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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

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© 2013 jiffy stories im Residenz Verlag

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.
Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:

Umschlaggestaltung: Nanna Prieler

Lektorat: Patrick Hutsch

Das Hochzeitsprinzip

von Stefanie Ren

Inhalt

Folge 1:Not in love

Folge 2:Heimat

Folge 3:Mannheim

Folge 4:Zwei Sekunden

Folge 5:Das Sommerfest

Folge 6:26

Folge 7:Barcelona

Folge 8:Phantomschmerz

Folge 9:Der Junggesellinnenabschied

Folge 10:Zwei Enten

Über die Autorin

Folge 1: Not in love

JA, WIR HEIRATEN!

LIEBE Caro, ZUSAMMEN MIT DIR WOLLEN WIR DIESEN TAG FEIERN. ZUM
TRAUGOTTESDIENST MIT ANSCHLIESSENDEM SEKTEMPFANG, ESSEN UND PARTY
LADEN WIR DICH HERZLICH EIN
.

Hanna & Jakob

Als ich in seinem Bett aufwachte, war es noch früh am Morgen. Mir war ein wenig übel. Das Zimmer, in dem ich mich befand, war weiß und karg. Außer einem Schreibtisch, einem Kleiderschrank und dem Bett, in dem ich lag, gab es keine Möbel. Und trotzdem war der Raum unordentlich, staubig und dreckig. Klamotten, Bücher und DVDs lagen überall verteilt. Ein alter Fernseher stand auf dem Boden.

Neben mir lag Chris und schlief. Er sah unschuldig und friedlich aus. Ganz anders als noch wenige Stunden zuvor, als wir ungefähr den wildesten und härtesten Sex gehabt hatten, den ich bis dahin erlebt hatte. Ich will gar nicht weiter ins Detail gehen, denn wenn ich so darüber nachdenke, was ich ihn mit meinem Körper hab’ anstellen lassen, dann schäme ich mich ein wenig dafür. Ich schäme mich nicht wirklich für das, was ich getan habe. Ich schäme mich eher dafür, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich das auch so gewollt hatte oder ob ich es nur getan hatte, um ihm zu gefallen.

Chris studierte zwei Jahrgänge über mir an der Filmhochschule. Ich hatte mich in ihn verknallt, da war ich noch mit Philipp zusammen. Philipp war das Beste, was mir bis dahin passiert war. Er war ein lieber, netter Kerl, der mich aufrichtig geliebt hat. Obwohl ich manchmal echt launisch, neurotisch und anstrengend sein konnte, hatte mich Philipp am Ende vom Tag immer in den Arm genommen und gesagt, dass er mich gegen nichts in der Welt würde eintauschen wollen. Aber je öfter er mir das sagte, umso unsicherer wurde ich mir, ob ich das Gleiche über ihn hätte sagen können. The grass is always greener … und so.

Und dann wurde ich gefragt, ob ich nicht bei einem Filmprojekt von Chris von Henningsdorf, DEM Nachwuchsregisseur der Schule, aushelfen wollte. Damals hatte ich gerade erst mit meinem Studium begonnen, war kurz zuvor einundzwanzig geworden und noch ziemlich grün hinter den Ohren. Ich wollte jede Erfahrung mitnehmen. Chris kannte ich damals noch gar nicht.

Am Set, einem kleinen Hexenhäuschen mit wildem Garten, merkte ich dann schnell, dass ich Chris in seiner Rolle als Regisseur ziemlich attraktiv fand. Und er mich anscheinend auch. Ich schenkte seinen Annäherungsversuchen aber bewusst wenig Beachtung, vor allem wegen Philipp, klar.

Als der Dreh schon längst vorbei war, konnte ich noch zwei weiteren Annäherungsversuchen von seiner Seite widerstehen. Dann fragte er mich, ob wir zusammen „DVD schauen“ wollen. Und die ersten zehn Minuten der „Six Feet Under“-Folge glaubte ich auch noch, dass er wirklich nur DVD schauen wollte.

Ich hab’ dann – in einem langen und anstrengenden Prozess – mit Philipp Schluss gemacht.

Mit Chris füllte ich danach die durch Philipps Fehlen entstandene Lücke und merkte, dass ich mich in ihn verknallt hatte. Dumm von mir, denn schnell musste ich feststellen, dass Chris einfach mit jeder an der Filmhochschule, die irgendwie hübsch und dunkelhaarig war, ins Bett hüpfte. Am Set hatte er mich wahrscheinlich nur ausgesucht, weil er die anderen schon alle im Bett hatte. Oder weil ich am leichtesten rumzukriegen schien. Keine Ahnung.

Als ich jetzt so neben ihm lag, fragte ich mich, ob ich eigentlich immer noch verknallt in ihn war. Ich war mir unsicher. Die Schmetterlinge waren noch da. Und toll fand ich ihn auch. Irgendwie faszinierend. Trotzdem wusste ich es nicht. Ich betrachtete ihn eingehend. Er hatte wuscheliges dunkles Haar und einen Drei-Wochen-Bart. Er roch verdammt gut, wie immer. Ich glaube nach Hugo Boss. Okay, ich weiß, dass es Hugo Boss war. Ich hatte einmal in seinem Badschränkchen nachgesehen, nur um mir seitdem in jedem verdammten Drogeriemarkt etwas davon auf den Jackenärmel zu sprühen.

Außerdem hatte er eine unfassbar angenehm männliche Stimme. Seine braunen Augen standen vielleicht etwas seltsam weit auseinander. Manchmal erinnerte er mich deswegen an einen Hai, was mich immer so ein bisschen gestört hat. Ich hab’ nämlich wahnsinnige Panik vor dem Meer und noch mehr Panik vor dessen Bewohnern. Seit Jahren habe ich wieder und wieder denselben Albtraum. In diesem Albtraum sitze ich in einem Boot auf dem Meer. Dann, plötzlich, falle ich ins Wasser, ertrinke. Um mich herum Stille, endlose Dunkelheit. Und dann ein riesiger Wal, der mit der Schwanzflosse schlägt und auf mich zugeschwommen kommt.

Dann wache ich auf.

Todesangst.

