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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

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ISBN ePub: 978-3-85236-057-7

Adhelion. Das Todesspiel

von Raiko Oldenettel

Inhalt

Folge 1: Kanalfund

Folge 2: Wachtraum

Folge 3: Relikt

Folge 4: Helos

Folge 5: Gewitterregen

Folge 6: Totenwache

Folge 7: Kaltfront

Folge 8: Verführung

Folge 9: Amor

Folge 10: Labyrinth

Folge 11: Rächer

Folge 12: Babylon

Über den Autor

Folge 1: Kanalfund

Prolog

Dass es seine Hände waren, die ihren Körper aufrissen, machte es nicht leichter. Der Geschmack des teuren Champagners lag noch auf ihrer Zunge, als warmes Blut ihre Kehle hinaufstieg. Es wurde still um sie herum und wie in einem rasant abgespulten Film lief der Abend vor ihren Augen erneut ab. Das Ballkleid, das er ihr geschenkt hatte, flackerte darin auf. Ein Traum aus weißen Federn und glitzernden Pailletten, die Schuhe ein wenig zu eng, aber für ihren Geschmack genau richtig. Er legt ihr mit seinen zarten Fingern eine Perlenkette um den Hals und sagt, dass er sie liebt. Jedes Wort wischt ihr die Tränen der Aufregung von den Wangen. Dann folgt der Tanz in der Menge, zwischen all diesen Menschen. Ihr Herz will ihr dabei nur eines sagen: er ist der Richtige, die anderen nur Schauspieler. Niemand ist so glücklich wie sie. Der Maskenball ist Belohnung für ihr langes Ausharren. Der Tanz über das Parkett ein Spiel mit dem Feuer. Nur einmal die Maske lüften, nur ein falsches Wort, und sie fliegen auf. Es passiert nicht, sie behält die Nerven. Die Mutprobe ist gelungen und der Abend soll noch schöner werden.

Die Bilder springen vorwärts. Er nimmt sie mit hinauf auf die Ebene, wo die Sterne zwischen den Wolkenfetzen grüßen. Die Welt wird klein hinter der Glaskuppel. Sie sind allein und sein Kinn liegt ihr auf der Schulter, seine Lippen küssen ihren Kopf, seine Nase vergräbt sich in ihrem Haar. Er liebt mich, wiederholt ihr Herz, und sie fährt mit den Fingern unter sein Hemd. Dann erreicht die beiden eine Stimme.

Der Film brach ab, sie fand zu sich selbst zurück und somit zu dem Grauen, das vor ihr stand.

Starr ragte er über ihr auf und sah auf sie herunter, mit einem Blick in den glasigen Augen, als wäre er ebenfalls vor Sekunden erst aufgewacht. Er schüttelte den Kopf. Keines der verzaubernden Worte kam ihm über die Lippen, als sie zitternd die Hand ausstreckte und alle Kraft zusammennahm, seinen Namen zu rufen. Der Geschmack des Blutes war nun überall und das Brennen in ihrer Brust strahlte in jede Zelle ihres Körpers. Der Schmerz zog sie an einer bleiernen Kette aus der hohen Luft ihrer Gefühle, schleuderte sie auf die kalte Erde, fesselte sie an das sterbende Gefäß, zu dem ihr Körper geworden war. Nein. Nein, nein, nein. Das alles war ein Albtraum, eine Lüge, und sie würde jeden Moment aufwachen, in seinen Armen, und er würde ihr zurück in die Wirklichkeit helfen. Doch stattdessen ließ er die furchterregende Kugel in seiner Hand neben ihr fallen und starrte auf seine Finger. Er weinte, große Tränen rannen ihm vom Kinn herunter. Sie sah jeder einzelnen nach.

Es knarzte laut. Glassplitter knirschten in ihren Ohren, als er seine Füße bewegte. Die gleichen Splitter, die sich ihr unter die Fingernägel bohrten. Er sah wieder zu ihr und in seinem Gesicht begann sich etwas zu verändern, die Tränen wichen einer erhebenden Erkenntnis. Langsam kehrte das geheimnisvolle Lächeln auf seine Lippen zurück, da wusste sie, dass alles gut werden würde. Nur wann? Wann streckte er ihr die Hand aus? Wann nahm er ihr das Gewicht von der Brust, füllte das Loch, aus dem die Rippen ragten? Das Lächeln krümmte sich weiter, tief in die Falten seiner Wangen hinein, schnitt eine Fratze in das schönste Gesicht, das sie je gesehen hatte, und statt der liebevollen Stimme kam ein krächzend-heiseres Lachen aus seiner Kehle. Erst leise, dann unerträglich anschwellend. Er beugte sich vor und berührte sie dabei nicht, ihre Hoffnung starb mit jeder flüchtigen Sekunde.

Er war zu einem Monster geworden. Sie würde nicht sehen, wie er ihr aufhalf. Stattdessen griff er zu seiner Waffe und schwenkte sie in die Luft. Stimmen rauschten um sie herum, als würde ihm ein Chor aus Dämonen befehlen. Sie sah an ihrem Kleid herunter, die Federn waren getränkt vom Rot ihrer eigenen Essenzen. Dahinter nur Schwärze. Wieso tat er das? Ihre Liebe hätte alles und jeden überstanden.

Sie wandte sich von ihm ab, ihre Wange berührte den Boden. Ein unbekannter, saftiger Geruch von aufgeschnittenen Pflanzen stieg ihr in die Nase und warmes Wasser rann unter ihrem Haar dahin. Sie wollte sich in Tränen auflösen. Wenn sie nur mit dem Wasser verrinnen dürfte, flehte sie eine unbekannte Macht an, mit dem Strom in das Kanalrohr vor ihm entkommen. Nur nicht mehr hier sein, nicht bei ihm. In diesem Moment raste zwischen seinen Klauen der kalte Tod erneut auf ihre Brust.

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Kapitel eins

Am späten Nachmittag des 4. April 2098 sah Greg Singer auf das Wasser des Kühlkanals und beobachtete, wie sich sein Gesicht in flachen Wellen auflöste. Über ihnen ertönte ein helles Pfeifen als Signal für das Ende der Schicht. Greg atmete erleichtert aus, ließ den Kopf im Nacken kreisen und weckte seine Beine. Endlich hielten die Fährmänner um ihn herum den Mund und sahen herüber zu den Ausgängen der Maschinenhalle. Es wurde hektisch in dem Knäuel aus Barken, Seilen und Paddeln. Die Fährmänner machten sich daran, die Leinen zu lösen und hoben ihre Stege. Ein Kunde, der schnell zu Hause war, war ein zufriedener Kunde. Greg taxierte die Umgebung. Er verzichtete auf diese Eile und wartete, was sich ergab.

Die Scheinwerfer auf der großen Fläche vor den Hallen wurden eingeschaltet, Staub rieselte von den leuchtenden Dioden und fiel auf die Umrisse einer schlurfenden Masse. Die Mechaniker zogen sich ihre Helme von den Köpfen, lüfteten ihre Hemden, wischten sich mit nassen Tüchern durch die angestrengten Gesichter. Manche fingen Streit an, gespielt oder echt. Sie boxten sich in die Seite, riefen sich Beleidigungen zu. Diese Typen würden heute nicht mehr zu ihren Familien zurückkehren. Diese Typen wollten am liebsten saufen und den vorwurfsvollen Blicken ihrer Frauen aus dem Weg gehen. Für Greg konnte das Ärger bedeuten, wenn er sie nachts noch vor den Kneipen aufsammeln musste. Es war natürlich reine Glückssache, wen man erwischte und ob überhaupt einer übrig blieb, der über die Kanäle fahren wollte, doch heute hatte Greg anscheinend Glück und Pech zugleich. Ein alter Bekannter hielt direkt auf seine Barke zu.

