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Jeder Ex, dem man ein klein wenig nachtrauert, nimmt nach wie vor einen gewissen Prozentsatz an Liebe für sich ein. Verdammt, sollte das stimmen, dann sind Claras Chancen, bald einen neuen Kerl zu finden, dahin! Maximal 30 Prozent Herzenskraft sind laut Michi, Claras bester Freundin, noch drin. Doch wie holt man sich diese vergebene Liebe wieder zurück, und ist es überhaupt möglich? Clara will es wissen! Sie nimmt mit ihren Ex-Lovern wieder Kontakt auf und ist fest entschlossen, ihr Herz freizumachen. Eine chaotische und amouröse Reise quer durch Europa beginnt …

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

www.jiffystories.com

© 2014 jiffy stories im Residenz Verlag

Umschlaggestaltung: Nanna Prieler

Lektorat: Heike Hauf

ISBN: 978-3-85236-071-3

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

PROZENTRECHNEN

VON

TINA WENG

Für Anna

INHALTSVERZEICHNIS

München/Berlin – Alte Liebe rostet nicht

München/London – Drei sind einer zu viel

München/Salzburg/Wien - Gut ist manchmal nicht gut genug

München/Riva - Liebe vergeht, Freundschaft besteht

Frankfurt/Paris und zurück - Stadt der Liebe, Stadt der Triebe?

München/Cádiz – Es kommt immer anders, als man denkt

Cádiz/Sevilla/Madrid – Mir kommt das alles spanisch vor

Frankfurt – „Die Liebe ist der Liebe Preis“ (Friedrich Schiller)

München/Berlin – Alte Liebe rostet nicht

„Bewerbungsgespräch überstanden. Abwarten, Chai trinken. I can’t wait for the weekend to begin – mit Michaela Neumann.“

Darunter ein Bild eines geleerten Take-away-Bechers vor dem typischen Zuginterieur mit Ablagetisch und Klappmülleimer unter dem Fenster. Die Anspannung des Tages fiel von ihr ab und bequem lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück, obwohl einige Fragen des Personalers immer noch in ihrem Kopf herumschwirrten. Der ICE war voll, aber mit Glück hatte sie auch ohne Reservierung einen Sitzplatz ergattert. Allerdings war eine andere Verbindung ausgefallen und jetzt klapperte ihr Zug die Nester der bayerischen Provinz ab, bis die Landeshauptstadt erreicht war. Ihr Handy vibrierte. Schon drei neue Likes ihrer Statusmeldung auf Facebook, obwohl sie erst vor einigen Minuten gepostet hatte. Einer war von Michi, die ihr noch gleich dazu eine Nachricht hinterlassen hatte.

„Ich kann’s kaum erwarten, Clara! Steht unser Date um acht?“ Während sie eine Antwort in ihr Smartphone tippte und sich einmal mehr über den Kratzer am rechten unteren Bildrand ärgerte, der alle Zeichen dieser Region mehr oder weniger außer Gefecht setzte, schwirrten ihre Gedanken um den vollen Wäschekorb zu Hause und ihre Outfitmöglichkeiten jenseits des in Wodka gebadeten Partyfummels vom letzten Wochenende. Nur auf ein paar Gläser Wein und Tapas mit Michi ins Itxaso, das zu ihren absoluten Lieblingskneipen zählte, weil es sie immer direkt in ihre Erasmuszeit in Spanien zurückversetzte. Nicht lange, sie war zu müde für mehr. War das jetzt schon das Alter? Vor einem Jahr wäre es noch undenkbar gewesen, den Freitagabend als Party-Gelegenheit sausen zu lassen.

Natürlich bestand die Möglichkeit, sich danach Richtung Glockenbachviertel weiter ins Münchner Nachtleben zu werfen. Aber die letzten Tage waren anstrengend gewesen. Mit tausend Jobs in der kleinen Münchner Klitsche, in der sie als Trainee einige Mammutprojekte betreute, und natürlich dem Trip nach Frankfurt zu ihrem hoffentlich neuen Arbeitgeber. Manchmal fand sie ihr Erwachsenenleben ganz furchtbar und fühlte sich als Teil der arbeitenden Bevölkerung schrecklich spießig. Nicht falsch zu verstehen, sie liebte ihren Job als Werberin. Mit Kreativität verkaufen war genau ihr Ding. Auch ihre Chefs und Kollegen in München waren super und sie verstanden sich alle prächtig. Nur leider konnte ihre kleine Agentur sie nicht als volle Mitarbeiterin übernehmen. Es war an der Zeit weiterzuziehen. Sie hatte auch genug von München und seinen überhöhten Preisen, dem Schickimicki-Getue und den typisch geschleckten Schnöseln. Aber vor allem widerstrebte ihr, dass es nicht mehr wirklich etwas Neues zu entdecken gab. Das Frankfurter Mainufer dagegen schien ihr zuzuzwinkern wie ein neuer Lover, aufregend und mit der unglaublichen Anziehungskraft des Unbekannten. Zwar würde ein Umzug den Abschied von ihren geliebten Bergen bedeuten, aber um ehrlich zu sein, für ein langes Wochenende ab und an zurückzukommen, wäre kein großes Problem. Aber auch hier hieß es abwarten. Leider war der Chai schon leer. Das Rütteln des Zugs holte sie aus ihren Gedanken zurück. Die Abendsonne warf ihr goldenes Licht auf die Gleise, sie waren fast da. Der Zug schien zu kriechen, vorbei an den spiegelnd glänzenden Glasfassaden einer Unternehmensberatung, unter einer Brücke hindurch und dann unter der nächsten, bevor er in den Bahnhof rollte. „Liebe Fahrgäste, in Kürze erreichen wir München Hauptbahnhof. Wir hoffen, Sie hatten eine angenehme Fahrt …“, der Rest ging im Rauschen des Lautsprechers unter, bevor der Zug zu einem endgültigen Halt kam. Viel zu spät fing Clara an, ihre Sachen zusammenzusammeln. Die Türen schlossen schon mit gewohnt nervigem Piepsen, als sie versuchte, sich mitsamt Tasche und Regenschirm auf den Bahnsteig zu zwängen. Mist, ihr übergroßes Halstuch, eigentlich als Schutzschild gegen die Klimaanlage gedacht, war in der Tür gefangen, und hätte nicht ein vorbeieilender Anzugträger Mitleid mit ihr gehabt und auf den Knopf gedrückt, wäre sie in einen schwierigen Befreiungskampf verwickelt worden. Durch die Bahnhofshalle wehte eine warme, sommerliche Brise, während die meisten ihrer Mitfahrer Richtung U-Bahn eilten. Ein Ziehen in der Magengegend ließ sie beim Bäcker eine Butterbreze mitnehmen, bevor auch sie durch das Spiel von Licht und Schatten im Freitagsrummel des Hauptbahnhofs in Richtung U-Bahn abtauchte.

