar und sah mich nachdenklich an. In meinem Bauch fühlte ich es dann flattern. Meist jedoch stand er dann irgendwann auf und ging duschen. Noch kein einziges Mal hatten wir uns zum Essen oder fürs Kino verabredet. Emma versuchte seit Monaten vergebens, mir diesen Schuft, wie sie ihn gerne nannte, auszureden. Aber wenn es um ihn ging, war ich leider gnadenlos unvernünftig.

Doch auch dieses Mal stieß er mich irgendwann eher unsanft von seiner Brust und setzte sich ohne ein Wort auf.

Von zärtlich-sanft zu ignorant-unverschämt in einer Sekunde. Frustriert beobachtete ich, wie Lars träge in seine Jogginghose schlüpfte und sich ein graues Schlabbershirt über den wuscheligen Kopf mit den Geheimratsecken zog. Ohne mich eines Blickes zu würdigen, fuhr er sich müde mit der Hand übers Gesicht und erhob sich dann mit unmenschlichem Ächzen vom Bett. „Wo gehst du denn hin? Wollen wir nicht noch ein bisschen im Bett entspannen?“ Ich lüpfte neckisch die Bettdecke und gab den Blick auf meine linke Brustwarze frei.

„Ich muss duschen. Und danach habe ich noch eine Menge Arbeit vor mir. Ist besser, wenn du gleich gehst.“

Die Decke miefte. Nach Schweiß. Zigaretten. Und Trostlosigkeit. Ich schlang mir die Bettdecke um den nackten Oberkörper.

„Ich wäre gern noch geblieben“, sagte ich verletzt.