„Schmutzig siehst du aus, Sonny. War eine schwere Schicht?“, fragte Greg und bereute sofort, dass er überhaupt etwas gesagt hatte.

„Halt einfach dein Maul, Greg, und bring mich zu Jane‘s“, schnauzte ihn Sonny an und warf sich mit seinem vollen Gewicht in die Barke, dass sie zu kentern drohte. Kommentarlos hielt Greg dagegen und ragte mit der Brust auf der gegenüberliegenden Seite hinaus. Er hasste es, wenn sich jemand in der Fähre breitmachte, als wäre sie sein verlängertes Wohnzimmer.

Wie mechanisch atmete Greg tief ein, zog das Seil vom Poller, schnappte sich das Paddel, stieß sich vom Betonufer ab und schob die Barke in den Strom hinein. „Was gibt‘s bei Jane‘s?“

„Titten“, antwortete Sonny trocken und rollte sich eine dünne Zigarette. Er roch nach bitterem Schweiß, seine Kleider waren wohl tagelang nicht gewaschen worden. Seit einem Unfall am Schweißgerät war er auf dem rechten Auge blind, weswegen Greg sich weit an den Rand der Barke lehnte und hoffte, damit aus Sonnys Blickfeld zu verschwinden. Sonny lachte dreckig. „Mein linkes funktioniert noch ganz gut, Greg. Brauchst dich nicht verstecken.“ Der Mechaniker hustete und zündete sich ungeschickt die gedrehte Zigarette an. „Außerdem ist Jackpot-Nacht im Jane‘s, wenn du‘s genau wissen willst. Alles oder nichts!“

Greg schwenkte das Ruder ein und spähte über den Kanal. Je nachdem, wie viel Kühlwasser durch die Maschinen raste, veränderte sich die Strömung. Heute war alles ruhig, es gab keine plötzlichen Strudel und durch die hohen Deckenschächte kroch glatt so etwas wie abendliches Sonnenlicht in die untere Ebene von Path. Wäre die Gesellschaft besser gewesen, Greg hätte diese Fahrt durch die Eingeweide der Millionenstadt genossen.

Er drehte sich zu seinem Fahrgast und schüttelte enttäuscht den Kopf. „Du willst wieder dein ganzes Geld auf eine Zahl setzen, Sonny? Du hast beim letzten Mal drei Monatsgehälter verloren, und ich glaube, dein Sohn muss immer noch für Jane Getränke karren.“

Sonny zog an seiner Zigarette und stieß den Rauch durch die Nase aus. Sein Auge starrte in die Leere. Greg zuckte mit den Schultern und wandte sich von ihm ab, den Blick auf die Barken vor ihm gerichtet. „Solange du dir die Fahrt leisten kannst, soll‘s mir egal sein.“

Sonny spuckte neben sich ins Wasser. Es herrschte jetzt offiziell Funkstille, und Greg freute sich darüber. Mehr Barken tauchten um sie herum auf, das Event im Jane‘s zog die Arbeiter an wie Motten das Licht. Wenn Greg einen von den anderen Fährmännern überholte, dann nickte er ihnen kurz zu und sah nicht hinter sich. Er konnte nur ahnen, wie sehr sie ihn dafür hassten, mit welcher Ruhe er das Paddel ins Nass schob und sie mit zwei, vielleicht drei Zügen vor ihren Kunden lächerlich machte. Die Mühe, sich zu verstellen, machte er sich nicht. Alle waren sich bewusst, woher er kam und was er vor dieser Arbeit getan hatte.

„Sie haben neue Filter eingebaut in unsre Halle“, erzählte Sonny mit einem Mal und gähnte. Seine Laune besserte sich scheinbar. „Es ist so, als hätte ich seit Monaten durch einen schmutzigen Lappen geatmet und nun wären wir zum ersten Mal wieder an der frischen Luft. Wirklich, das sind Bastarde. Irgendwann wird es ein Jahr dauern, bis sie die Filter austauschen. Dann kannst du nur noch Tote zu Jane´s karren.“

„Freut mich für dich“, bemerkte Greg. Er hatte nicht ganz zugehört und hielt scharf rechts, um einem näher kommenden Brückenpfeiler auszuweichen.

„Pff“, machte Sonny. „Tote, sag ich dir.“

Greg bog quer über den Kanal ein und sah hinter sich. Vor ihnen und hinter ihnen war niemand mehr zu sehen. „Du wirst der Erste sein, Sonny. Kannst dir einen richtig guten Platz aussuchen.“

Sonny zwinkerte ihm mit dem blinden Auge zu. „Hol mich später ab, dann zahl ich dir eine neue Barke. Haha! Ich hab´s im Urin, Sonny gewinnt heute den Jackpot.“

An einem schmalen Steg machte Greg halt. Die wackligen Bretter vor dem Jane‘s navigierten die Besucher sicher über die Wasseroberfläche, während der klotzige Bau selbst am Ende der Planken auf unzähligen Stegen aus dem Kanal ragte. Erst in einiger Entfernung tauchten daneben Wohnhäuser, Strommasten und Bäume auf. Es wirkte karg, aber das war überall gleich.

Am Boden von Path angekommen, starb man nicht an Hunger, man litt nicht an schweren Krankheiten, man litt an der mangelnden Abwechslung. Dem Unfertigen und, wie Greg immer wieder feststellte, dem fehlenden Willen, daran großartig etwas zu ändern. Er sah zu Sonny. „Drei. Heute mach ich dir einen guten Preis. Bist ja bald ein reicher Mann.“

„Drei? Du bist eine Zecke an meinem Hals!“, knurrte Sonny und drückte Greg drei abgegriffene Münzen in die Hand. „Du investierst besser in deine Zukunft, Fährmann!“ Als er ausstieg und auf dem Steg das Gleichgewicht fand, drehte sich Sonny noch einmal um. „Und? Deine Antwort?“

„Ich soll hier warten?“, fragte Greg und hob die Augenbrauen. Eigentlich hätte er locker noch ein paar Fahrten absolvieren können. „Das kostet dich extra.“

„Gut“, nickte Sonny und wollte in die Kneipe verschwinden.

„Sonny?“, räusperte sich Greg und knackte mit den Schultern. „Im Voraus. Ich will nicht auf dein Glück bauen müssen.“

Sonny schüttelte den Kopf. „Du musst schon Vertrauen in mich haben.“

Mit diesen Worten ließ er Greg stehen. Was dachte sich Sonny eigentlich? Dass er sein Leibeigener war? Greg sah sich um und überlegte. Er brauchte die Fahrten nicht, um diesen Monat besser zu leben oder überhaupt zu leben. Wenn er hier blieb, und Sonny sollte wirklich das unverschämte Glück haben zu gewinnen, dann würde der Mechaniker ihn nicht vergessen. Dafür würde Greg sorgen.