Als Clara viel zu spät um die Ecke bog, sah sie Michi schon mit einem Glas Wein an einem der drei winzigen Tischchen auf dem Bürgersteig sitzen. Winkend und grinsend nahm sie die letzten Meter und ließ sich auf den Stuhl an der Wand neben Michi fallen.

„Hallo Schnitte, wie wär’s mit uns zweien?“, lachend drückte Michi ihr einen Schmatz auf die Backe.

„Sorry, ich hab schon ein Date für heute. Das hat sich nur massiv verspätet.“

„Ach komm, so spät bin ich auch nicht. Für meine Verhältnisse bin ich pünktlich.“

Eine Viertelstunde war für Clara tatsächlich total im Rahmen, und wie sie an Michis Weinglas ablesen konnte, hatte ihre Freundin auch gerade erst Platz genommen. Michi und Clara waren beide viel zu spät zur BWL-Einführungsveranstaltung gekommen und hatten weder auf der Treppe noch hinten stehend einen Platz gefunden. Statt Vorlesung folgte Kaffee, folgten gemeinsame Partys, Frauengespräche und eine fast unverwüstliche Freundschaft, der nicht einmal Claras Ausrutscher mit Jonas etwas anhaben konnte. Und Jonas war, wohlgemerkt, Michis Ex.

„Erzähl, wie ist dein Bewerbungsgespräch gelaufen? Ich habe den ganzen Tag an dich gedacht!“

„Um ehrlich zu sein, es lief ganz hervorragend. Es war ja auch schon das zweite Gespräch. Die Chemie passt auf jeden Fall, ich bin mir nur nicht zu hundert Prozent sicher, ob ich auch alles draufhabe, was die verlangen. Man weiß ja nie genau, wen die sonst noch so in die nähere Auswahl gezogen haben.“

Clara hatte über einen Bekannten mitbekommen, dass bei einer der großen Agenturen in Frankfurt Juniorstellen in verschiedenen Bereichen ausgeschrieben waren. Sie hatte sich sofort auf eine Stelle beworben, die eng mit einer spanischen Partneragentur und deren Kunden zusammenarbeitete, um Ideen für das Geschäft in Südamerika anzupassen und weiterzuverarbeiten. Es war die ideale Stelle für Clara, die Spanien liebte und am liebsten jede freie Minute dort verbringen würde. Und hey, wer würde nicht mal gerne auf Geschäftsreise nach Südamerika?

„Wer hat das Interview geführt? Der gleiche Typ vom letzten Mal oder wer anderer? Hast du das Team auch kennengelernt? Und wann kriegst du Bescheid?“ Typisch Michi. Clara bekam ein Loch in den Bauch gefragt, bevor sie überhaupt etwas zu trinken bestellt hatte.

„Wenn ich alles richtig verstanden habe, irgendwann nächste Woche. Ja, war der gleiche Typ, und im zweiten Teil durfte ich den anderen, die dann in meinem Team wären, alle möglichen Fragen stellen. War echt spannend und ich glaub, ich wär auch perfekt für die Stelle. Aber jetzt Schluss mit Arbeit. Wie geht’s dir? Und was gibt’s Neues von deinem neuen Kerl?“

Michi war noch immer ausführlich dabei auszuschmücken, was auf dem ersten Date mit ihrem neuen Auserwählten vorgefallen war, um mitten im Satz abzubrechen und mit einem: „Oh verdammt, ist das Simon mit seiner Flamme?“, auf die gegenüberliegende Straßenseite zu starren.

„Sieht ganz danach aus.“ Auch Clara starrte jetzt in Richtung des eng umschlungenen Pärchens, das sich langsam aus ihrer Sichtweite entfernte. Während Clara sich überlegte, wie dieses zwanghafte Aneinanderklammern in jeglicher Situation Frischverliebte erkennbar machte und eigentlich weder bequem noch praktisch war, hatte Michi schon begonnen, jedes Bisschen, das sie von der Neuen in den letzten dreißig Sekunden wahrgenommen hatte, gnadenlos auseinanderzunehmen. Simon hatte ihr im dritten Semester das Herz gebrochen. Ohne erkennbaren Grund nach über einem Jahr Beziehung hatte er Schluss gemacht. Clara war jedes Detail bekannt, denn Michi hatte alles haarklein analysiert und mit ihr diskutieren müssen, ohne wirklich eine überzeugende Begründung zu finden. Und das, obwohl er nicht annähernd so toll wie Michi war. In Claras Augen war Michi unglaublich schön. Und auch wenn man auf neutralere Beurteilung vertraute, zum Beispiel wenn Michi irgendwo aufkreuzte, sei es Bar, Club oder auch nur auf dem Sportplatz, alle Augen waren immer auf sie gerichtet. Kein Wunder, Clara beneidete sie um ihre Rehaugen, die langen braunen Haare und noch längeren Beine. Neben Michi fühlte sich Clara immer wie ein Hobbit mit aschblondem Haar und den sexuellen Reizen einer Ameise.

„Ich hatte keine Ahnung, dass es immer noch so schlimm ist. Und du hast doch gerade noch erzählt, wie gut es mit deinem neuen Kerl läuft“, warf Clara nach einem Schwall nicht unbedingt freundlicher Worte über Simons bestes Stück ein, um den Redefluss ihrer Freundin zu stoppen. Michi zuckte die Achseln und starrte auf ihre eigenen Finger, die gerade aus der Serviette, auf der ihr Weinglas stand, einen Ring rupften.

„Ach Clara, ich weiß auch nicht.“ Nach einer Weile hob sie den Blick und sah Clara an. In ihrem Gesicht spiegelten sich Ratlosigkeit und ein Hauch von Verzweiflung. Ein weiteres Achselzucken, damit schien das Thema erledigt, wenn auch nicht abgeschlossen.

„Lass uns mal auffrischen.“ Mit ihren leeren Weingläsern in der Hand machte sie sich auf in Richtung Bar. Als Michi mit Nachschub aus dem Inneren der Tapasbar zurückkehrte, hatte ein netter, wenn auch nicht gerade heißer Spanier das Windlicht auf ihrem Tisch angezündet. Die Seitenstraße, in der sie saßen, war immer noch belebt und die unterschiedlichsten Gestalten entfernten sich mal schnell, mal langsam aus dem Blickfeld. Alle hatten ein Ziel. Da waren Partygänger, die mit einer Flasche in der Hand hastig zu einer Vorglühparty eilten, Familien, auf dem Weg, um die Kleinen ins Bett zu bringen, Freundesgrüppchen und verliebte Paare, wie eben das von vorhin, das zu einer Hälfte aus Michis Ex bestand.