Chris und ich kannten uns nun schon seit etwa vier Jahren, hatten uns unzählige versaute WhatsApp-Nachrichten geschrieben und waren in der Zeit mindestens zwanzig Mal miteinander im Bett gelandet. Und trotzdem hatten wir noch kein einziges vernünftiges Gespräch geführt. Seltsam, ich weiß, aber obwohl ich seine Tattoos und seine sexuellen Vorlieben mittlerweile auswendig kannte, wusste ich nichts über diesen Typen. Was er sich zum Beispiel dachte, wenn er wahllos mit Mädels wie mir Sex hatte, gerne auch ohne Kondom. Ich hörte auch immer mal wieder, dass er eigentlich eine Freundin in Berlin hatte, wo er her kam. Ich fragte mich, ob der Sex mit mir und den anderen Frauen nur zur Überbrückung seiner Langeweile diente. Oder ob er es tat, um sein Selbstbewusstsein zu steigern, wie es bei mir selbst öfters mal der Fall war. Oder ob es einfach nur der pure Jagdinstinkt war. Ich hätte ihn das natürlich alles fragen können, aber ich glaube, ich hatte Angst davor, ihn zu verschrecken.

Einmal habe ich eine Bettbekanntschaft gefragt, ob es okay wäre, wenn wir uns nicht heute, sondern erst am nächsten Tag treffen würden. Der Typ hat mir gesagt, dass ihm solche Absprachen echt zu anstrengend wären, und hat sich danach nie mehr bei mir gemeldet.

Da bin ich vorsichtig geworden.

Irgendwie war ich noch mal neben Chris eingeschlafen, denn als ich zum zweiten Mal aufwachte, war es bereits kurz nach zehn. Für mich persönlich immer noch viel zu früh. Für die anstehende Hochzeit, zu der ich eingeladen war, aber eigentlich schon zu spät.

Ich stand leise auf, da ich Chris nicht wecken wollte.

Als ich fast fertig angezogen war, merkte ich, dass meine Mütze verschwunden war. Die Mütze war rot, mit Bommeln und Rentieren drauf, und eigentlich nicht zu übersehen. Ich hatte sie zusammen mit meinen Eltern in Stockholm gekauft. Die war schon so alt und abgeranzt, dass ich sie eigentlich nicht mehr tragen mochte. Außerdem sah sie aus wie für Kinder. Aber ich habe auch nie mehr eine Mütze gefunden, die mir so gut gefallen hat wie diese, daher habe ich mir auch nie mehr eine neue gekauft. Ich versuchte mir in der Unordnung einen Überblick zu verschaffen, aber es war sinnlos.

Schließlich nahm ich meine Tasche und ging. Ohne Mütze.

Als ich endlich an der Kirche ankam, war die Zeremonie schon vorbei. Ich war nicht unbedingt traurig drum. Kirchen machen mir Angst, und während eines Gottesdienstes muss ich mich immer zusammenreißen, dass ich nicht einschlafe oder laut loslache. Ich weiß nicht, was das ist. In meinem Heimatdorf waren alle sehr religiös und ab und an habe ich meine Mutter in die Kirche begleitet. Aber ich konnte dem noch nie etwas abgewinnen. Trotzdem habe ich als Kind jahrelang gebetet, weil ich es eben nicht anders kannte. Einmal ist mein Hund weggelaufen. Da hab’ ich so viel gebetet wie noch nie in meinem Leben zuvor. Ich habe dem lieben Gott so ziemlich alles versprochen, was man ihm als kleines Mädchen so versprechen kann. Ab jetzt wirklich echt an ihn zu glauben für immer, das Tagebuch der großen Schwester nicht mehr zu lesen, aufhören, schlecht über die eigenen Eltern zu denken, bei Klassenarbeiten nicht mehr abzuschreiben, sich nicht mehr zu wünschen, dass die Frau des Klassenlehrers tot ist, damit man ihn für sich haben kann.

Eingehalten hab’ ich das dann ungefähr bis fünf Minuten nachdem mein Hund wieder aufgetaucht war. Vielleicht ist Gott deswegen sauer auf mich. Ich gehe aber davon aus, dass es ihm ziemlich scheißegal ist.

Hanna, die Braut, trug ein weißes Hochzeitskleid mit Schleppe und einem rosa Felljäckchen drüber. Warum heiratet man im März? Es war schweinekalt. Ihren Freund, Pardon, Mann, kannte ich eher flüchtig, aber er schien nett zu sein. Schließlich waren die beiden schon seit zehn Jahren zusammen. Zehn Jahre! Chris und ich kannten uns jetzt auch schon fast halb so lang. Mann, ich musste wirklich aufhören, an diesen Typen zu denken als wäre er mein Freund.

“Caro!!! Hey!” Miri riss mich aus meinen Gedanken. Sie umarmte mich stürmisch. Miri war Hannas Schwester und meine beste Freundin. Wir kannten uns seit dem Kindergarten, hatten uns nun aber schon seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gesehen. Dann standen auch Anne und Lulu plötzlich da, die anderen zwei im Bunde.

Man hat uns vier lange nicht trennen können, komme was wolle. Wir waren immer zusammen unterwegs, haben zu viert in einem Bett geschlafen, die Lehrer in den Wahnsinn getrieben, Mist gebaut, Spaß gehabt, Zeit verbracht. Wenn ich an die schönsten Momente meines Lebens denke, dann ist eigentlich immer mindestens eines ihrer Gesichter dabei. Silvester zum Beispiel, als wir achtzehn waren. Lulu und ich hatten bei einer Bekannten gefeiert, obwohl wir sie eigentlich gar nicht so gerne mochten. An Mitternacht, als alle anderen draußen an der Straße standen, Raketen in den Himmel schossen und sich ein frohes Neues wünschten, lagen Lulu und ich unter dem Küchentisch und kriegten uns nicht mehr ein vor Lachen. Ich weiß nicht mehr, worüber wir gelacht haben. Aber das war mein bestes Silvester.

Der Sektempfang fand draußen vor der Kirche statt. Hätte ich das gewusst, hätte ich länger nach meiner Mütze gesucht. Jetzt hätte ich sie dringend gebraucht. Ich gratulierte dem Brautpaar.

“Wie geht’s dir denn?”, fragte ich Hanna.

“Och, ganz gut eigentlich. Ich dachte ja, ich wär’ total aufgeregt. Aber alles gut.” Sie lachte. “Ich hab’ nur keine Lust auf die Rede nachher. Vielleicht kann das ja doch Jakob machen?” Sie drehte sich zu ihrem frisch Angetrauten, aber der war in ein Gespräch vertieft und hörte gar nicht zu. Dann kam eine Cousine oder Nichte oder Tante oder was auch immer und verwickelte Hanna in ein Gespräch über Locken und Dauerwellen. Nicht. Mein. Thema. Ich entschuldigte mich und ging zu Anne. Die hielt mir ein Sektglas hin. Mir wurde wieder übel. Ich schüttelte den Kopf und nahm mir ein Glas O-Saft. Anne musterte mich.