Vorsichtig zog er die Barke hinter den Steg, um den Platz für die eintreffenden Nachzügler freizumachen. Sie sahen ihn nicht an, und Greg setzte sich ans Ufer, wo er in einer alten Zeitschrift blätterte, um die Zeit totzuschlagen.

Das verbrauchte Kühlwasser wehte milde Luft zu ihm herüber, aber der Beton an seinen Beinen blieb kalt. Er versank in der Zeitschrift. Sie fühlte sich unter seinen Fingern immer noch so unecht an, wie an dem Tag, an dem er sie gefunden hatte. Die Bilder von glücklichen Menschen, die ihre Wohnungen mit allerlei Unfug einrichteten, verblichen unter dem Fett seiner Finger, die wieder und wieder die festgehaltene Geschichte einer besseren Zeit erforschten. Eigentlich war es lächerlich und sagte ihm rein gar nichts, aber er mochte es.

Bald fehlte ihm das Licht zum Lesen und Greg steckte die Zeitschrift in eine Kiste, holte die letzte Flasche Wasser daneben heraus, in die er eine kleine Packung Zucker hineinkrümelte. Das süße Getränk kippte er mit einem Schluck seine Kehle herunter und behielt den Blick dabei immer auf den Eingang des Jane´s. Die anderen Fährmänner zündeten Laternen an und rauchten. Ab und zu sahen sie auf, wenn einer der Pechvögel aus der Kneipe kam und frühzeitig den Weg nach Hause antrat. Greg wartete geduldig auf Sonny.

Irgendwann wurden Stimmen laut im Jane´s. Die Menge geriet in Bewegung und drängte nach draußen. Es war eigentlich noch viel zu früh für eine Prügelei, dachte Greg, irgendetwas stimmte nicht.

Er stand auf und näherte sich der Kneipe. Im selben Moment fiel Sonny durch die Tür, in seinen Händen Bündel von Geldscheinen, Münzen fielen ihm aus der Tasche. Direkt dahinter erschien einer der Türsteher und schlug auf den zeternden Mann am Boden ein. Greg wollte dazwischengehen, ließ es dann aber. Was eine gute Entscheidung war, denn nun war der begrenzte Platz vor der Kneipe voll von Süchtigen, die sich gegenseitig das Geld aus dem Leib prügelten. Eine verirrte Münze rollte Greg vor die Füße, Sonnys Schreie waren schon längst nicht mehr die einzigen, die ihm in den Ohren klingelten. Er hörte nur wenig, aber verstand dafür umso schneller, als Jane selbst auftauchte. Sie feuerte einen Schuss in die Luft ab und sorgte damit schlagartig für Ruhe.

Sonny hatte sich wie ein kleines Kind zusammengerollt und gab nur widerwillig das Geld her, als sie sich über ihn beugte. Er hatte dem Croupier einen Großteil des Jackpots geklaut und geplant, damit zu verschwinden. Womöglich noch mit Gregs Hilfe?

Jane warf den Fährmännern kalte Blicke zu und schickte sie mit einer einzigen Geste nach Hause. Einer der Türsteher hob Sonny auf und trug ihn hinein. Jetzt wurde abgerechnet. Das Licht der Kneipe verschluckte den blutenden Mechaniker, er verschwand, und die Fährmänner verzichteten darauf, mit diesem Durcheinander etwas zu tun zu haben. Enttäuscht trieben sie mit dem Strom des Seitenkanals in ihre Löcher zurück.

Greg blieb noch eine Weile stehen und fasste seine eigene Dummheit nicht. Wie hätte er auch nur einen Moment daran zweifeln können, dass Sonny der Arsch und Verlierer war, als den er ihn kennengelernt hatte? Er hob die Münze vor seinen Füßen auf und steckte sie ein. Ein geringer Lohn für seine verschwendete Geduld.

Wütend bestieg er seine Barke und folgte seinem inneren Kompass in der Dunkelheit Richtung Schlafplatz. Mit jeder Kurve, die er umfuhr, kam ihm die Warterei bescheuerter vor. Was, wenn Sonny es zu seiner Barke geschafft hätte? Nachher hätten sie wie Komplizen ausgesehen. Gregs Finger knirschten, als er das Paddel enger umfasste. Am liebsten wäre er umgekehrt, um Sonny ebenfalls eine Tracht Prügel zu verpassen, aber der Mechaniker hatte sich mit Jane unfreiwillig die richtige Person für seine gerechte Strafe ausgesucht. Er würde lange Zeit nicht mehr in seiner Barke sitzen, und das war Greg letztlich ein leichter Trost.

Kräftige Wellen schlugen unvorhergesehen gegen die Außenwand der Barke, Greg hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Der Hauptkanal war unruhig geworden, doch wenn ihn nicht alles täuschte, gab es hier irgendwo Seitenarme, die ihn ohne weiteren Ärger nach Hause brachten. Er bog beim erstbesten in eine Häuserschlucht ein.

Die Wände der Gebäude erhoben sich zu beiden Seiten, es war eng und das Wasser stank erbärmlich nach allem, was die Bewohner einfach aus dem Fenster warfen.

Nach gut vierzig Metern kam Greg wieder zum Stillstand. An einer Stelle, an der nicht einmal Fenster Licht spendeten. Es waren die gesichtslosen Rückwände irgendwelcher Fabriken. Greg hörte, wie die Maschinen hinter dem dicken Beton surrten, und zündete mit mittlerweile frierenden Händen seine Laterne an. „So eine Scheiße.“

Mitten vor ihm lag ein Haufen aus Zaundraht, zerfetztem Stoff, Plastiktüten, modrigem Holz, alles, was niemand mehr haben wollte. Das Gebilde bäumte sich vor seiner Barke auf und sein Paddel hatte sich bereits in irgendetwas verheddert. Wütend schmiss Greg es auf den Boden der Barke und ballte die Fäuste. „Meine Fresse. Jetzt im Ernst?“

War das so eine Art Strafe dafür, dass er Sonny zum Jane´s gebracht hatte? Kosmische Gerechtigkeit für einen Fährmann, der sich übers Ohr hauen ließ?

Greg fluchte.

Niemand war hier, der ihm helfen konnte, das stellte er mit einem schnellen Blick fest – und noch besser, er war sogar so nahe dem Hauptkanal eins, dass er nicht auf dem Boden des Seitenarms stehen konnte, um die Barke aus eigener Kraft voranzuziehen. Mit mahlendem Kiefer sah er auf den Haufen Schrott im Wasser. „Ganz fantastisch.“

Es nützte nichts. Greg ließ sich auf die Bank fallen und legte den Kopf in den Nacken. Die Decke des Basislevels war nicht zu sehen. Die Laterne tat ihr Bestes, aber das reichte nur für wenige Meter. Greg untersuchte das Gebilde im Wasser und tastete an seinem Paddel hinab. Er sah Algen und noch mehr Müll, aber auch Porzellan. Ein langes weißes Ding, das wie ein aufgeblähter Aal mit den Wellen auf und ab trieb. Greg hielt inne und beobachtete den Fund. Plötzlich bekam der Aal Finger.