„Vielleicht hat meine Mutti doch recht mit ihrer neuesten Theorie, warum es mit manchen Beziehungen einfach nicht klappt.“ Ihre Mütter waren beide geschieden, und während Michis Mutter sich fleißig auf den Dating-Markt stürzte und meistens mit längeren oder kurzen Beziehungsgeschichten sowie Tipps rund ums Online-Dating oder phänomenalen Durchbrüchen zur Heilung gebrochener Herzen aufwarten konnte, hatte sich Claras Mutter in eine etwas schrullige Katzenliebhaberin verwandelt. Ihrem Bruder zufolge waren es mittlerweile vier Miezen, aber dafür kein Mann weit und breit. Ungefragt holte Michi zur genaueren Schilderung dieser neuesten Theorie aus. In ihrer Stimme lagen sowohl ein klein wenig Skepsis als auch ein missionarischer Unterton:

„Mutti geht davon aus, dass man nur eine gewisse Menge an Liebe in Beziehungen zu vergeben hat. Gehen wir mal von hundert Prozent aus, als du angefangen hast, dich für Jungs zu interessieren. Seitdem sind natürlich viel Zeit und noch viel mehr Dates die Isar runter. Und mit jeder Beziehung, die unglücklich endete, oder mit jedem Mann, der vielleicht doch nicht so sehr auf dich stand wie du auf ihn, sind ein paar Prozent verloren gegangen.“ Michi musste Claras skeptischen Gesichtsausdruck gesehen haben. Sie nahm einen Schluck Wein und versuchte es anders.

„Oder nicht wirklich verloren. Vielleicht eher blockiert. So wie Programme im Autostartmodus.“ Seit Michi den Job im Vertrieb eines Softwareherstellers angefangen hatte, hagelte es zu jedem möglichen Problem eine Computeranalogie mitsamt technischer Lösungsmöglichkeit, was die Sache nicht unbedingt immer einleuchtender machte.

„Schau nicht so, diesmal passt mein Beispiel echt gut. Du wirst gleich verstehen, was ich meine. Autostart sagt dir was, ja? Die Programme laufen im Hintergrund mit, ohne dass du es weißt, nur damit sie im Fall der Fälle leichter und schneller wieder geöffnet werden können. Und mit den Männern ist es das Gleiche. Dein Herz hat dafür auch einen gewissen Arbeitsspeicher, und so mancher ist in genau diesem Ordner gelandet, weil du ihn bewusst oder unterbewusst doch nicht so ganz abschreiben wolltest. Sollten es also Zufall, Schicksal, sonstige Mächte oder sogar er selbst so wollen, könntest du dich wieder direkt mit ihm einlassen und voll durchstarten. Manche Programme oder Männer, die erst kürzlich benutzt wurden, nehmen da mehr Platz ein als andere. Du hast sozusagen mehr Prozent deines Herzens für sie reserviert. Kommt jetzt ein Neuer an, dann ist es wie mit der Installation eines neuen Programms. Ist der Speicher voll, musst du alte löschen, um genug Platz für die neue Liebe zu haben. Nur wenn nicht alle Prozente vergeben sind, kannst du das auch wirklich. Und manche Programme sind es einfach nicht wert, andere zu löschen, auf die du in der Vergangenheit so fest gebaut hast.“ Obwohl es einigermaßen kompliziert klang, hatte Clara nicht wie üblich Probleme, Michis Software-Analogien zu folgen. Diesmal war es sogar für sie relativ nachvollziehbar. Sie wusste allerdings nicht so recht, was sie von der Theorie halten sollte.

„Du sagst also, dass dein Arbeitsspeicher vollgeschrieben ist mit Simon und du dich deshalb nicht auf wen anderen einlassen kannst?“ Clara fand die Theorie nach und nach einleuchtender, wenn auch ein wenig kompliziert ausgedrückt. „Warum sagst du dann nicht einfach, dass du noch was von ihm willst und deswegen keinen Platz für andere Männer in deinem Leben hast?“ Clara leerte ihren Wein, um beide Gläser zu greifen und noch mal an die Bar zu gehen. Mittlerweile war es Nacht, trotzdem konnte sie im Licht, das von drinnen auf ihren Tisch schien, in ihrem Gesicht lesen, wie sie nach der Antwort auf ihre Frage suchte. Als Clara zurückkam, um die vollen Gläser auf dem Tisch abzustellen, hatte Michi die passende Antwort gefunden.

„Um es auch dir Skeptikerin begreiflich zu machen: Natürlich könntest du sagen, dass ich immer noch was von Simon will. Trotzdem weißt du auch, dass ich ihn nicht mehr zurückhaben wollte, es sei denn, ein paar Dinge veränderten sich grundlegend.“

„Wie etwa, dass er die Neue abschießt?“ Aber so leicht ließ sich Michi nicht bremsen.

„Sehr witzig, aber um bei meinem Computervergleich zu bleiben: Manchmal hinterlassen doch auch Programme Spuren, die du so nicht auf den ersten Blick siehst. Sie nehmen aber trotzdem Speicher ein. Also Unterbewusstes und Dinge, die du vielleicht verdrängt oder vergessen hast.“ Michi schien dem Höhepunkt ihrer Erklärung und der Lösung des Problems nahe. „Wenn du jetzt diese versteckten Speicherfresser findest und beheben kannst, hast du wieder jede Menge Platz. Der Rechner arbeitet schneller und aufs Liebesleben bezogen hast du wieder Kapazitäten frei, dich voll und ganz frisch zu verlieben und in eine neue Beziehung zu stürzen.“ So langsam verstand Clara, worauf Michi hinauswollte. Trotzdem waren noch Fragen offen.