“Was ist denn los?”

“Zu viel gefeiert gestern. Erst mal Vitamine”, sagte ich. Anne nickte.

“Und was macht dein Typ? Wie heißt er noch mal?”

Nie konnte sie sich an seinen Namen erinnern. Miri kam dazu und sprang für mich ein.

“Chris.”

“Und? Seid ihr jetzt endlich mal zusammen?”, fragte Anne.

Ich zuckte mit den Schultern. Ich hatte keine Lust, über Chris zu reden. Zumindest nicht mit Anne.

Ich mochte Anne. Daran lag es nicht. Anne war nur immer die Hübscheste von uns. Anne war nur immer die Klügste von uns. Anne war nur immer die, der alles in den Schoß fiel. Vom 1er-Abi über die makellose Haut, den sportlichen Körper bis hin zum perfekten Freund.

Die Sache mit Chris würde sie nicht verstehen.

Ich lenkte vom Thema ab.

“Wo ist denn Lulu hin?”

Die anderen beiden zuckten mit den Schultern. Wir blickten uns um.

“Ist Naomi denn auch mit dabei?”, wollte Anne wissen.

Naomi war Lulus kleine Tochter. Lulu, antiautoritär von ihren Hippie-Eltern erzogen, hatte mit achtzehn keinen Bock mehr auf Schule, keinen Bock mehr auf Kuhkaff gehabt und war nach Hamburg gegangen, um Sängerin zu werden. Lulu und ich waren in unserer Jugend sehr eng gewesen. Aber dann war sie gegangen und alles hatte sich verändert. Mittlerweile hatte sie sich von einem verheirateten dunkelhäutigen Musicaldarsteller, Moses, ein Kind machen lassen. Sie lebte mit ihrer Tochter in einer winzigen Wohnung mit kaputter Heizung und hoffte darauf, dass Moses endlich seine Frau verlassen würde. Die Gesangsausbildung hatte Lulu abgebrochen. Sie nannte es „pausieren“.

“Nach wem haltet ihr denn Ausschau?” Lulu stand hinter uns. Wir lachten.

“Na, nach dir.”

“Naomi ist nicht mit dabei?” Ich hatte die Kleine schon eine Weile nicht mehr gesehen. Irgendwie machte ich mir Sorgen um ihre Entwicklung. Sie war schon fast drei, sprach aber immer noch kein Wort.

Lulu schüttelte den Kopf.

“Ne, die is’ heut’ bei der Oma geblieben. Dann hab’ ich auch mal wieder ein bisschen Zeit für mich. Ist grade etwas anstrengend alles …”

Ich nickte, obwohl ich nicht genau wusste, was sie meinte. Wir hatten schon eine Weile nicht mehr gequatscht.

Miri und Anne hatten sich derweil unter die Leute gemischt. Ich kannte kaum eines der Gesichter und war froh, dass es Lulu ähnlich ging und sie bei mir blieb.

Annes Vater, Herr Dräger, kam zu uns. Herr Dräger war gerade in Frührente gegangen und besuchte Malkurse, um seiner Langeweile entgegenzusteuern. Auf der Feier wirkte er ähnlich verloren wie wir. Seine Frau war eine alte Klatschtante und hatte sich schon längst irgendwo festgequatscht. Herr Dräger gab uns die Hand. Nach fast zwanzig Jahren, die wir ihn kannten, war er immer noch sehr förmlich mit uns. Wir siezten ihn sogar.

“Hallo, Herr Dräger”, sagte ich.

“Na, Lulu. Na, Caro. Was macht das Leben in der Künstlerszene?”, fragte er.

Er sah dabei nur mich an, obwohl es ja genauso gut auch an Lulu adressiert hätte sein können. Aber irgendwie nahm sie kaum einer mehr ernst mit ihren Gesangsambitionen. Ich kannte diese Fragen aber auch schon zur Genüge. Um diese Gespräche kam ich einfach nie herum, wenn ich jemanden aus meinem Heimatdorf traf. Gleich würde er noch fragen, wann man denn meinen ersten Film im Kino sehen könne.

Ich zuckte mit den Schultern.

“Ist spannend. Macht Spaß.”

Er nickte.

“Und wann kommt dein erster Film ins Kino?”

Ich wusste es. Ich zuckte wieder mit den Schultern. Ich hatte keine Ahnung, wann „mein erster Film“ im Kino kommen würde. Ich würde überhaupt von Glück reden können, wenn ich irgendwann irgendwie mit Schreiben mein Geld verdienen würde und nicht weiter mit den miesen Hostess-Jobs, die ich machen musste, seit ich kein BAföG mehr bekam, weil ich die Regelstudienzeit überschritten hatte.

Ich trank in einem Zug meinen O-Saft aus. Mir war schlecht.

“Ich geh mir mal noch was zu trinken holen. Will sonst noch wer?” Lulu und Herr Dräger schüttelten den Kopf.

Ich ließ die beiden allein und suchte nach Miri.

Ich fand sie schließlich am Häppchen-Tisch. Guter Tisch. Ich nahm mir ein Mini-Croissant und biss davon ab. Mir fiel jetzt erst auf, dass ich heute noch gar nichts gegessen hatte.

“Anne hat mir grad was erzählt”, sagte Miri.

“Was denn?”

“Ich darf es eigentlich noch gar nicht sagen.”

“Okay …?”

Ich wusste, dass sie es mir sowieso gleich erzählen würde.

“Sie und Felix haben sich verlobt.”

Ich sah sie überrascht an. Felix war seit gut einem Jahr der Mann an Annes Seite. Er war mindestens genauso gut aussehend, intelligent und vom Glück gesegnet wie Anne.

“Ich dachte, sie will nicht heiraten? Niemals nie. Das hat sie doch immer gesagt.”

Miri nickte.

“Ich weiß. Das ist ja auch das, was mich so ankotzt. Und das, nachdem die ein Jahr zusammen sind. Ein Jahr! Außerdem ist das die Hochzeit von meiner Schwester und sie stellt sich mal wieder in den Mittelpunkt. Das ist so typisch.”

Sie nahm einen kräftigen Schluck Sekt.

“Hat’s deine Schwester denn mitbekommen?”

“Ne. Die sind grad Fotos machen. Trotzdem. Ich find’, das macht man einfach nicht. Dann wartet man halt noch einen Tag, bevor man das erzählt. Echt ey.”