Greg zuckte zusammen. War das ein Arm? Panisch griff er nach der Laterne und brachte sich die wenigen Zentimeter in Sicherheit, die seine Fähre bot. Der Arm verschwand wieder in der Tiefe und Greg rieb sich mit der freien Hand über das Gesicht.

Hatte er sich getäuscht?

Er ging einen Schritt nach vorne und bereute sofort. Im Licht der Laterne erschien nun ein Mensch. Tot. Stofffetzen schwammen darum, wie Fische.

Gregs Herz schlug ihm bis zur Kehle. Er hatte in der Vergangenheit schon Tote gesehen, klar, er war weit außerhalb von Path unterwegs gewesen. Aber der Kanal ließ die Leiche wie eine Marionette tanzen und bei diesem Anblick hätte jeder gestandene Mann Panik bekommen. Ungezählte Male folgte Greg den grauenvollen Bewegungen, bis er sich beruhigte.

Dann fasste er einen Entschluss. Er konnte nicht die ganze Nacht hier stehen, also beugte er sich über die Barke und tauchte mit seiner Hand ins Wasser. Die Haut der Leiche war glatt, und als die Kraft eines Arms nicht ausreichte, stellte er die Laterne ab und zog mit beiden Armen, bis der Körper auf die Barke rutschte. Sofort machte sich ein beißender Geruch breit. An Gregs Fingern klebten die Reste von seifiger Haut, die er sich an der Hose abwischte. Er nahm die Laterne und leuchtete auf seinen Fund. Warum hatte er das getan? Hätte er nicht in Ruhe nach Hause fahren können? Jetzt musste er den Vorfall melden, die Sache den Profis überlassen.

Greg hielt die Lampe in die Höhe. Es war eine Frau. Im schwarzen Haar der Toten hatten sich Algen und Müll verfangen, ihre Beine waren blau angelaufen und gleichzeitig so weiß wie Kreide. Greg drehte sie vorsichtig an den Schultern herum.

Als Erstes fiel ihm die klaffende Wunde auf, die mitten in der Brust lag. Ein Loch, in dem das verwundete Fleisch schon faulte und die Rippen ihm entgegensprangen. Vorsichtig wischte er die Haare aus ihrem Gesicht. Eine Sekunde später verfluchte er seine Neugier. Er ließ die Laterne fallen.

Was hatte er da gesehen? Was war das für ein schlechter Scherz? Er stand auf, blickte um sich. Woher war sie gekommen, wer hatte sie auf dem Gewissen? Greg schärfte seine Sinne, die Haare in seinem Nacken standen aufrecht wie Lanzen. Minuten vergingen, in denen er in die Dunkelheit lauschte, dann zündete er die Laterne wieder an.

Er hatte Tränen in den Augen. „Mein Gott, Senna … was hat man dir angetan?“

Wie ein unwirklicher Scheinwerfer erforschte die Laterne die vertrauten Züge seiner früheren Geliebten. Seine Fingerspitzen folgten. Sie war tot. Ihre Augen waren weit aufgerissen, wie auch der Mund, von dessen Lippen Brackwasser perlte. Die Wunde, mit einem schwarzen Saum aus Blut umlegt, hatte ihren wunderschönen Körper zerbrochen.

Es wurde noch stiller um Greg.

All die Monate hatte er gedacht, Senna wäre am Leben. Irgendwo in einer Gegend, die es besser mit ihr meinte als das Basislevel. Mit einem Kerl, der sie gut behandelte. Etwas jünger als er vielleicht, etwas mehr Geld, einer, der auf sie aufpasste.

Gregs Hoffnungen waren nicht erfüllt worden. Die Erkenntnis drehte ihm den Magen um, er kotzte ergiebig in den Seitenarm, befreite sich vom Schock der letzten Minuten. Als seine Rationen restlos aus seinem Magen verschwunden waren, holte er eine Decke aus der Kiste und legte sie zusammen mit seiner Jacke auf Sennas Leiche. Mit viel Zerren schaffte er es, sein Paddel zu befreien, und ruderte zurück zum Hauptkanal.

Die Fahrt war eine eisige Trance, in der er sich nicht einen Gedanken an Senna erlaubte. Er stellte sich vor, jemand Unbekanntes läge dort. Jemand Krankes, oder vielleicht besser niemand. Nein, niemand lag dort. Und er hatte auch niemanden auf der Schulter, als er sein Boot anband, die verwinkelten Stufen zu seiner Wohnung hinaufging und mit zitternden Fingern den Schlüssel im Schloss umdrehte. Aus den Augenwinkeln jedoch sah Greg, dass seine greise Nachbarin am Fenster stand und diese Illusion nicht teilte. Greg kannte sie nicht lange genug, er war vor kaum mehr als drei Wochen eingezogen. Was mochte die alte Frau denken, als ein Arm aus dem Bündel rutschte, kurz bevor er die Tür schloss?

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Als Kind hatte sie nie verstanden, wieso ihr Vater das Dojo so oft besuchte, und auch nachdem er verstorben war, waren Jahre vergangen, bis Angela selbst die unerschütterliche Ruhe an diesem Ort aufsuchte. Eine Scheidung, eine mühsame Karriereleiter, der viele Streit in der Familie. Schlaf und Medikamente hatten sie nicht ausgeglichen, doch auf dem dünnen Kissen ihres Vaters zu sitzen und die Augen zu schließen konnte das.

Sie hörte auf ihren Atem, versank erst in der Stille des Dojo, dann im Takt ihres Herzens. Angela zählte von Hundert rückwärts, stellte sich vor, sie würde mit leichten Schritten tiefer in das Labyrinth hineinlaufen, von dem sie dachte, dass es ihr Verstand wäre. Dabei konnte sie nicht unterscheiden, was Erinnerung oder Einbildung war. Sie lief an den Szenen in ihrem Kopf vorbei, manchmal hindurch, und gelangte an den Ort, der wiederum aussah, wie das Dojo selbst. Dort saß ihr Vater auf dem Kissen. Er konnte nicht sprechen und sah sie mit derselben Art an, mit der er sie auf dem Sterbebett verabschiedet hatte. Der Mann mit dem milden Blick atmete mit ihr, streckte irgendwann die Hand aus, und Angela nahm sie dankend entgegen.

Das war das Ende der Meditation. Länger konnte Angela die Wirklichkeit nicht abschirmen. Mit einem kräftigen Atemzug erwachte sie, als tauchte sie unter einer Wasseroberfläche auf. Es war dunkel um sie herum. Unter ihren Beinen, die sie aus dem Schneidersitz befreite, knisterte das weiße Seidenkissen ihres Vaters. Angela lächelte und erhob sich. An ihren nackten Füßen spürte sie den Holzboden, ihre Zehen kribbelten. Sie liebte Holz, vor allem altes. Es war selten in Path, und ein ganzes Dojo daraus zu bauen glich einem kleinen Wunder.

Sie spürte, wie die Ruhe wirkte, und verließ die hölzerne Zuflucht mit einer Verbeugung. Im Flur gewöhnten sich ihre Augen träge an das kalte Diodenlicht, in der Küche war die Dunkelheit bereits vergessen. Angela gähnte herzlich, streckte ihre Arme. „Operating System. Neue Nachrichten?“

„Keine Nachrichten“, antwortete die für Angelas Geschmack viel zu freundliche weibliche Stimme des Operating Systems. Eine Spielerei, die sie mit ihrem zweiten Gehaltsbonus bezahlt hatte. Ein weiterer Luxus, der ihr das Gefühl gab, nicht irgendwo in der Mitte der Rangordnung festzusitzen. Sie machte sich eine klare Brühe mit Nudeln, trank eine halbe Flasche Wasser und überlegte, ob sie vor dem Schlafengehen einen kurzen Blick in die Akten ihrer aktuellen Fälle werfen sollte.