„Das klingt ja alles nachvollziehbar. Die möglichen Kandidaten, die immer noch einen Platz in meinem Herzen einnehmen, auszumachen, finde ich auch logisch. Aber wie lösche ich und mache den Platz wieder frei?“ Unbewusst dachte Clara nicht mehr über Michis, sondern ihr eigenes Liebesleben nach, welches fürwahr eine Kur vertragen konnte. Sie war seit fast drei Jahren Single, und obwohl es eigentlich immer irgendjemanden gab, hatte sie seit ein paar Wochen nicht einmal mehr besonderes Interesse, irgendwen kennenzulernen, geschweige denn am Ball zu bleiben. Das Knistern mitsamt Schmetterlingen und Hochgefühlen, das eine neue Liebe so mit sich brachte und einen den ganzen Tag nur noch daran denken ließ, vermisste sie schon seit Ewigkeiten. Oder wenn sie dachte, dass es sich vielleicht doch entwickelte, war das Gefühl nach kürzester Zeit wieder verschwunden. Michi schien auch nicht viel schlauer aus der Theorie zu werden als Clara selbst:

„Tja, wenn ich das wüsste. Ich schwöre dir, dann wär Simon schon lang ausradiert.“ Es folgte ein verzweifeltes Lachen, das in Clara das Bedürfnis weckte, Michi fest in den Arm zu nehmen, und sie aus den Gedanken an ihre eigene Liebesunfähigkeit zurück an den kleinen Tisch der Tapasbar holte.

Die Sonne strahlte in ihr Zimmer, als Clara am Samstagmorgen aus einem wilden Traum aufwachte. Eine wütende Meute aus zu Zombies mutierten Exfreunden war hinter ihr her und jagte sie durch nächtliche Gassen, um ihr Herz zu verspeisen. Ihr Unterbewusstsein schien sich ein bisschen zu intensiv mit Michis Theorie befasst zu haben und auf den Zombie-Hype aufgesprungen zu sein, der gerade überall in den Kinos Verkaufszahlen von Filmen mit Untoten in die Höhe schnellen ließ. Gepaart mit einigen sehnsüchtigen Gedanken an ihre Exfreunde, konnte der ganze Spaß natürlich schnell in wilden Traumwelten enden. Also alles ganz einfach zu erklären, vielleicht sollte sie auf Traumdeutung umschulen? Nachdem sie sich noch mal umgedreht und ein wenig vor sich hingedöst hatte, trieb sie das Verlangen nach Kaffee und Schokolade aus dem Bett. Ein Stück zu jeder Tasse, am besten noch vor dem Frühstück, gehörte zu Claras täglichem Morgenritual. Auf dem Weg in die Küche fielen ihr im Gang ein paar hochhackige Stilettos auf, die ganz sicher nicht aus ihrem Schuhschrank stammten. Da hatte ihr Brüderlein wohl eine wesentlich heißere Nacht hinter sich als sie selbst, was wahrscheinlich auch der Grund dafür war, dass sie nicht schon längst Geschirrgeklapper, Kaffeeduft und seine Gesangskünste aus ihrem Schönheitsschlaf geholt hatten. Lukas zählte zu der unerträglichsten Sorte von Morgenmenschen, die direkt nach dem Aufstehen bestens gelaunt den größten Lärm aller Zeiten machten. Zu anderen Tageszeiten war er nämlich ein stiller Zeitgenosse. Manchmal konnte sie nur den Kopf schütteln, wie unterschiedlich ihr kleiner Bruder und sie doch waren. Trotzdem verstanden sich die beiden blendend, vor allem seit der Scheidung ihrer Eltern. Umso mehr hoffte Clara, einen Blick auf die neue Eroberung zu werfen, an der er im Normalfall recht bald wieder das Interesse verlieren dürfte. Zumindest in diesem Punkt waren sie gar nicht so verschieden: Aus den unterschiedlichsten Gründen konnte keiner der beiden im Moment eine langfristige Beziehung aufweisen, geschweige denn ganz allgemein halten. Ganz der Papa, könnte man auch sagen. Sie beide waren am Nachmittag zum Grillen bei ihrem Vater eingeladen, der ihnen unbedingt seine neue Freundin vorstellen wollte, die auch gleich bei ihm eingezogen war. War es vielleicht das schlechte Karma ihres Erzeugers, das die Liebe für Clara und Lukas zum emotionalen Minenfeld machte? Ihr Vater marschierte ganz gern von einer Flamme zur nächsten, sobald ihm ein klein wenig langweilig wurde. So hatte er auch ihre Mutter gegen ein neueres Modell ausgetauscht, wovon die Arme sich seitdem nicht mehr erholt hatte. Clara schob ihr problematisches Liebesleben manchmal ganz gern auf ihre Gene und was sie in Kinderjahren und als Teenager so alles von der Beziehungsgestaltung ihrer Eltern gelernt hatte. Und sollte sie zudem noch jedem x-beliebigen Verflossenen einen Platz in ihrem Liebesarbeitsspeicher einräumen, sah es nicht gerade rosig aus, in naher Zukunft irgendetwas Brauchbares zu finden. Sei es in München oder Frankfurt. Aber war an der Theorie von Michis Mutter tatsächlich etwas dran? Wenn ja, war sie doch sehr vorbelastet. Kaum eine ihrer vergangenen Beziehungen wurde ohne reichlich Drama von Claras Seite beendet. Sogar wenn sie selbst es war, die einen Kerl abgeschossen hatte, holte es sie meist früher oder später ein. Nicht nur einmal hatte sie bisher bereut, einen Schlussstrich gezogen zu haben, und oftmals war ihr erst viel zu spät schmerzlich bewusst geworden, dass ihr doch viel mehr an ihm lag, als zu Beginn gedacht. Zusätzlich konnte sie auch nicht leugnen, dass ihr Beuteschema ein wenig verquer und selbstzerstörerisch angelegt war. Aber was konnte sie tun, es waren einfach immer die falschen Männer, die sie magisch anzuziehen schienen. Ihre Mutter hatte ihr erst neulich erklärt, dass eben jeder seine Bindungsängste anders verarbeitete. Im Vergleich zu Kerlen, bei denen es von vornherein vorbestimmt war, früher oder später Mist zu bauen oder sie sitzen zu lassen, waren dann Katzen die schmerzfreiere Variante, um Beziehungen zu umgehen, aber trotzdem jemand zum Kuscheln zu haben.