Ich war voll auf Miris Seite.

“Und, hat sie gesagt, woher der plötzliche Sinneswandel kommt?”

Miri zuckte mit den Schultern.

“Kein Plan. Er hat sie halt gefragt. Und sie meinte, er ist der Richtige. Also, warum nicht.”

“Aha.”

Ich wusste nicht, ob ich „Ja“ sagen würde, wenn mich jemand fragen würde, selbst wenn es „der Richtige“ wäre. Ich hielt nicht besonders viel vom Heiraten. Ich verstand den Zweck dahinter nicht. Man war doch eh schon zusammen. Das wussten doch auch alle. Warum war Heiraten dann immer noch so ein großer Schritt, wie alle sagten? Es änderte sich doch nichts. Außer, dass man vielleicht glaubt, sich sicherer fühlen zu dürfen. Aber das war doch Banane. Ob man sich liebt oder nicht oder irgendwann dann doch in fremde Betten hüpft, da kann auch ein Ring nichts für oder gegen tun. Und wenn ich meinen Namen ändern wollte - was ich nicht tat -, dann gab es dafür bestimmt auch andere Wege.

“Anne meinte dann auch, dass es halt steuerliche Vorteile hat.”

“Aha”, sagte ich wieder.

Das mit den Steuern ist doch nun wirklich lächerlich. Erstens: Was ist das für ein Grund? Und zweitens: Genau, lasst uns alle Menschen, die heiraten wollen, begünstigen, und alle, die niemanden finden, benachteiligen. Geil.

Ne. Ich halte einfach nichts vom Heiraten. Und wer mir was vom starken Band der Ehe erzählen will, der soll sich mal meine Eltern anschauen. Die sind seit dreißig Jahren verheiratet. Das Beste wäre gewesen, sie hätten sich nach drei Jahren wieder getrennt. Aber „das starke Band der Ehe“ hat sie zusammengehalten. Na wunderbar. Vielen Dank auch.

“Weißt du”, sagte Miri. “Ich würde so gern heiraten.” Ich nickte. Miri war die Altmodischste von uns. Mit Abstand. Heiraten, Kinder kriegen, Häusle bauen, Familienwagen. Der schwäbische Traum war auch ihr Traum. Das einzige Problem daran war, dass Miri noch nie einen Freund hatte. Nienienie. Und sie war immer noch Jungfrau. Es ist nicht so, dass sie nicht gut aussah oder so. Das Problem war nur, dass sie immer höhere Ansprüche an Mr. Right stellte, je älter sie wurde. Und einfach mal ausprobieren? Da war sie nun mal – im Gegensatz zu mir – nicht wirklich der Typ für. Miri tat immer sehr cool, was das Thema anging. Aber ich wusste, dass sie das eigentlich alles ziemlich verletzte.

“Und dann kommt Anne daher. Am Hochzeitstag meiner Schwester. Und sagt, dass sie heiraten wird. Aus steuerlichen Vorteilen.” Miri schüttelte den Kopf.

“Man möchte brechen”, sagten wir beide gleichzeitig. Eines unserer Lieblingszitate von Snape. Wir grinsten uns an.

“Was trinkst’n da die ganze Zeit O-Saft?”, fragte sie mich etwas beleidigt. Ich verstand schon. Eine gute Freundin sollte in diesem Moment solidarisch sein und mittrinken. Eine gute Freundin wäre aber auch pünktlich gewesen und hätte nicht die Nacht vor der Hochzeit schon einen draufgemacht. Ich schluckte das schlechte Gewissen und meine Übelkeit hinunter und schüttete den sprudelnden Alkohol hinterher.

In dem Moment kamen Hanna und Jakob von ihrer Fotosession wieder. Das bedeutete endlich raus aus der Kälte und essen.

Das Restaurant war gutbürgerlich, mit viel dunklem Holz und Wimpeln an der Wand. Von außen betrachtet sahen wir alle viel zu overdressed aus für diesen Laden. Ich war aber froh, dass das Ganze nicht so schnieke war wie befürchtet. Ich muss dazu sagen, dass das meine erste Hochzeit war. Überhaupt. Ever. Hatte sich vorher irgendwie nie ergeben. Dafür war ich schon auf zwei Beerdigungen gewesen. Auf die hätt’ ich aber auch gut und gerne verzichten können.

Ich saß an einem Tisch mit Lulu, Miri, Anne und Felix, der mittlerweile ebenfalls dazugestoßen war. Die beiden zusammen sind immer ein Graus. Gar nicht, weil sie sich irgendwie ständig befummeln würden oder so. Sondern weil sie es eben nicht machten bzw. nur in den perfekten Dosen. Perfekt aussehen, perfekt antworten, die perfekten Jobs haben. Alles perfekt.

Miri und ich tauschten Blicke.

Dann stand Hanna auf und erhob ihr Glas.

“Ich freu‘ mich so, dass ihr alle gekommen seid. Das bedeutet mir und Jakob sehr viel. Vielen, vielen Dank! Auf euch!”

Alle erhoben ebenfalls ihr Glas und prosteten dem Brautpaar zu. Mein Sektglas war schon leer. Ich wusste gar nicht, wann ich das getrunken hatte. Miri goss mir nach.

Ich glaube, ich war schon betrunken, als das Essen kam.

Irgendwann tanzten die Leute. Miri war mir schon länger abhandengekommen. Mit der Großtante quatschen, sich vom Großonkel betätscheln lassen etc. Lulu war mal wieder verschwunden, aber das ist normal bei ihr. Wahrscheinlich war sie nachdenken oder ihre Energien sammeln oder so was. Und Anne und Felix tanzten. Ich saß also alleine am Tisch, nippte an meinem leeren Sektglas und starrte auf mein iPhone, immer in der Hoffnung, dass Chris vielleicht schreiben würde: „Ich komm’ dich abholen. Lass uns zusammensein. Ab jetzt gibt es nur noch dich und mich.“ Ich hätte mich wahrscheinlich auch mit dem üblichen “Ich muss deine Muschi sehen“ zufriedengegeben. Irgendwie hatte ich gerade das dringende Bedürfnis nach Aufmerksamkeit. Es tat sich aber nichts.

Stattdessen kam der Bräutigam an meinen Tisch. Er hatte einen Typen im Schlepptau. Ich merkte, dass ich nicht mehr ganz gerade gucken konnte, und versuchte mich darauf zu konzentrieren, dass die beiden das nicht merkten.

“Also David. Das ist Caro.”