Das Klingeln ihres Telefons durchkreuzte beides. Sie fischte den Quälgeist zwischen den Zutaten ihrer Suppe hervor. Auf dem Display stand die Nummer ihres Vorgesetzten. Ihn ihren Ex-Mann zu nennen, das hatte sie bei der Trennung entschlossen, würde ihr nicht einfallen. Seufzend nahm sie ab. „Cold?“

„Angela?“

Sie schob ihre Suppenschale weg und setzte sich auf die schmale Arbeitsplatte ihrer Küche. „Nenn mich bitte Sergeant Cold.“

Captain Charles Cold räusperte sich. „In Ordnung, Sergeant. Ich wollte nicht unhöflich sein.“

Angela nickte anerkennend, auch wenn seine Entschuldigung einstudiert klang. Warum auch nicht? Die Gespräche in jeglichen Abteilungen der Sicherheitskräfte wurden streng überwacht. „Was gibt es, Captain Cold?“

„Ich könnte Ihre Hilfe gebrauchen, gleich jetzt“, erklärte er. „Wir sind knapp heute Nacht. Drobek ist krank und Show beschäftigt.“

Angela sah an ihren nackten Füßen herunter. Die Entspannung wich spürbar aus ihren Beinen. Wieder zum Dienst? Konnte sie ihn davon überzeugen, jemand anders anzurufen? „Ich habe dreizehn Stunden Schicht hinter mir. Ich weiß nicht, ob ich eine große Hilfe wäre. Außerdem habe ich doch Show gerade noch die Klinke in die Hand gegeben.“

„Es gab eine Schlägerei im Jane´s“, erklärte der Captain. „Show muss die Aussagen aufnehmen. Sieht so aus, als hätte Jane jemanden gezwungen Geld zu fressen.“

Angela lachte leise in sich hinein. „Sie ist ein wahrer Schatz, nicht?“

„Bitte, Sergeant. Wir setzen einen freien Tag drauf, wenn die Nacht vorbei ist“, versprach Charles. Versuchte er sie wirklich mit noch mehr, in weite Zukunft verschobene Freizeit zu locken?

Unzufrieden nahm sie den Löffel ihrer Suppe und schob die restlichen Nudeln zu einem Muster am Rand der Schale zusammen. Das konnte sie sich eigentlich nicht bieten lassen, trotzdem wusste sie, dass Charles nicht einfach so anrief. Es musste einen Grund haben.

Sie knickte ein. „Ich komme. Soll ich aufs Revier?“

„Lester ist schon auf dem Weg, er holt Sie ab. Danke für Ihren Einsatz.“ Charles schien sich zu freuen, dass diese Arbeit nicht an ihm kleben blieb.

„Ja“, sagte Angela. „Bitte.“

Sie legte den Kopf in den Nacken.

Plötzlich fielen ihr eine Menge unerledigter Hausarbeiten ein. Es dauerte sicherlich nicht mehr lange und der Stapel mit den schmutzigen Klamotten würde darum betteln gewaschen zu werden. Angela glitt von der kalten Arbeitsfläche, ging ins Wohnzimmer, fand ihre Uniform und streifte sie über. Sie goss sich eine Tasse Kaffee in ihren rosa Thermobecher, ein Geschenk von Charles Nichte, verließ die Wohnung, schloss hinter sich ab und ging durchs Treppenhaus. Die Türen der anderen Wohnungen sahen aus wie ihre, das Gebäude war im Innern verwirrend gleich.

Ein Bienenstock, dachte sie zynisch.

Als Angela den Haupteingang passierte und die surrenden Schiebetüren sich öffneten, umwehte sie eine kühle Luft. Die Straßenlaternen waren eingeschaltet, warfen helle Kreise auf den Gehweg. Kaum ein Auto fuhr auf der Straße.

Angela nippte an ihrem Kaffee und spähte in die Luft. Ein kleiner Lichtball näherte sich ihr, wurde größer, drehte bei und landete vor ihr auf der Straße. Der VSTOL White, auch liebevoll Pelikan genannt, glänzte hochpoliert wie eine riesige Murmel auf zwei schwarzen Kufen. Lester löste die Tönung der Scheibe auf und winkte Angela zu sich. „Ich komme ja schon“, murmelte sie, duckte sich unter dem Seitentriebwerk hinweg und stieg ins Cockpit. Lester drehte sich kurz zu ihr um. „Hey!“

„Er ist leiser als sonst“, sagte sie und nahm auf dem gepolsterten Sitz neben Lester Platz. Der blonde Ingenieur verschränkte zufrieden die Arme vor der Brust und blähte diese stolz auf. Was Angela zum Schmunzeln brachte, denn Lester war nicht mehr als seine rote Uniform und ein bisschen zähes Fleisch. Seine strahlend grünen Augen glitzerten. „Leiser geht‘s nicht, Angel. Die Jungs und ich haben es durchgerechnet. Der Pelikan ist nun der fetteste, leiseste Vertical Short Take Off and Landing, den es gibt.“ Er lachte und nahm den Steuerknüppel wieder in die Hand. Angela gönnte sich einen letzten Schluck aus dem Becher und stellte ihn, wo auch immer Platz schien, ab.

„Wir müssen ins Basislevel, oder?“, fragte sie und stützte ihr Gesicht auf einen Arm. Der Pelikan war alles andere als bequem, aber mit den Jahren fand jeder seine Lieblingshaltung.

„Weißt du?“, fing er an. „Ich glaube, wir fliegen heute einmal zur Abwechslung ins Adhelion. Schauen uns das Theater an, chillen ein wenig in den botanischen Gärten.“

Angela lachte trocken. „Haha, sehr witzig.“

„Du hast angefangen“, gab er zurück und konzentrierte sich wieder auf den Luftraum vor ihm. „Cold schickt uns, weil mehrere Anrufe eingegangen sind. Ein Kerl hat eine Frau verschleppt, oder eine Leiche. Irgendwie wohl beides. Eine nette alte Lady hat ihn dabei erwischt.“

„Das ist nicht dein Ernst?“ Angela atmete wütend ein. „Wenn da nichts ist, dann kann er sich auf etwas gefasst machen.“

Lester schwieg und blies sich eine Strähne aus dem Gesicht. Angela merkte ihm sofort an, dass er es sich nicht mit ihr verscherzen wollte. Immerhin war der Captain im Spiel, und Lester hatte das Talent, sich um Kopf und Kragen zu reden, wenn er einmal seinen genialen Verstand nicht einschaltete. Angela mochte genau das an ihm, auch wenn er es nicht wusste. In den letzten drei Jahren hatten sie sich zu einem guten Team zusammengerauft, selbst wenn das bedeutete, mehr als einen Streit durchzustehen.