Clara füllte die kleine Espressomaschine mit Wasser, Kaffeepulver und einem Hauch Zimt und schaltete die kleinste Herdplatte ein. Ein Blick in die gähnende Leere, die ihr Kühlschrank zu bieten hatte, half über die Entscheidung hinweg, was es zum Frühstück geben sollte. Zumindest war genügend Milch übrig und eine volle Packung Müsli im Schrank. Sie sah zu, wie der obere Teil der Kaffeemaschine sich zu füllen begann, aß ein Stück weiße Schokolade und überlegte, wer ihrer verflossenen Lover tatsächlich noch Prozente vom Speicherplatz ihres Herzens einnahm. Wen hatte sie insgeheim noch nicht so ganz abgeschlossen oder einfach nicht abschließen können? Und wer kam wirklich in die engere Auswahl? Nur die, mit denen sie wirklich eine Beziehung geführt hatte, oder auch ein Jugendschwarm, Lehrer oder Brian von den Backstreet Boys, in die sie alle mal unsterblich verliebt gewesen, mit denen es aber nie was geworden war. Gut, Herrn Meier hatte sie tatsächlich abgeschlossen, aber sollte Brian noch mal auf Tour kommen … Sie lachte in sich hinein, als das Pfeifen des Espressokochers sie vom Tourbus der Backstreet Boys wieder zurück in die Realität holte. Vielleicht sollte sie nach handfesteren Kandidaten suchen, die sie aus ihrem Liebesgedächtnis löschen konnte. Was schadete es schon, wenn Brian die paar Prozente ihres Herzens vorerst behielt?

Sie nahm einen Schluck Kaffee, um ihre Gedanken zu klären, und schob die Backstreet Boys zurück in die Neunziger, wo sie hingehörten. Michi hatte gestern erzählt, dass es relativ leicht war, herauszufinden, an wem ihr noch was lag. Aber Michi führte auch Tagebuch über sämtliche Eroberungen, wo sie genauestens auflistete, was, wie, wo und wann gelaufen war und wie viel Geschick und gutes Aussehen ihre Lover mitgebracht hatten. Zu manchen hatte sie neben der Bewertung auf einer Skala von eins bis zehn sogar Bilder eingeklebt. Clara selbst war da eher weniger organisiert. Erst neulich hatte sie in der Straßenbahn gefühlte Ewigkeiten einen Typen angestarrt, der ihr so bekannt vorgekommen war. Der Gute musste sich verfolgt vorgekommen sein, denn als er sich dessen bewusst wurde, hielt er seinen Blick konstant auf sein Handy gerichtet und stieg an der nächsten Station aus. Erst am folgenden Tag fiel ihr ein, woher sie ihn kannte. Auf einer Uni-Party hatte sie vor ein paar Jahren mit ihm rumgeknutscht, um sich dann auf die Toilette zu entschuldigen und nie wieder blicken zu lassen. Was sie auch nie bereut hatte. Er war ein ganz durchschnittlicher Küsser, nicht so schlecht, als dass sie ihn in Erinnerung behalten hätte. Obwohl es ein bisschen peinlich war, hatte ihr Vergessen gerade jetzt auch etwas Gutes. Dieser Kerl, von dem sie nicht einmal mehr den Namen wusste, brauchte bestimmt keine Herzensprozente auf, sondern war ganz spurlos an ihr vorübergegangen. Damit war er nicht der Einzige, allerdings gab es auch einige, die nicht ganz so spurlos gegangen waren. Sie musste nicht lange überlegen, wer die tiefsten Spuren hinterlassen hatte: Tom, ihre erste große Liebe, hatte sie wohl am nachhaltigsten geschädigt, indem er sie am Telefon abserviert hatte, obwohl sie beide in der gleichen Stadt wohnten. Auch wenn sie ein paar Jahre später noch mal einen neuen Versuch gestartet hatten, der sich wieder als leere Illusion einer Beziehung herausstellte, wollte Clara den Gedanken nicht ganz aufgeben, dass Tom der Mann ihres Lebens war. Sie hatte ihn schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen, da er vor ein paar Jahren nach Berlin gezogen war. Zu ihrem großen Glück. Sie führte sich regelmäßig wie eine Idiotin auf, sobald er auch nur irgendwo in der Nähe war. Das letzte Mal in München hatte Clara ihn auf einer Party zufällig getroffen und sie waren nach einer langen Nacht im Bett gelandet. Als sie am nächsten Morgen aufwachte und ihn neben sich schlafen sah, war sie sich sicher, dass sie beide wieder zusammen waren. Als Tom jedoch seine Augen öffnete und sich sein Gesichtsausdruck von dem eines schlafenden Engels zu blankem Entsetzen verwandelte, stellte sich heraus, dass er andere Pläne hatte. Nicht nur hatte er seine Berliner Freundin mit Clara betrogen, er wollte die Beziehung auch um jeden Preis aufrechterhalten. Nach einem Espresso verabschiedete er sich schnell, aber nicht ohne ihr das Versprechen abzunehmen, dass sie die Ereignisse der letzten Nacht für sich behielt. Natürlich ging die Beziehung bald darauf in die Brüche. Zumindest laut Facebook. Das war nun aber auch schon mindestens zwei Jahre her. In der Zwischenzeit hatte sie ab und an von ihm gehört, ihn aber nie gesehen. Was er im Moment trieb, wusste sie nicht genau. Aber da ließ sich Abhilfe schaffen. Sie schaltete Lukas’ Laptop ein, der zwischen verkümmerten Topfpflanzen auf der Fensterbank stand, und schenkte sich noch mal Kaffee nach. Von Lukas mit Extra war noch nichts zu sehen und zu hören. In ihrem Müsli rührend, wartete sie, bis die alte Kiste hochgefahren und die Startseite von Facebook geladen war. Sie klickte weiter auf Tom Mys Seite. So ganz verstand sie den ganzen Terz um seinen Klarnamen nicht. Konsequenter wäre es, sich überhaupt nicht anzumelden. Laut Facebook war Tom in keiner neuen Beziehung und immer noch in Berlin. Auf seiner Timeline waren keine weiblichen Kommentare zu sehen, abgesehen von seiner Schwester. Clara öffnete das Nachrichtenfenster. Die letzte Nachricht von Tom beendete eine Flut von Geplänkel und lautete: „Sag unbedingt Bescheid, wenn du mal in Berlin bist.“ Ohne zu überlegen, fing sie an zu tippen. Als sie gerade auf Senden gedrückt hatte, hörte sie flüsternde Stimmen im Gang. Nach einem Moment Stille hörte sie Lukas’ Stimme: „Komm gut heim. Ich ruf dich an.“ Dann fiel die Haustür ins Schloss. Die schlurfenden Schritte eines Riesen näherten sich langsam der Küche. Ihr kleiner Bruder, der sich, gerade nur in Boxershorts bekleidet, im Türrahmen zeigte, war gefühlt fast doppelt so groß wie sie. Noch bevor Lukas Guten Morgen sagen konnte, warf sie ihm ein „Nächstes Wochenende schon was vor, Bruderherz? Lust auf einen Kurztrip nach Berlin?“ entgegen. Als Lukas brummend zustimmte, war sie fast so aufgeregt wie vor ihrem ersten Schultag. Der Versuch, ihr Herz neu zu konfigurieren, konnte beginnen. Sie genoss das angenehme Kribbeln in ihrer Magengegend, das Abenteuer versprach, und als Lukas eine Tasse Kaffee in der Hand hatte, besprachen sie schon die Details fürs nächste Wochenende.