Er sagte das, als hätte er schon viel von mir erzählt. Dabei wusste ich gar nicht, was das sein sollte. Von Jakob wusste ich ja schließlich auch nur, dass er der Freund, Pardon, Mann, von Hanna war.

“Caro, das ist David. David studiert Fotografie und war so nett, heute Abend unsere Fotos zu machen.”

Ich nickte eifrig. Allerdings schwankte der Raum durch das Nicken mehr als davor. Also hörte ich wieder damit auf.

“Und Caro studiert Drehbuch an der Filmhochschule. Na wenn das mal nicht genug Gemeinsamkeiten sind!”

Genug Gemeinsamkeiten, wofür? War es wirklich schon so weit, dass ich die einzige Single-Dame auf einer Hochzeit war und mit dem Fotografen verkuppelt werden musste? Wo war Miri? Ah ja. Die stand immer noch bei Onkel Rolf, der gerade seine Hand auf Miris Hintern legen wollte. Tante Betty schlug sie ihm weg.

Dann saß David aber auch schon neben mir. Ich betrachtete ihn nun etwas genauer. Er war ein ziemlich attraktiver Typ und ich wunderte mich, warum er mir bisher noch nicht aufgefallen war. Er hatte kurzes braunes Haar, ein schön symmetrisches Gesicht, einen Stoppelbart und braungrünblaue Augen. Ich konnte nicht mehr aufhören, ihn anzusehen.

David deutete auf mein leeres Sektglas.

“Willst du noch was?”

Ich zuckte mit den Schultern. Dann nickte ich. Ich war zwar schon betrunken genug, aber auf die paar Gläser kam es jetzt auch nicht mehr an.

Er stand auf und kam wenige Momente später mit einer Flasche Sekt zurück. Keine Ahnung, wo er die her hatte. Er goss uns ein, wir stießen an und kippten das Zeug runter. Es war warm.

“Du studierst also an der Filmhochschule?”, fragte er.

Ich musste mich stark auf meine Antwort konzentrieren. Ich merkte jetzt schon, dass ich am nächsten Tag einen Blackout haben würde.

Irgendwann im Laufe des Gesprächs, an das ich mich gar nicht mehr zu hundert Prozent erinnern kann, hielt David etwas in die Luft, was wie ein alter Führerschein, also einer von diesen rosafarbenen Lappen, aussah.

“Ich hab’ mir heute einen Organspendeausweis machen lassen”, sagte er.

“Krass. Echt? Wieso?”

“Ich weiß nicht. Ich find’ das wichtig.” Er zuckte mit den Schultern.

“Hast du denn keine Angst?”

“Wovor?”

“Keine Ahnung. Vielleicht davor, dass sie dich zu früh abschalten, wenn du aber noch leben könntest? Nur damit sie an deine Organe kommen und so.”

Er zuckte wieder mit den Schultern.

“Ja, aber manchmal will man ja gar nicht mehr weiterleben. Manchmal ist es ja auch besser, wenn es dann vorbei ist.”

“Findest du?”

Er nickte. Ich schüttelte den Kopf.

“Also, ich glaub’, ich könnt’ das nicht. Ich würde immer leben wollen. Aber ich hab’ da auch so’n Problem. Ich hab’ so schlimme Angst zu sterben.”

Er lachte. Ich weiß nicht, warum er lachte. Aber es sah schön aus.

“Ich glaub’, jeder hat Angst zu sterben.”

“Ja. Ich weiß. Aber ich hab’ immer Angst. Also, zum Beispiel wenn ich an einer ganz normalen Straße entlanglaufe, dann stelle ich mir vor, dass ich aus irgendeinem Grund auf die Fahrbahn falle und von einem Auto überfahren werde. Ich stelle mir vor, wie ich zerquetscht werde und meine Knochen brechen. Und dann bin ich tot. Und so was hab’ ich ständig.”

Ich dachte, David hält mich für völlig bescheuert. Zumindest aber wahnsinnig. Tat er aber nicht.

“Ich glaube, das ist ganz normal, wirklich. Mach dir da mal keine Sorgen.”

Er lächelte mich an. Er hatte so tolle Augen. Die standen auch nicht seltsam auseinander.

“Ich könnte das trotzdem nicht. Meine Organe einfach weggeben. Irgendwie … ach ich weiß auch nicht”, sagte ich.

“Kennst du ‚Schmetterling und Taucherglocke’?”, fragte er. Ich sah ihn überrascht-begeistert an. Klar kannte ich „Schmetterling und Taucherglocke“. Das war einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Ein Film, den ich immer allen empfahl und mir immer alle danach sagten, wie scheiße und anstrengend sie ihn gefunden hätten. Es geht darin um einen reichen Lebemann, der nach einem Schlaganfall das Locked-in-Syndrom hat, also vollständig gelähmt ist, aber trotzdem noch alles um sich herum mitbekommt. Das einzige Mittel, womit er noch kommunizieren kann, ist sein Augenlid. Ein absoluter Albtraum. Aber echt ein toller Film.

“Also, bevor ich so lebe wie der”, meinte er, “will ich lieber sterben. Wirklich.”

Er sah dabei ganz ernst aus. Mir fielen dabei ein paar graue Haare in seinem Stoppelbart auf. Ich fragte mich, wie alt er wohl war. Vom Gesicht her schätzte ich ihn jünger als mich. Von den grauen Haaren her aber mindestens Ende zwanzig. Ich bin froh, dass mir die grauen Haare auffielen. Jüngere Männer interessieren mich nämlich selten. Ich hab’ da so ’nen leichten Vaterkomplex. Nur einmal in meinem Leben hatte ich was mit einem, der jünger war als ich. Und das hat man gemerkt.

Während wir uns unterhielten, schenkte David immer weiter Sekt nach. Ich weiß nicht, warum ich immer weitertrank. Vielleicht, weil ich nicht unhöflich sein wollte. Vielleicht, weil ich nicht als Lusche dastehen wollte. Vielleicht, weil ich nicht mitten in dem Gespräch mit diesem tollen Typen zugeben wollte, wie unfassbar betrunken ich eigentlich war. Keine Ahnung warum. Ich trank weiter, obwohl mir kotzübel war. Aber ich riss mich zusammen.

Mittlerweile waren unsere Köpfe auch ziemlich nah beieinander. Bestimmt, weil wir uns so besser verstanden. Vielleicht aber auch, weil ich nicht genug von seinem Gesicht bekommen konnte.

“Was schreibst du denn so für Bücher?”

Ich spürte seinen Atem sanft an meinem Ohr.