Die Wirkung des Kaffees setzte schwach, aber merkbar ein und Angela versuchte sich auf die Sachlage zu konzentrieren. Verwirrte alte Frau. Angetrunken oder einsam. Sieht Phantome in der Nacht bei den schlechten Sichtverhältnissen im Basislevel. Hier und da noch ein Geräusch, und aus einem Bettler wurde ein psychopathischer Massenmörder, der bereits die gesamte Nachbarschaft umgebracht hatte. Angela rieb sich angestrengt die Nasenwurzel.

Unter ihnen zogen die weißen Klötze des Second Level dahin. Aus der Luft gesehen brachte der Anblick Angela stets zum Staunen, da es unter und über ihr noch weiterging. Path war kein großer Klecks auf einem wüsten Feld, sondern ein konischer Gigant, der sich ihrer sonst so üppigen Vorstellung entzog.

Sie verließen den bewohnten Bereich und seine Lichter. Lester flog den Pelikan ruhig und zielstrebig zu den Transitkanälen, wo ein übermüdet wirkender Kerl Anfang zwanzig die Kufen auf der Plattform befestigte und checkte, welche Befugnis zum Transfer Lester und Angela hatten. Er nickte beim Anblick der Marken gravitätisch, kippte einen großen Schalter um und drehte sich sofort wieder zu seinem kleinen Kabuff, als die Plattform in die Tiefe sank. Der gelbe Schein der Sicherheitsleuchten fiel in das Cockpit und färbte ihre Uniformen orange.

Angela beobachtete das Farbenspiel in Lesters Haaren. Wieso wurde er von seiner Arbeit nicht müde? Er saß schließlich neben dem Außendienst noch mehrere Stunden im Hangar, wartete Pelikane und spielte mit irgendwelchen Platinen herum. Dass er wenig jünger war als sie, konnte kein Grund sein.

Lester drehte sich zu ihr. Irgendwie schien er ihren forschenden Blick bemerkt zu haben. Lächelnd versuchte er das Eis zu brechen, das zwischen sie geraten war, und tat das, was Angela so an ihm mochte: Er erzählte wohlgemeinten Blödsinn. „Hast du gehört, dass Show einmal eine während des Transits vernascht haben soll?“

„Was?“, tat Angela erstaunt, auch wenn die Geschichte sie nicht wirklich überraschte.

Der Ingenieur klopfte gegen eine Anzeige und kniff die Augen zusammen. „Wohl eine Zeugin. Er wurde verwarnt. Da war er noch in Topform, also vor deiner Zeit.“

„Er ist ein Schwein“, stellte sie nüchtern fest. Show war ein Chauvinist, wie man ihn vor über zweihundert Jahren erfunden hatte, und er war damit so unverschämt erfolgreich, dass selbst Angela auf ihn hereingefallen war. Diese wenig erfüllende Nacht blieb ihr gut gehütetes Geheimnis. Ob das auch für Show galt, hatte sie nie herausgefunden.

Lester zuckte mit den Schultern. „Kurze Nummer, aber ich stelle es mir spannend vor.“

„Vorstellen ist auch dein Maximum“, parierte Angela. Sie lachten, dann kam der ewige Fahrstuhl am Boden an. „Lass uns die Kontrolle schnell hinter uns bringen. Ich bin wirklich fertig.“

Lester nickte. „Wird gemacht.“

Beinahe lautlos flog der Pelikan über die niedrigen Behausungen hinweg, stob hier und da Staub auf, wenn sie sich an einer Stelle orientierten. Der Anblick der weißen Kugel ließ nächtliche Spaziergänger in Gassen und Häuser fliehen. Dabei genossen die Sicherheitskräfte großes Ansehen in Path, und darüber hinaus gab es deutlich weniger Verbrechen, als noch kurz nach der Gründung. Man konnte, wenn Angela da an die Geschichten ihres Vaters dachte, von wirklich ruhigen Zeiten sprechen. Natürlich gab es Gewalt, fast schon selbstverständlich für eine Gegend wie das Basislevel, aber mehr als acht brutale Morde hatte Angela in ihren sieben Jahren nicht gesehen. Die Menschen schienen alle zu spüren, dass es vor Path schon schlecht gelaufen war. Sie wollten es wohl nicht schlimmer machen.

„Da drüben ist es“, sagte Lester und zeigte auf sein Display. „Wir können auf dem Dach des Hauses dort landen.“

„Auf dem Dach?“, fragte Angela. Sie blinzelte durch die Scheibe und schüttelte mit dem Kopf. „Das würde ich nicht machen.“

Lester lachte. „Hey, er ist fett, okay. Aber er wird nicht durch die Decke krachen. Glaub mir.“

„Auf deine Verantwortung, Pilot.“

Sie landeten vorsichtig auf dem Dach des Nachbarhauses. Lester steuerte selbst auf so engem Raum seelenruhig und mit einer Muße, als würde er einen Faden durch ein Nadelöhr führen. Angela checkte ihre Waffe, Taschenlampe, ihren Dienstausweis und fluchte leise, als der Becher aus dem Cockpit fiel, während sie ausstieg. Es musste ein lauteres Geräusch gemacht haben als der verdammte VSTOL selbst.

Lester nahm davon keine Notiz. „Ich bleibe hinter dir, du gehst die normale Routine durch, dann sind wir in zehn Minuten wieder auf dem Heimweg.“

„Sieben – und du könntest direkt hier sitzen bleiben, wenn es nach mir ginge“, antwortete Angela.

„Angel, ich bitte dich. Das Protokoll!“

„Jaja.“

Sie nahmen den Weg über eine Feuerleiter. Lester hatte nicht gelogen, nirgendwo hätten sie landen können. Es gab einfach keinen freien Platz. Auf der Straße angekommen, sah der Pelikan aus wie eine überdimensionale Empfangsanlage, und Angela erkannte von Weitem das erleuchtete Fenster, an dem bereits die alte Dame stand. Sie zeigte auf das Haus gegenüber. Angela war nicht wohl bei dem Gedanken, einen unbescholtenen Bürger aus dem Schlaf zu reißen. Wahrscheinlich, weil sie jetzt selbst gerne in ihren Laken gelegen hätte.

Sie klopfte an die Tür. „Sicherheitskräfte, Sergeant Cold hier. Bitte öffnen Sie die Tür.“

Sie warteten kurz, dann wiederholte Angela das Procedere. Lester zog die Nase hoch und sah rüber zu der alten Dame, die sich nicht traute das Fenster zu öffnen. „Vielleicht sollte ich Sie noch einmal befragen?“

„Nein, davon macht er nicht eher auf“, knurrte Angela und klopfte lauter. Mittlerweile war ihre Scheu, die Nachbarschaft zu wecken, verflogen.

„Bitte, Angel.“ Lester schob sie zur Seite, holte ein Stück Knetmasse aus einer Schachtel in seiner Hosentasche und drückte es in das Schloss. „Soll er uns die Rechnung aufs Revier schicken.“

Mit einem bestialischen Gestank löste sich das Schloss auf, die Tür schwang in den dunklen Flur. Angela rang sich ein Lächeln ab. „Ich mag, wie du denkst.“

„Ich denke nur daran, dass ich dich noch nach Hause fliegen darf.“

Angela betrat mit einem halben Schritt die Wohnung, ihre rechte Hand schwebte über dem Holster ihrer Waffe. Im Flur roch es nach abgestandenem Wasser, der Boden war schmierig und nass. Lester leuchtete von hinten. Der Lichtkegel zitterte, er schien aufgeregt. Wie viele Einsätze im Basislevel hatte er hinter sich gebracht, die voraussetzten, dass er mitten in der Nacht in ein Haus eindrang?