Mit Kartoffelsalat unter dem Arm standen Lukas und Clara bei ihrem Vater vor der Tür, obwohl sie beide Schlüssel hatten. Lukas hatte die Haustür aufgesperrt, aber sie wollten nicht reinplatzen, jetzt, wo noch jemand bei ihm lebte. Das Loft ihres Vaters glich der exzentrischen Junggesellenbude eines alternden Casanovas mit einladender Dachterrasse. Trotz zweimaligem Läuten hatte sich bisher noch nichts getan. „Meinst du, wir sollen uns doch selbst reinlassen?

Vielleicht haben sie vergessen, Fleisch zu kaufen und sind nur kurz unterwegs.“ Lukas zuckte mit den Schultern, während er auf seinem Handy herumtippte. Seit die unbekannte Schönheit am Morgen ihre Wohnung verlassen hatte, stand Lukas in dauerndem SMS-Kontakt. Clara kramte nach ihrem Schlüssel und sperrte auf. Als die offene Tür den Blick auf das Bett ihres Vaters freigab, bereute sie ihre Entscheidung augenblicklich. Geknebelt und nackt ans Bett gefesselt hatte sie ihren Vater auch noch nie gesehen. Sie war nicht gerade dankbar über das Bild, das sich eben in ihrem Gedächtnis einbrannte. Neben dem Bett stand eine ebenfalls nackte Blondine, die sie allerdings nur von hinten sah. Blondi drehte sich um. Entschuldigungen stammelnd, versuchte Clara Lukas hinauszuschieben, der wie eingefroren im Türrahmen stand. Clara zog die Tür hinter sich zu. Lukas setzte sich im Hausgang auf eine Treppenstufe. Als sie einen entgeisterten Blick wechselten, musste Clara losprusten. Auch Lukas fing an zu lachen. Fünf Minuten darauf öffnete ihr Vater ihnen die Tür. Mittlerweile hatte er glücklicherweise Kleider am Leib. Als sie zum zweiten Mal eintraten, stand Blondi ebenfalls angezogen auf dem Balkon und heizte den Grill an. Sie war etwa im Alter ihres Vaters, und obwohl sie in Kleidung völlig normal, sogar fast langweilig erschien, konnte Clara ihren nackten Anblick nicht aus dem Gedächtnis verbannen.

„Ähm, ja, Konstanze hat die Klingel nicht gehört, und ich, ähm, konnte nicht.“ Clara versuchte an die Katzen ihrer Mutter zu denken, nur um nicht wieder loszuglucksen. Der Rest des Essens verlief eher angespannt. Lukas hatte es die Sprache verschlagen, und so fragte Clara Konstanze aus, was diese so machte, wenn sie nicht gerade ihren Vater züchtigte. Obwohl sich sämtliche Beteiligten den ganzen Abend überaus bemühten, überlagerte Peinlichkeit wie ein störender Geruch den Duft von gegrilltem Fleisch.

So hatte sich Clara ihre Berlinreise eigentlich nicht vorgestellt. Zuerst hatte Michi ihr wegen eines Volleyball-Spieltages abgesagt und sie darauf verwiesen, dass sie beide die Feierei in zwei Wochen in London nachholen würden. Der Kurztrip war schon seit Ewigkeiten geplant und deshalb ließ sich Clara auch relativ leicht beschwichtigen. Dafür war Lukas Feuer und Flamme für die Stiletto-Braut vom letzten Wochenende, die sie nun auch im Schlepptau hatten. Claras Neugierde war schnell einem unterschwelligen Genervtsein gewichen, als sie Janine kennengelernt hatte. Sie war der Prototyp einer Münchner Vorstadtprinzessin und hätte schamlos Schal und rosa Polohemdchen mit aufgestelltem Kragen gerockt, wäre es nicht so unsagbar heiß gewesen. Zuerst hatte sie mit ihrem Riesentrolley den ganzen Kofferraum der Mitfahrgelegenheit ausgefüllt, und jetzt thronte sie auf dem Beifahrersitz, weil ihr sonst schlecht wurde, während Clara auf dem Rücksitz zwischen dem breiten Kreuz ihres Bruders und einem bärtigen Pummelchen, der überraschende Ähnlichkeit mit dem einen Hauptdarsteller aus den Hangover-Filmen aufwies, eingequetscht saß. Außer Schweiß schien heute auch wirklich gar nichts zu laufen. Aus Frankfurt hatte sie noch immer keine Nachricht und den Personaler auch nicht mehr erreicht, bevor sie vorhin im Büro Schluss gemacht hatte. Clara versuchte die Fahrt in dem alten Golf ohne Klimaanlage so angenehm wie möglich zu gestalten und alle in ein bisschen Small Talk zu verwickeln. Lukas war aber in kürzester Zeit neben ihr weggeschnarcht, und auch Janine schien an Konversation wenig Interesse zu haben. Immerhin der Vollbart und ihr langhaariger Fahrer beantworteten freundlich ihre Fragen. Die beiden waren zu einer Star Wars Convention unterwegs und hatten dieses Jahr im Gegensatz zu den letzten beschlossen, keine aufwendigen Kostüme, sondern einfach nur irgendwelche limitierten Fan-Shirts zu tragen. Clara versuchte den Vollbart fleißig zu ermuntern, da er nicht sonderlich viel Ahnung im direkten Kontakt mit dem anderen Geschlecht zu haben schien. Trotzdem rang er sich doch eine direkt an sie gerichtete Frage ab: „Und was treibt dich nach Berlin?“ Mit einem Kopfnicken in Lukas’ Richtung fuhr er fort: „Er meinte, dass wir dich nicht im gleichen Hotel wie die beiden rauslassen sollen.“ „Nein, ich glaube, das hast du was falsch verstanden. Wir schlafen alle bei einem guten Freund von uns.“ Noch während sie sprach, konnte sie hören, wie Lukas aufgehört hatte zu schnarchen und sich ein wenig versteifte. „Oder, Lukas? Wie ist noch mal die Adresse von Schmitti? Ihr habt die doch vorhin ins Navi eingegeben.“ Lukas schien sich betont Zeit zu lassen, aus seinem Nickerchen wieder lebendig zu werden. Clara lächelte den Vollbart entschuldigend an und gab Lukas einen Ellenbogenhieb.