“Also, na ja. Eigentlich Komödien. Aber ich weiß auch nicht. Immer wenn ich versuche, etwas Lustiges zu schreiben, kommt was Tragisches bei raus. Und wenn ich dann sage: ‚Gut, machste halt Drama, auch nicht schlimm’, kommt plötzlich was Lustiges bei raus.” Hilflos zuckte ich mit den Schultern.

Er lachte wieder. Ich mochte es, wenn er lachte. Er bekam dann kleine Fältchen um die Augen rum. Irgendwie fand ich alles an ihm toll, was ihn erfahren und reif aussehen ließ.

“Und was machst du so für Fotos?”, fragte ich ihn.

“Im Moment? Hochzeitsfotos.”

Er nahm seine Kamera hoch und drückte auf den Auslöser. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich bin aber sowieso nicht besonders fotogen, da kann ich mich anstrengen wie ich will. Entweder ich habe ein Doppelkinn, die Augen zu oder beides zusammen. David guckte aber zufrieden auf den kleinen Vorschau-Bildschirm und grinste. Er zeigte mir das Foto. Ich hatte die Augen zu und ein Doppelkinn.

Was dann kam, weiß ich nicht mehr so genau. Augenzeugen zufolge saßen wir noch mindestens eine ganze weitere Stunde so da, Mund an Ohr, Ohr an Mund. Unzertrennbar. Miri meinte später, dass sie mehrfach versucht hatte, sich in das Gespräch einzuklinken, aber wir hätten ihr keine Chance gegeben und sie hätte uns wieder alleine gelassen. Ich weiß auch gar nicht mehr, über was David und ich uns alles noch unterhalten haben. Ich weiß nur noch, dass ich mich unfassbar wohl und verstanden bei ihm gefühlt habe. Egal, was ich sagte, er hörte mir zu und nahm mich ernst.

Ich war so glücklich wie schon lange nicht mehr.

Irgendwann im Gespräch fiel bei David dann das Wort „Freundin“. Wenn nicht sogar „meine Freundin“. Ich war zu perplex und zu betrunken, als dass ich noch mal hätte nachfragen können. Plötzlich war auch die Übelkeit wieder da. Ich war die letzten zwei Stunden, die ich mit David dort gesessen und getrunken hatte, kein einziges Mal auf der Toilette gewesen.

“Ich muss mal kurz …”

Er nickte. Dann stand ich auf und ging.

Auf der Toilette eilte ich zu einer der Kabinen und stieß sie auf. Und sah dort Lulu – mit Annes Vater, Herrn Dräger! Die beiden waren heftigst am Vögeln. Wenn mir nicht schon schlecht gewesen wäre, dann wäre es mir jetzt geworden. Er hatte seine Hosen um die Knie baumeln, sein Hintern war faltig und schlaff. Er hatte Lulu gegen die Klowand gedrückt. So viel Kraft hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Ihr Make-up war verschmiert. Ich starrte sie an. Als Herr Dräger mich erkannte, ließ er von Lulu ab.

“Carolin. Oh Gott.“

Warum hatten die nicht abgeschlossen? Warum zum Teufel waren sie auf die Frauentoilette gegangen? Wollten sie es drauf anlegen, von Frau oder Tochter Dräger erwischt zu werden? Alles drehte sich.

Mir war so schlecht, ich konnte es nicht mehr zurückhalten. Ich kotzte ihnen vor die Füße. Und zwar nicht nur ein bisschen.

Peinlich berührt sahen wir uns schließlich an, dann schloss ich mich in die Nebenkabine ein und entleerte meinen Magen vollends.

Ich weiß nicht, wie lange ich weggewesen war.

Aber als ich zurück in den Festraum kam, saß Lulu frisch hergerichtet mit Anne, Miri und Felix an unserem Tisch.

Von David keine Spur.

Lulu sah mir fest in die Augen. Fast schon drohend. Was dachte sie denn? Dass ich jetzt ‘ne Szene machen und Anne oder ihrer Mutter alles erzählen würde? Eigentlich konnte es mir ja egal sein, mit wem Lulu Sex hatte. Tatsächlich war es mir das in dem Moment auch.

“Wo ist David?”

Das war das Einzige, was mich gerade interessierte.

“Wer?”, wollte Anne wissen.

“Der meinte, dass er gehen müsste, weil die letzte Bahn fährt, oder so was”, sagte Miri.

Ich war kurz traurig. Miri stand auf.

“Dann hab’ ich ja aber auch noch was von dir an diesem Abend.”

Ich streckte ihr die Zunge raus. Sie lachte und zog mich auf die Tanzfläche.

Wir tanzten noch ziemlich lange. Auch Lulu, Anne und Felix kamen dazu. Es war irgendwie noch ein schöner Abend. Wir grölten zusammen zu „I will survive“, während die Alten betrunken auf ihren Stühlen saßen und schliefen, bis die Lichter angingen.

Miri und ich teilten uns ein Hotelzimmer. Im Bad nahm ich meine Kontaktlinsen raus. Meine Augen brannten. Mir fiel eine Linse auf den Boden. Ich war immer noch ziemlich betrunken. Ich brauchte eine gefühlte halbe Stunde, um die Linse wiederzufinden.

Ich dachte, Miri würde schon längst schlafen. Aber als ich ins Bett kam, las sie noch. Sie blickte auf.

“Was ist denn los mit dir?”, fragte sie mich.

“Wieso?”

“Ich weiß nicht. Du grinst so. Siehst irgendwie glücklich aus.”

Ich musste lächeln. Und an braungrünblaue Augen denken.

Dann machte ich das Licht aus. Ich war hundemüde.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, klopfte mein Herz bis zum Hals. Ich war aufgeregt. So wie an dem Tag meines Tanzabschlussballs. Damals war ich sechzehn. Das war fast zehn Jahre her. Ich musste an David denken und konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.

Miri war schon auf den Beinen. Wir hatten uns mit Anne, Felix und Lulu zum Hotel-Frühstück verabredet. Viel zu früh für meine Begriffe. Aber mein Magen war leer und ich sollte wohl besser etwas essen.

Irgendwie hoffte ich auch, David in dem Frühstückssaal zu begegnen, aber das war ja völliger Blödsinn. Er hatte ja gar nicht dort übernachtet.

Die anderen waren schon da und sahen frisch und munter aus. Am Nachbartisch saßen auch Herr und Frau Dräger. Sie grüßte mich mit einem Lächeln, sein Gesicht war versteinert.

Ich fühlte mich plötzlich irgendwie elend.