Angela machte sich erneut bemerkbar. „Sicherheitskräfte der Stadt Path, Sergeant Simon und Sergeant Cold. Bitte kommen Sie mit erhobenen Händen raus und beantworten Sie uns ein paar Fragen.“

Ein Geräusch ertönte zu ihrer Linken, Angela nahm die Waffe aus dem Holster. Das Metall glänzte mattschwarz, ein roter Laserpunkt tanzte durch die staubige Luft. Angela hielt so sehr es ging den Atem an, denn der Geruch von gammligem Wasser wurde immer penetranter. „Haben Sie gehört? Kommen Sie mit erhobenen Händen raus.“

Sie drehte sich zu Lester um, nur kurz, nickte ihm zu und bedeutete ihm, nah bei ihr zu bleiben. Aus dem Gesicht des jungen Mannes war der gesamte Schalk des Fluges gewichen. Angela glitt mit der Pistole um die Ecke, Lesters Licht folgte Sekundenbruchteile später.

Dann erstarrten beide.

Vor ihnen kauerte ein Mann, die Hände erhoben. Sein Gesicht wirkte panisch, aber er schien sich nicht bewegen zu wollen, noch sagte er ein Wort. Neben ihm stand eine Couch, auf der ein lebloser Körper lag. Das Zimmer, in dem sie standen, war schäbig, überall lagen Dinge herum, Papier, Tücher, jede Menge Tücher. Angela hörte, wie Lester durch sein Funkgerät Verstärkung rief. Sie selbst blieb fest auf ihrer Position, die Waffe auf den Kauernden gerichtet. „Bleiben Sie, wo Sie sind!“

„Sergeant Cold?“ Lester schob sich durch den Türrahmen an ihr vorbei.

„Festnehmen! Sofort!“, befahl sie, ohne ihren Ton zu mäßigen. Lester eilte auf ihn zu, schnürte erst die Handgelenke des Mannes zusammen und kettete ihn dann an einem der Wasserrohre fest, die offen durch die Wohnung liefen. Der Verdächtige wehrte sich nicht und Angela schaltete ihre Taschenlampe an, um ihn und die Couch genauer zu betrachten. Beinahe ließ sie sie fallen. „Was zum …?“

Ihre Gedanken brachen über ihr zusammen. Wie konnte das sein? Kannte sie wirklich die Züge der Frau, die dort lag? Angela schrie, heiser, aber sie schrie. Voller Angst stürzte sie auf die Couch zu, fiel auf die Knie und wischte ihrer Schwester die Haare aus dem Gesicht. Sennas Haut war ganz verquollen, ihre Haare nass und schmutzig. Sie hatte die Augen weit aufgerissen und ihr Mund war ein regloses schwarzes Loch.

„Sergeant Cold, kennen Sie die Person?“, fragte Lester. Wie lange hatte er damit gewartet, bis es ihm angemessen erschien? Angelas Reaktion dürfte so ziemlich alles verraten haben. Sie ging einen Schritt zurück, löste sich von Senna. Mit der Taschenlampe suchte sie den Körper ihrer Schwester ab und erschrak heftig, als sie das Loch in der Brust entdeckte. Jemand hatte es mit Tüchern gefüllt. Sie sah aus wie eine missglückte Strohpuppe. Angela wandte sich ab.

„Sergeant Cold?“

Lesters Stimme kam ihr weit entfernt vor. Ihre Augen brannten, dabei waren da noch nicht einmal Tränen. Mit einer Hand vor den bebenden Lippen, der anderen vor ihrer klopfenden Brust, hockte sie sich hin. Woher kam der Schmerz? Was hatte sie zuletzt zu Senna gesagt? War es etwas Schlimmes gewesen? Die Gedanken stachen wie Nadeln, die sich in ihr Herz bohrten. Nein! Sie versuchte sich zu sortieren, schluchzte und stand mit wackligen Knien auf. Der Mörder saß direkt hier neben ihr, sie musste handeln!

„Du perverses Arschloch!“ Außer sich vor Wut, hielt sie auf ihn zu, die Waffe gezückt. „Ich knall dich ab!“

Eine Hand fuhr durch die Luft, es gab einen Schuss. Im Licht der Mündung blitzte Lesters Gesicht auf. Er hatte sie im letzten Moment vor einer großen Dummheit bewahrt. Keuchend sah sie auf ihre Hand, ihren durchgestreckten Arm. Lester drückte ihn mit aller Kraft runter.

Er kam ihr nahe und flüsterte ihr zu. „Scheiße, Angel, was soll das? Beruhige dich!“

„Was soll ich mich beruhigen?“, fauchte sie und steckte die Waffe weg. Das Wechselbad der Gefühle brachte sie an ihre Grenzen. „Dieser Mann heißt Greg Singer, er hat meine Schwester ermordet!“

„Du kennst ihn?“ Lester sah Greg an. „Ist das Ihr Name? Greg Singer?“

Greg nickte, seine Lippen waren staubtrocken und seine Augen glasig.

„Haben Sie die Frau umgebracht?“, fragte Lester. Es kam keine Antwort. Der junge Kollege schien erst jetzt begriffen zu haben, was für Ausmaße die Situation hatte. Er sah auf die Couch, dann zu seiner Partnerin. Funklaute knarzten durch die Leitung, Lester drehte an einem Rädchen herum und stellte sich in den Türrahmen. Die Einsatzleitung war am anderen Ende. Angela konnte nichts von dem Gespräch hören. Kleine Stücke Beton rieselten aus dem Loch in der Decke, wo die Kugel eingeschlagen war, auf den Boden. Angelas Stimme bebte, sie beobachtete jede von Gregs Regungen. „Du warst es, hab ich recht?“

Greg sah auf den Boden. Er bewegte seine gefesselten Hände und schluckte schwer, doch er suchte noch die Worte. Lester hatte ihn viel zu eng an die Rohre gebunden, die Adern traten dick hinter den Rändern hervor. Angela hätte sie ihm am liebsten abgehackt, ihn dann erschossen. Mit Augen wie ein geschlagener Hund sah er zu ihr rüber. „Nein. Ich hab sie nicht umgebracht, Angela.“

„Das wünschst du dir!“, zischte sie. Die Kälte der Leiche, der Schatten ihrer Schwester, kroch wie ein Gift durch den Raum bis zu ihr. Sie konnte nicht länger hier bleiben, aber sie durfte auch Singer nicht alleinlassen.