„Ihr schlaft doch auch bei Schmitti, oder?“ Schmitti war seit Kindertagen Lukas’ bester Freund, der seit ein paar Jahren in Berlin Politikwissenschaften studierte. Das dicke Bankkonto seiner Eltern hatte ihm eine schmucke Wohnung am Prenzlauer Berg beschert, in der die Tür auch für Clara immer offen stand. Er war wie Familie, und ganz im Gegensatz zu Schmittis Eltern, die fest davon ausgingen, dass ihr Söhnchen die Zeit damit verbrachte, Kontakte in den Bundestag zu knüpfen, wusste sie auch über sein wahres Tun und Lassen bestens Bescheid. Kontakte hatte er bis dato vor allem in die Elektro-Szene geknüpft. Schmitti hatte sich nicht nur in Berlin als DJ einen Namen gemacht, sondern mischte auch sonst ein wenig die Szene auf. Am Samstag standen sie alle zur „Party des Jahres“ auf der Gästeliste. Für Schmitti war jedoch jede Party, für die er bezahlt wurde, ein Riesenhit. Lukas, jetzt wiedererwacht, fuhr sich durch seine zerzausten blonden Haare. Die Geste sprach Bände. Seit jeher war dies das Zeichen, das Lukas etwas ausgefressen hatte.

„Sag mal, schlaft ihr woanders? Wieso weiß ich davon nichts?“ Während Lukas vor sich hin stammelte, sah Janine aus dem Fenster und ordnete ihre Ponyfransen, wie wenn sie mit dem gesamten Geschehen in diesem Golf auf der Autobahn in der Nähe von Nürnberg nicht das Geringste zu tun hätte. Als klar wurde, dass mit Lukas eher nicht in Sachen Erklärung zu rechnen war, fasste sie sich ein Herz. „Ich habe vorgestern im Internet gestöbert und einen Superdeal in einem Romantikhotel ein bisschen außerhalb gefunden, der wie für uns gemacht war. Da haben wir gleich zugeschlagen, weil ich doch ein bisschen Skrupel hatte, bei einem völlig Fremden zu übernachten.“

Clara klappte ihren Unterkiefer wieder nach oben, der ihr während Janines Erklärung heruntergefallen war. Sie atmete scharf ein, schaute kurz aus dem Fenster. Zurück an Janine gewendet, presste sie ein „Na ja, letzte Woche hat dich das doch auch nicht gestört“ hervor. Wieso hatte ihr praktisch veranlagter Chef ihr nur einen Kundentermin am Montag eingetragen? Am liebsten wäre sie sofort aus dem Auto gestiegen und hätte einen Zug zurück nach Hause genommen. Das Beste, was ihr im Moment einfiel, war Tom, den ihr Bruder abgrundtief hasste. Lukas war fest davon überzeugt, dass sie etwas Besseres verdient hatte, und dass er alle Probleme, die sie mit Tom hatte, durch ihre gemeinsame Wohnung hautnah miterleben durfte, hatte die Sache nicht besser gemacht. Er war sogar einmal auf einer Party auf Tom losgegangen, als der mit einer anderen dort aufgetaucht war und Clara den Abend versaut hatte, auf den sie sich die gesamte Woche gefreut hatte. Auch musste er irgendetwas zu Lukas gesagt haben, was dieser aber bis heute nicht wiedergeben wollte. Tom war seitdem ein rotes Tuch für ihren sonst so stillen kleinen Bruder.

„Wenn ihr nicht bei Schmitti pennt, übernachte ich bei Tom.“ Der entgeisterte Blick ihres Bruders war die etwas demütigende Mühe einer SOS-SMS allemal wert. Janine hatte sich dem offenen Fenster zugewandt und auch Lukas hatte sich leicht angepisst, aber vor allem machtlos von ihr weggedreht. Clara beschäftigte sich damit, ihre SMS zu designen, um witzig und nicht verzweifelt zu erscheinen. So fiel keinem auf, wie leid es dem Vollbart tat, diesen Schlamassel angezettelt zu haben. Er schwor sich, von nun an endgültig Abstand vom weiblichen Geschlecht zu nehmen, auch wenn es in Form eines erst so freundlichen, blonden Mädchens in Erscheinung trat.

Claras SMS und Lukas’ Ärger blieben unbeantwortet. Typisch für Tom, der wusste, dass sie dieses Wochenende da war, sich aber mit Ignoranz spielend leicht aus der Affäre gezogen hatte. Sie konnte ihn nie wirklich einschätzen. Ihre Facebook-Nachricht hatte er innerhalb einer halben Stunde beantwortet. Er freue sich, sie am Wochenende zu sehen, und sie solle ihm unbedingt Bescheid sagen, sobald sie in Berlin war. Die ganze Woche war sie auf Wolke sieben geschwebt und hatte sich ausgemalt, wie ihre Begegnung wohl aussehen würde. Jetzt war zumindest klar, dass sie nicht schon heute stattfinden würde und dass er sie wohl sehen, aber nicht bei sich übernachten lassen wollte. Sie fühlte sich, als wäre ihr die Luft ausgegangen, als sie ihre Niederlage noch im Auto eingestehen musste und bei Schmitti rausgelassen wurde. Angesichts der Schweißflecken auf ihrer Bluse war sie dann aber doch gar nicht so unfroh, in Schmittis kühlem Hausaufgang zu stehen. Mal wieder ein Beispiel, das ihr doch eigentlich zeigen sollte, wie logisch es ist, die immer noch gespeicherten Tom-Prozente auszulöschen.

Als Schmitti die Haustür öffnete, konnte sie sich vorstellen, wie sie vor circa drei Stunden im Auto dreingeschaut haben musste.

„Hi Clara. Sehr witzig. Hat Luke sich im Treppenhaus versteckt?“ Schmittis eher kurz gewachsene Gestalt blieb in der Bewegung auf dem Weg ins Treppenhaus stehen, um einen besseren Blick um die Kurve zu ergattern.

„Hi Großer. Lass dich drücken. Und dann erzähl ich dir, was ich auch gerade erst auf der Fahrt hierher erfahren habe.“ Clara beschrieb die Leidensgeschichte ihrer Autofahrt und ihre Abneigung gegen Janine so ausführlich, dass sie fast nicht mitbekommen hatte, wie sie auf den Balkon geführt und mit einem Glas Wein ausgestattet wurde. Der erste kühle Schluck war Balsam und sie war froh, die Autofahrt hinter sich zu lassen. Schmitti kam mit einem Riesenberg Take-aways aus der Küche zurück.