Nachdem wir uns Essen vom Frühstücksbuffet geholt hatten, rückten Anne und Felix nun offiziell mit der Sprache raus:

“Also, wir wollten euch noch was sagen. Weil wir ja jetzt grade alle zusammen sind.” Anne sah fröhlich in die Runde.

“Bist du schwanger?”, fragte Lulu irgendwie hoffnungsvoll.

Anne schüttelte lächelnd den Kopf.

“Noch nicht. Wir haben uns verlobt.”

Anne und Felix sahen uns gespannt an. Aber Miri und ich wussten ja sowieso schon Bescheid. Und Lulu macht sich nicht viel aus Hochzeiten.

“Herzlichen Glückwunsch”, sagte Lulu schließlich. Sie stand auf und umarmte die beiden. Miri und ich taten es ihr gleich. Warum freute ich mich bloß nicht für sie? Manchmal bin ich mir echt selber ein Rätsel.

Anne hatte sogar einen Ring, den sie uns aufgeregt zeigte. Ich versuchte Begeisterung zu zeigen, aber der Ring war halt ein Ring. Und mit Schmuck hab’ ich es eh nicht so. Und vor zwei Jahren hätte Anne uns sowieso noch den Vogel gezeigt, wenn wir gesagt hätten, dass sie bald heiraten und uns kreischend ihren Ring zeigen würde. So schnell können sich die Dinge ändern.

“Anne und ich waren letztes Jahr ja mal kurz getrennt gewesen. Und in der Zeit hab’ ich gemerkt, dass ich einfach nicht ohne sie kann. Sie jeden Tag im Büro zu sehen und nicht mit ihr zusammensein zu können … Das hab’ ich einfach nicht ertragen. Mir war da schon klar, dass ich sie heiraten werde. Und zwar so schnell wie möglich.”

Felix grinste und die beiden küssten sich. Jetzt fand ich sie doch auch wieder herzig. Ich weiß auch nicht, was das mit mir und Anne ist.

Vielleicht war es auch wegen Mario.

In der fünften Klasse war ich ganz schlimm in einen Klassenkameraden verliebt. Mario hatte steinhart gegeltes Haar und war der Klassenclown. Aber wie es das Schicksal von uns allen sein sollte, stand Mario nicht auf mich, sondern auf Anne. Das Schlimme war ja, dass sie ihn gar nicht wollte. Da verzehrte ich mich regelrecht nach jemandem, den die Glückliche haben konnte, hörte nächtelang Oli P.s „Flugzeuge im Bauch“ auf Repeat, um mich in den Schlaf zu weinen, und sie wollte ihn nicht? War sie sich zu fein dafür? Sie hat ihm sein unschuldiges Herz gebrochen, und damit meins gleich mit.

Es hat dann noch ungefähr zwei Jahre gedauert, bis er endlich kapiert hatte, dass ich vielleicht auch ganz cool gewesen wäre. Aber da wollte ich dann nicht mehr.

“Wir wollen im September heiraten”, erklärte Anne.

“Dieses Jahr noch?”, fragte Lulu.

Anne nickte.

“Warum die Eile?”, fragte ich.

Anne blickte zu Felix.

“Wir wollen heiraten, also warum warten?”, meinte der. Da wusste ich dann auch nicht, was ich noch drauf erwidern sollte. Reisende soll man nicht aufhalten. Oder wie auch immer man da sagt.

Wir aßen schweigend weiter. Ab und an warf ich Lulu und Herrn Dräger strafende Blicke zu, aber sie vermieden es tunlichst, mir in die Augen zu schauen. Das war so typisch Lulu. Was hatte sie sich dabei nur gedacht?

Als ich siebzehn war, hatte ich mal was mit einem, der dreißig war. Anne kam mit diesem Altersunterschied nicht klar. Das war auch – bis auf meine recht offene Schwärmerei für meinen Grundschullehrer (ich war acht, er achtundzwanzig) – das einzige Mal, dass ich meinen Vaterkomplex öffentlich auslebte.

In dieser Phase war ich einmal bei Anne zu Hause und ihr Vater wollte mich am Abend nach Hause fahren.

Sie ist die zwei Kilometer mitgefahren. Nur damit ich nicht alleine mit ihm war.

Irgendwie war ich ihr deswegen auch nicht böse. Klar, sie hätte mir ja wohl vertrauen können, dass ich mich nicht sofort wie ein Tier auf ihren Vater stürzen werde, sobald ich mal mit ihm alleine bin. Außerdem war er meilenweit entfernt von dem, was ich „mein Beuteschema“ nennen würde. Aber ich hab’ sie irgendwie verstanden.

Als wir mit dem Frühstück durch waren, brach Familie Dräger auf. Herr und Frau zurück ins Heimatdorf, Tochter und Schwiegersohn in spe zurück nach München.

Wir verabschiedeten uns.

“Ich meld’ mich dann bei euch wegen Datum und Kleidershoppen und so”, sagte Anne zu uns.

Ach herrje! Jetzt ging das los. Ich hoffte, dass sie keinen Auftritt von uns bei der Hochzeit erwartete oder so was.

Wir umarmten uns. Herrn und Frau Dräger gaben wir alle artig die Hand. Innerlich schüttelte es mich, als Lulu an der Reihe war. Herr Dräger kannte Lulu seit sie klein war und jetzt hatte er Sex mit ihr gehabt.

Das gekochte Ei in meinem Magen machte sich bemerkbar.

Als sie gefahren waren und Miri mit ihren Eltern telefonierte, zog ich Lulu zur Seite.

“Sag mal, geht’s noch?”

“Was meinst du?”

Ich fasste es nicht.

“Jetzt tu doch nicht so ahnungslos. Na, dass du mit Annes Vater poppst.”

Lulu zuckte mit den Schultern.

“Ja, keine Ahnung. Mir geht’s zurzeit einfach echt beschissen, wenn du’s genau wissen willst.”

Ich weiß nicht, ob ich es genau wissen wollte. Aber eigentlich war es auch keine Neuigkeit.

Seit Lulu damals abgehauen war, ging es ihr beschissen.

Erst fand sie keine Gesangsausbildung, dann keine Wohnung, dann keine Freunde.

Nachdem sie sich dann von einem Grasdealer das Herz hatte brechen lassen, fing sie eine Affäre mit besagtem Musicaldarsteller an. Intelligenterweise war sie zu der Zeit auf einer Art „Naturpille“, weil die normale Pille ja ungesund war. Wegen der Hormone und so.

Manchmal konnte ich mir bei Lulu nur an den Kopf fassen.