„Ich wünsche mir, verdammt noch mal“, antwortete Greg aufgeregt, „dass man sie nicht umgebracht hätte. Das wünsche ich mir!“

Angela war danach, ihn mit dem Gesicht in das klaffende Loch in der Brust ihrer Schwester zu drücken. „Was hast du ihr angetan? Hast du dich an ihr gerächt, ja? War die Trennung zu viel für dich? Bist du wieder durchgedreht und hast jemanden umgebracht, der dir nahestand?“

Gregs Gesicht veränderte sich, Angela schien etwas in ihm auszulösen. Er bäumte sich auf und das Rohr gab unter der Kraft seiner Arme ein Stück nach, die Schnüre schnitten sich tiefer in seine Haut. Er stöhnte vor Schmerz. „Ich hab sie, verdammt noch mal, nicht umgebracht, hör mir doch zu! Ich konnte nichts machen. Ich hab sie im Wasser gefunden, da war sie schon tot!“

„Man wird dich bald im Wasser finden, mit dem Gesicht nach unten!“

„Na, na“, drängte sich Lester dazwischen, „daraus wird nichts, Sergeant Cold. Sie geben mir bitte sofort Ihre Waffe.“

„Seit wann gibst du mir Befehle?“, wehrte sich Angela und glitt aus seinem Griff, der sich um ihren Arm gelegt hatte. Wieder kam Lester ihr nahe, flüsterte ihr zu. Aber finsterer, ungekannt bestimmt. „Sofort, Angel. Deine Waffe, ich nehm sie. Du wirst hier niemanden erschießen, und wenn du jetzt machst, was ich sage, dann ist der Schuss aus Versehen losgegangen und du darfst weiter deinen Dienst antreten.“

Angela sah ihn entgeistert an. Lester bleckte die Zähne und streckte die Hand aus. „Wird‘s bald?“

Angela zog die Pistole aus dem Holster, legte sie in Lesters Hand und schüttelte den Kopf. Sie begann zu weinen, ihr Mund verzog sich zu einem quäkenden Schrei. Voller Scham über das, was zwischen ihr und Senna passiert war, sank sie neben der Couch zusammen und packte die Finger der Toten.

Sie weinte, bis weitere Kollegen eintrafen. Die alte Nachbarin hatte sich schüchtern an die Eingangstür gestellt und wollte nur Danke sagen, Lester führte sie weg und gab sie in die Obhut der eintreffenden Kräfte. Der Captain nahm Angela in den Arm, aber sie spürte nichts von der Wärme, die er ihr geben wollte. Charles veranlasste daraufhin das gesamte Programm. Sie wurde zur Seite genommen und befragt. Zu ihrer Schwester, ihrem letzten Aufenthaltsort, zu Greg Singer und dem Schuss, der sich gelöst hatte.

Wenn die Routine eines konnte, dann Angelas Emotionen ersticken, und so klammerte sie sich mit aller Macht an die Protokolle, um diese Nacht hinter sich zu bringen. Als man aber Greg an ihr vorbei abführte und sie in seinen Augen nach Anzeichen für seine Schuld suchte, konnte sie erahnen, dass dieser Fall noch lange nicht zu Ende war.

Sie sollte schon bald recht behalten.

Folge 2: Wachtraum

Die Kollegen schwirrten um Angela herum, wie Insekten in einem Treibhaus. Es lag diese besondere Stimmung in der Luft, in der jeder etwas tun musste, aber keiner wusste, was. Angela stand unter Schock und klammerte sich an die Kaffeetasse wie an einen Rettungsring. Ungeduldig sah sie von ihrem Schreibtisch auf, hinüber in den Besprechungsraum. Hinter der Glasscheibe hatten sich die Gemüter erhitzt, immer wieder warfen ihr Männer und Frauen, die sie nicht einmal kannte, mitleidige Blicke zu. Angela sah wieder auf die Brühe, die man ihr vorgesetzt hatte. Als könnte auch nur einer von denen verstehen, was passiert war, dachte sie. Lester kam kurz vorbei. Er legte ihr seine Hand tröstend auf den Rücken, doch Angela war mit ihren Gedanken bei Senna.

„Ich werde jetzt da reingehen“, sagte er schließlich. „Wir werden die ganze Nacht brauchen. Soll dich jemand heimbringen?“

„Nein“, antwortete sie automatisch und nahm einen Stift in die Hand. „Ich muss Formulare ausfüllen.“

„Das kannst du auch morgen“, schlug er vor.

„Ich könnte Details vergessen“, log sie und sah ihn bittend an. „Lass mich.“

Der Captain winkte Lester zu sich und ließ Angela allein. Tatsächlich füllte sie die Protokolle aus, aber nur, um nicht von hier wegzumüssen. Sie wollte warten, bis die Besprechung vorbei war und die Befragung erste Ergebnisse gebracht hatte. Sie rechnete fest mit einem Geständnis. Etwas anderes konnte sich dieses Schwein nicht erlauben. Notfalls würde sie das Geständnis aus ihm herausprügeln.

Die Tür des Besprechungsraums öffnete sich und Charles kam heraus. Er sortierte sein Haar und sah streng über den Rand seiner Brille. Angela fühlte sich elend. Wie musste sie dann erst auf andere wirken? Der Captain setzte sich auf die Tischkante und faltete die Hände in den Schoß. „Angela. Geh bitte nach Hause, wir werden uns melden, sobald wir mehr wissen.“

„Werdet ihr nicht“, antwortete sie stoisch.

„Du weißt, dass du an diesem Fall nicht mitarbeiten kannst. Also wieso nimmst du nicht deine Sachen? Ich gebe dir eine Woche frei. Deine Mutter braucht dich jetzt.“

„Meine Mutter?“, fragte Angela und spürte ein Stechen im Bauch. Sie hatte ihre Mutter vollkommen vergessen. Wie sollte sie ihr nur gegenübertreten? Es war schließlich Angelas Schuld, dass Senna von zu Hause abgehauen war. Das würde ihre Mutter ihr nie verzeihen.

Charles zog seine Brille von der Nase und rieb sie an seinem Pullover. „Ja. Oder willst du, dass ich es ihr sage?“

„Nein!“ Angela sprang auf und stützte sich am Tisch ab. Beschämt wich sie Charles´ Blicken aus. „Das mache ich. Das müsst ihr nicht machen.“

„Dann hast du es also verstanden?“ Charles nickte zufrieden.

„Ich werde es ihr sagen, ja“, sagte Angela. Ihr Herz schlug ruhig, aber ihre Nerven lagen blank. „Ich werde hier bleiben und die Ermittlung verfolgen, wenn du erlaubst.“

„Das kann ich nicht. Du bist befangen“, erwiderte Charles diszipliniert und in seinem gewohnt unterkühlten Ton. Er hielt sich wohl immer noch für den großartigen Anführer, den Angela nie leiden konnte. „Geh nach Hause. Das ist ein Befehl.“

„Darf ich bei der Befragung dabei sein?“, wiederholte sie.

Charles Gesicht verfinsterte sich.

Ohne zu antworten erhob er sich vom Schreibtisch und ging wieder in den Besprechungsraum. Eine Diskussion mit dem Captain vor der gesamten Belegschaft hätte Angela durchaus in Kauf genommen. Dass er ging, war seine Art sie vor mehr Dummheiten zu beschützen. Jemand verblendete die Scheiben des Besprechungsraumes. Das war´s. Angela blieb offensichtlich nicht viel mehr übrig, als endlich ins Bett zu fallen und zu schlafen. Je mehr sie versuchte, sich damit abzufinden, desto stärker wurde das Stechen in ihrem Bauch.

Auf einmal tippte ihr jemand von hinten an den Kopf. „Hey. Hörst du mich denn gar nicht? Kommst du jetzt mit, oder willst du hier sitzen bleiben?“