„Luke hatte mir geschrieben, dass er eine Überraschung mitbringt. Aber ich dachte eher an Michi. Deshalb war ich auch beim Vietnamesen, auf den sie das letzte Mal so abgegangen ist.“ Schmitti war seit jeher in Michi verliebt. Aber nicht nur die Größendifferenz, sondern auch das Alter machte ihn nicht gerade zu Michis Beuteschema, und daran hatte auch sein Erfolg als DJ nichts geändert. Clara fand den Vietnamesen genauso gut. Zu zweit hatten sie trotzdem keine Chance, den Berg an Essen zu vernichten, der für Lukas eingeplant gewesen war.

„Umso besser, Frühstück und Mittagessen für morgen auch schon klargemacht“, meinte Schmitti, als sie sich total vollgefressen in ihren Balkonstühlen zurücklehnten. Schmitti tischte als Nachspeise Melone auf, er verriet jedoch nicht, wie lange die Stückchen schon in Wodka geruht hatten. Vom Wodka beflügelt, wurden ihre Gespräche ein bisschen lauter und lustiger. Als Schmitti von der Toilette zurückkam, hatte er ihr klingelndes Handy in der Hand. Clara griff so vorsichtig nach dem Smartphone, als hätte sie Angst, einen elektrischen Schlag zu bekommen, sobald sie es berührte.

„Ja, hallo? Ach, hi, Tom. Nein, hab ich gar nicht gelesen … Ach so, ja, hat sich erledigt … Nein, ich bin bei einem Freund … Ja, genau. Weiß noch nicht. Vielleicht, aber eher nicht … Erst morgen wahrscheinlich, ja, genau. Und du? … Okay, nein, das passt jetzt schon so. Danke trotzdem … Ah, okay. Sag einfach sonntags Bescheid. Bis dann.“ Etwas ungläubig starrte sie auf ihr Handy. Anrufen war eher untypisch. Sie schaute durch ihre SMS. Tatsächlich. Zwei von Tom, eine von Lukas, der sich entschuldigte und versicherte, morgen auf jeden Fall trotzdem dabei zu sein. Schmitti räusperte sich.

„Schreibst du mich jetzt auch noch ab, nachdem du den Booty Call bekommen hast? Schön, dass ich zumindest kurze Anlaufstelle war.“ Alle Versuche, Schmitti mit einem unschuldigen Lächeln abzuspeisen, fruchteten überhaupt nicht. Aufsässig wie eine Schmeißfliege kam er immer wieder auf das Thema Tom zurück. Dann eben von vorne und eine weit angelegte Erklärung von Speicherplatz und Prozentauslastung in Liebesdingen. Schmitti, erster männlicher Kandidat, dem sie die Theorie näherzubringen versuchte, fand das alles einen ziemlichen Schwachsinn.

„Und du glaubst, das mit dem Löschen geht so leicht? Haben die Männer auch irgendwas zu sagen? Was, wenn sie sich nicht auslöschen lassen wollen?“

„Also, mach mal halblang, Schmitti. Du klingst ja, als ob ich wie eine Rachegöttin frischverliebte Beziehungen zerstören würde. Dabei kennst du doch auch meine Tom-Vergangenheit, bei der man sich ganz sicher sein kann, dass ich ihn immer mehr geliebt habe, als er mich. Wenn das überhaupt jemals der Fall war. Ich brauche unbedingt frischen Wind.“

„Mag ja sein, Clara, aber ausgelöscht werden will er sicher nicht.“

„Und woher weißt du das?“

„Das weiß ich einfach. So von Mann zu Mann versteht man sich da.“ Mehr wollte er dazu nicht sagen und plötzlich tauchte das Thema Tom auch überhaupt nicht mehr in ihrer Unterhaltung auf. Schmitti erzählte von einer WG-Party, nach der er mit einer Pelzmütze bekleidet, dafür sonst splitternackt in einem fremden Bett aufgewacht war. Seine Kleider waren nie wieder aufgetaucht, dafür hatte die Mütze einen Ehrenplatz in der Küche bekommen.

Um halb eins stand Clara vor dem großen Spiegel im Bad.

Schmitti hatte sich gerade noch ins brütende Berliner Nachtleben verabschiedet, nicht ohne Clara zum Mitfeiern überreden zu wollen. Jetzt, wo er weg war, fühlte sie sich ein wenig einsam, und als sie sich in Gedanken bei Tom erwischte, bereute sie ihre Entscheidung fast. Was, wenn sie jetzt einfach loslief und vor seiner Haustür aufkreuzte? Er hatte sie vorhin am Telefon nochmals zu sich eingeladen. Und seine Adresse hatte er zuvor mit dem Angebot, sie von der U-Bahn abzuholen, in einer SMS geschickt. Prinzenstraße. Was für ein Klischee. Noch dazu stimmte es überhaupt nicht.

Trotzdem brannte es ihr unter den Fingernägeln, heute noch nach draußen zu gehen. Sie hatte ganz vergessen, was für eine Achterbahnfahrt der Gefühle es mit Tom immer war. Sie liebte die Bestätigung, die sie fühlte, wenn er ihr dann doch irgendwann antwortete. Normalerweise gab sie viel zu schnell nach und sie fühlte, dass ihr Körper sich nach einem Abenteuer sehnte und es schwer werden würde zu widerstehen, sollte sie noch ein bisschen Aufmunterung erhalten. Ihr Handy brummte. Ein Smiley von Tom. Eines mit rausgestreckter Zunge war ihr letzter Widerstand. Die Antwort ließ nicht lange warten.

„Willst du nicht doch noch kommen? Würde dich gern vor Sonntag schon sehen.“ Gedankenübertragung? Wohl eher nicht. Tom konnte ihre schwachen Momente förmlich riechen und meldete sich genau dann. Sie wurde wütend auf ihr Herz, das bis in den Hals hochpochte, während sie ihre Antwort abschickte. So leicht ließ sie sich dieses Mal nicht kriegen. Überlegen und stark wollte sie ihm am Sonntag beim unverfänglichen Abendessen gegenübertreten. Und vor allem gut aussehend. Momentan hinderten dicke Ringe unter ihren Augen den Rest des Gesichtes daran, nach irgendetwas auszusehen. Sie war blass, ihre Sommersprossen traten hervor. Unfähig sich das länger als nötig anzuschauen, knipste sie das Licht im Bad aus und trottete im Dunklen ins Büro/Musikzimmer, das zu ihrem Schlafgemach umfunktioniert worden war.