Dann wurde sie innerhalb von drei Monaten schwanger. Der Typ wollte das Kind nicht. Sie hatte sogar schon einen Abtreibungstermin.

Sie ist nicht hingegangen.

Warum genau, weiß ich nicht. Sie hat tagelang geheult, wollte, dass er sich von seiner Frau trennt. Aber er hat ihr klipp und klar gesagt, dass das nicht passieren wird.

Sie hat das Kind trotzdem bekommen.

Manchmal habe ich die schlimme Vermutung, dass sie das Kind nur bekommen hat, um nicht alleine zu sein.

Ein schöner Grund, sich für ein Kind zu entscheiden. Ungefähr so schön, wie wegen Steuern zu heiraten.

Na ja. Lulus Leben ist einfach nicht so verlaufen, wie sie es sich vorgestellt hat. Ich glaube, was sie immer unterschätzt hatte, war, dass es anstrengend sein würde.

Mit vierzehn wollten wir beide immer Buffy sein. Stark sein, schön und unabhängig. Wir haben kleine Filmchen gedreht, in denen wir genau das waren, und hatten jede Menge Spaß dabei.

Aber so leicht war das echte Leben nun mal nicht. Ich glaube, das begriff sie so langsam und das setzte ihr zu.

Ehrlich gesagt, setzte mir das auch zu. Ich konnte sie schon verstehen. Wir waren in unserer Jugend auch so eng, weil wir eigentlich sehr ähnlich tickten. Und vielleicht war ich jetzt nur so streng mit ihr, weil ich an ihrem Beispiel sah, wie schnell auch ich in so eine Richtung abrutschen konnte.

Ich hatte seit Langem schon Probleme damit, mich aufzuraffen zu schreiben.

Es gab Tage, da saß ich stundenlang an meinem Laptop und klickte mich durch Tumblr-Seiten von Teenagern und erging mich in dem Gefühl, endlich verstanden zu werden. Ich wurde bald 26. Mein Gott. Andere Menschen hatten in dem Alter schon zehn Jahre gearbeitet und zwei Kinder und ‘ne Scheidung am Hals. Ich hatte noch nicht mal eine Steuernummer.

“Es tut mir ja leid. Aber irgendwie war er so traurig. Und ich wollte nicht, dass er traurig ist. Er hat mir erzählt, dass er seit fünf Jahren keinen Sex mehr mit einer Frau hatte. Seit fünf Jahren!”

“Gott, Lulu. Ich will das nicht wissen.”

Ich hatte Probleme, über das Sexleben von Eltern zu sprechen. Meine Eltern waren ziemlich konservativ und prüde.

Ich wurde von meiner Mutter eher aus Versehen aufgeklärt, als ich ungefähr vier oder fünf Jahre alt war. Es war ein sommerlicher Mittag. Wir saßen am Esstisch, ich hatte gerade aufgegessen. Sie las etwas in der Zeitung und regte sich ganz fürchterlich auf. Ich wollte wissen, was denn los ist. Da las sie mir den Artikel vor. In dem Text ging es um die Vergewaltigung eines Grundschulmädchens, das 100 Kinderschritte entfernt von seinem Zuhause von einem Mann überwältigt und missbraucht worden war.

Ich konnte mit den Begriffen nichts anfangen. Also fragte ich nach, was das war. Eine Vergewaltigung. Meine Mutter erklärte mir dann, dass das bedeutet, dass der Mann seinen großen Penis in die kleine, enge Scheide des Mädchens versucht hat zu pressen und ihr dabei ganz doll wehgetan hat.

Ich glaube, einen schlechteren Start in das Sexualleben kann man einem Menschen kaum geben. Ich zähle noch immer die Schritte im Kopf, wenn ich von zu Hause weggehe. Bis 100.

Irgendwann mit sieben oder acht bin ich dann nachts aufgewacht, weil ich meine Mutter hatte stöhnen hören. Mein Kinderzimmer lag direkt am Schlafzimmer meiner Eltern. Ich hatte schreckliche Angst um sie. Bis ich auch meinen Vater stöhnen hörte und langsam begriff, dass sie und mein Vater Sex hatten.

Ich weiß auch nicht. Sex ist für mich sowieso irgendwie mit Schmerz verbunden. Aber in Verbindung zu Eltern geht das gar nicht. Und wenn es nur die Eltern meiner Freundin sind. Das macht mich fertig.

“Aber ich werd’s nicht wieder machen. Keine Sorge.”

Ich war überhaupt nicht auf die Idee gekommen, dass es noch mal passieren könnte. Jetzt machte ich mir Sorgen.

“Lulu. Wirklich. Das darf nicht noch mal passieren. Und Anne darf das nie erfahren. Die wird dir die Freundschaft kündigen. Das weißt du?”

“Ja. Aber ich glaub’ eh, dass der sich bald von seiner Frau trennen wird.”

“Und selbst wenn. Dann hat das nichts mit dir zu tun. Das wird Anne sowieso schon fertig genug machen.”

Lulu nickte schließlich.

Wenn ich gewusst hätte, was das alles noch für Ausmaße annehmen sollte … Ich weiß nicht mal, was ich hätte anders machen können. Vielleicht hätte ich an diesem Abend mehr Zeit mit Lulu verbringen sollen, anstatt mich in einen Fremden mit Freundin zu verlieben. Vielleicht hätte ich mir sowieso insgesamt mehr Zeit für meine Freunde nehmen sollen.

Vielleicht wäre dann alles nicht so chaotisch geworden, wie es die folgenden Monate noch werden sollte.

Aber was weiß ich schon. Hätte, hätte, Damentoilette. Ich habe es nicht getan. Fertig. Es ist passiert. Und ich kann es nicht mehr rückgängig machen.

Ich verabschiedete mich schließlich auch und machte mich auf den Rückweg. Ich hatte noch etwas an Arbeit aufzuholen, was ich dank Feierei und Chris und innerer Blockade ziemlich vernachlässigt hatte.

Als ich dann im Zug saß, fühlte ich mich irgendwie erleichtert. Ich weiß nicht wieso. Aber es war so. Ich machte es mir im Sitz so gemütlich wie möglich, deckte mich mit meiner Jacke zu und steckte mir meine Ohrstöpsel in die Ohren. Es gibt wenig Besseres, als Landschaften an sich vorbeiziehen zu sehen und dabei gute Musik zu hören.

Das erste Lied, das kam, passte auch gleich wie die Faust aufs Auge. „Not in Love“ von Crystal Castles:

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